Da steht sie tief betroffen,
Denkt bang an mich und schwer,
Begräbt mich bei dem Weinstock,
Der sagt ihr: daß Ich’s wär!
Jetzt hatten wir Stimmung! Das Herz war uns schwer, und wir begriffen, wie den Abgeschiedenen zu Muth war, die mir so eigen bedürftig, so eigen heimathlos vorkamen, wie den Schiffern die müden Vögel, die vor Hunger und Müdigkeit ohne Menschenfurcht sich auf dem Fluge über das Meer in die Segelstangen setzen, sich ausruhen, auch wohl schlafen und im Schlafe vom Morgen träumend singen! — O Natur, du bist unter allen Masken nur Eine, voll Leid und Freude und Trost und Hoffnung immer und überall.
Darauf gingen wir hinter in den grünen Raum, wo die deutschen Auswanderer lagerten, theils in offen stehenden leeren Magazinen, Scheunen, theils auf dem Platze davor. Es ist unmöglich, zu leugnen, daß der Anblick ergriff: diese kraftvollen, rüstigen Männer, diese gesunden, auch schönen Weiber und rosigen Jungfrauen, diese Knaben und Mädchen, diese kleinen Kinder in Bettchen hier, dort auf Strohe liegend, und von den kleinen Schwesterchen gewiegt, herumgetragen, oder im Schlafe bewacht von einem treuen Hunde, der wie aus dem Schlaf die Augen nach uns richtete, aber die wohlwollende Seele in den unsern erkannte, nicht anschlug, nicht knurrte, sondern ruhig wieder die Schnauze hinstreckte. Auch alte Männer mit weißen Haaren saßen da, welche, kaufmännisch betrachtet, doch kaum die paar Thaler für die Überfahrt werth waren, und welche doch — wie die Türken in Constantinopel sich drüben in Scutari begraben lassen — auch drüben wollten begraben seyn. Sie schnitzten Löffel, auch nur Spielsachen für die Kinder. Hier und da hing ein Ochse oder eine Kuh, welche für ihre Mühe: die Wagen hierher an das Ufer zu ziehen, geschlachtet und für die Seereise in Fässer eingepöckelt wurden. Selbst einigen Ziegen war es so gegangen, die räuchern hingen, und ihre gehörnten Felle nicht weit davon zum Trocknen. Andere Ziegen mit schwellenden vollen Eutern, von den Jungfern mit Gras gefüttert und eben gemolken, sollten den Kindern auf der See frische Milch geben, und es drängte mich, den Weibern zu lehren, wie sie auch Milch aufbewahren können. Kessel kochten das Abendessen über Feuern; im Strom gefangene Fische zappelten auf dem Rasen noch ungeschlachtet. Wasserkrüge und kleine Trinkkrügchen standen bereit. Alle waren anständig gekleidet, Manche vielleicht aus Armuth sonntäglich.
»Welche Wehmuth geht von dem Raume aus!« sprach der Prinz. »Hier schaut man unleugbar: Ganz gewiß ist etwas vorgegangen, ganz gewiß ist diesen Menschen etwas Unleidliches geschehen, ganz gewiß hoffen sie Erlösung, eine bessere Zukunft, als sie hier abwarten und mit durchleben wollen, daß wir diese Tausend und schon Legionen und noch Legionen hier am Eingang des Meeres sehen! Etwas ganz gewiß. Das ist unleugbar. Etwas, dem Niemand helfen kann oder will. Denn menschliche Geduld ist — übermenschlich, oder deutsch. Ach, wer in alle die Herzen sehen könnte! Diese Menschen sind nur — heilige Meerschweine, die auf die Oberfläche der See kommen, wenn Sturm soll kommen! Sie sind Sturmvögel! Oder fliegende Fische, die nicht vor Vergnügen . . . . sondern, dem Tode zu entgehen, vor Angst vor einem oder vielen kleinen Haien, sich der ihnen von der Natur aus Vorsorge zu Lehn gegebenen großen Flossen oder Flosse — der Schiffe — bedienen. Sie sind Männchen im Mantel, die aus dem Wetterhäuschen bei schlechtem Wetter herauskommen, und von der gekrümmten Darmsaite gezwungen, sich herauswinden müssen. Denn welche Schnecke bleibt nicht gern in ihrem Hause? Welcher Fuchs ist so dumm, aus der Haut zu fahren, als wenn sie aufgeschnitten ist und er gebrannt und geprellt wird. Der Mensch ist nicht dümmer als das Vieh, aber am Ende auch so klug und so tapfer. Ja der Zahnarzt, der keinen Zahnarzt findet, nimmt sich in der Angst selbst einen Zahn aus, und je weher er sich selber thut, je lieber er sich selber zur Thür hinauswerfen möchte, je gewaltiger ruckt er an seinem Zahne, bis er hinausfliegt. Kurz, hier schmerzen die Zähne, oder die Herzen. Herzensweh, größtes Weh!« sprach er und schlug die Augen nieder. Meine Tochter auch, die dem von Wohlwollen leuchtenden Jüngling mit feuchten Augen zugesehen, oder zugehört — ich weiß nicht.
Mein ehrwürdiger Prinz — wollte ich sagen — aber durfte nur sprechen: Sie einziger, theurer Herr Leuthold, wie ungern gebe ich Ihnen Recht — verzeihen Sie, es ist höchst unrecht und unanständig, vornehmen Leuten Recht zu geben — Furcht und Hoffnung treibt und jagt die Welt. Indeß, was Jeder, oder was Alle hoffen oder fürchten, ist nach der Bildung des Geistes und Herzens eines Jeden verschieden, und stuft sich ab von Brot bis zur Freiheit, von Qual bis zu Kälberbraten und Salat. Indessen wäre es doch höchst wichtig, selbst den Höchstwichtigen, zu wissen: was diese fliegenden Fische oder Wettermännchen fürchten oder hoffen, oder hoffen und fürchten. Wir wissen es so ziemlich gewiß, aber ob auch Diese? Doch das Volk weiß Alles wahr und klar, durch handgreifliche Dinge, und beurtheilt die Saaten und die Bäume nach Garbe und Frucht; die Graf Magnische Wolle, Electoral- und Königlich-Spanische Wolle beurtheilt es aber blos nach dem Rocke — den es selber tragen kann!
»Rem acu tetigisti! Sie haben den Schaden mit der Sonde berührt, und er schmerzt mich!« versetzte Herr Leuthold. Mein Schulmeister Tolera hatte schon Bekanntschaft unter der Menschenheerde gemacht, und er zeigte uns Studenten von verschiedenen Universitäten, die, wie er uns erzählte, statt Doctoren zu werden, mit dem Gelde von ihren Ältern, theils ohne . . . theils daß diese es wußten, und zufrieden waren, nach Amerika auswanderten. Sie wollen auf einer Nordamerikanischen Universität studiren, oder drüben Garten-, Vieh- und Menschenzucht betreiben, und haben sich schon die haltbarsten, schönsten Mädchen hier ausgesucht, die ihnen die Ältern nicht abschlagen wollen. Ich begreife gar nicht, wie aus altem Holze schon neue Triebe wachsen, wie man auf der Reise an’s Heirathen denken kann. Freilich paaren sich Störche, Amseln, Kraniche und Schwalben, grade ehe sie fortziehn — wie die fortgeschickten Polen in Danzig alles von der Straße wegheiratheten. So wundre ich mich nun nicht mehr so sehr. Vorhin war ein Herr hier, der frug einen Professor, der auch mit auswandert: »Das sind wohl eigentlich alles Pracken?« Gewiß, versetzte der Professor; aber es bleibt dabei die Frage: ob sie geprackt worden, oder ob sie geprackt haben — alle Andern, alle Solche wie Sie, und Sie nicht ausgenommen. Dabei kehrte er ihm den Rücken. Tolera brachte uns aber eigentlich nur die beiden Knaben, die vorhin das Lied von der Schwalbe gesungen, und winkte sie näher. Sie kamen, die gelben Strohhütchen in den wie zum Beten gefalteten Händen, waren bildhübsch, und der Älteste, der Anselm, sprach: »Ach, liebe Herren, Alle oder Einer, unser Vater ist blos über dem Wasser hier drüben, in einer großen Stadt, die Kentucky heißt; unsre Mutter hat sollen nachkommen, sie ist aber gestorben, und nun lacht uns jeder Schiffscapitain aus, wenn wir ihn bitten: uns ohne Geld mit hinüber zu nehmen. Erbarmen Sie sich, Einer oder Alle, unsres Vaters, der wird sich doch gar zu sehr freuen! Ach, und das ist ein rechtes Unglück, man kann drüben nicht mehr die Überfahrt abverdienen, wenn Einen der Capitain dafür auf ein paar Jahr vermiethet, das hat der drübensche Congreß verboten! Ach, wenn der Congreß uns sähe am Ufer stehen, er wäre ein barmherziger Amerikanischer Congreß! Aber die Congresse sind so weit von uns, so unbarmherzig und hart und wie blind, daß sie uns arme Kinder freilich nicht hier stehen sehen können! Aber Sie sehen uns stehen, beste Herren! Oder wenn Sie kein Geld haben, oder an uns nichts wenden wollen, befehlen Sie nur einem Capitain, daß er uns mitnehmen muß! Schreiben Sie es mit ihm nieder, daß er mich drüben verkaufen muß, für mich und meinen Bruder, den armen Schelm! Ich will Gutes thun. Indeß wachs’ ich noch größer. Und wenn ich meinen Vater erst in zehn Jahren sehe, so sehe ich ihn doch einmal und mein Bruder auch.« Die Kinder faßten vor Freude sich schon bei den Köpfen.
Master Erwin sagte uns, daß alle europäische Contracte in der Union gar nichts gelten, und warnte uns. Meine Tochter schien ihn zu bitten, den lieben Knaben die Überfahrt zu bezahlen, als sie der Prinz schon beide an den Händen ergriff, und zu einem Capitain führte, der jetzt aus einer Scheune kam. Ein sonnegebräunter, kerniger, hoher Mann im blauen Frack und langen, weiß und roth gestreiften Hosen und Schuhen, einen dreieckigen langen niedrigen Hut die Quere auf dem Kopfe, wie ein kleines schwarzes Boot. Er gab jedem der Knaben darauf eine Karte aus seiner Brieftasche; und ohne vor Freuden sich nur zu bedanken, sprangen sie fort und rissen vor Eifer im Laufe andere Kinderchen um. Der Prinz kam still wieder zu uns. Master Erwin, oder nun mit Gott denn: mein Schwiegersohn, hatte indeß ein Gespräch mit mehreren Auswanderern angeknüpft, deren Einer ihn jetzt als Amerikaner auf sein Gewissen frug: