Es existieren Betrachtungen über den politischen Zustand von Europa vom Jahre 1736, die uns die Lage, besonders der deutschen Angelegenheiten, kurz vor dem österreichischen Sukzessionskriege geistreich und bündig schildern. Wenn der Verfasser zugibt, daß Kaiser Karl VI. seine Macht im Reiche zu erweitern, die Verfassung monarchischer zu machen bemüht sei, daß derselbe sogar durch seine Verbindung mit den Russen, die schon damals an dem Rhein erschienen, einigen Artikeln seiner Kapitulation zuwidergehandelt habe, so findet er doch auf dieser Seite die Gefahr so groß nicht; der letzte Krieg, meint er, habe die Schwäche des kaiserlichen Hofes offenbart; in dem Stolze und der Gewaltsamkeit, mit denen derselbe seine Pläne durchzusetzen suche, liege ein Heilmittel gegen sie. Hüten wir uns dagegen, ruft er aus, vielmehr vor denen, die durch geheime Kunstgriffe, durch einschmeichelnde Manieren und eine erdichtete Güte uns in die Sklaverei zu bringen suchen. Er findet, daß Kardinal Fleury, damals Premierminister von Frankreich, obwohl er die Miene außerordentlicher Mäßigung annehme, dessenungeachtet und zwar gerade unter diesem Scheine die Pläne eines Richelieu und Mazarin verfolge. Durch anscheinende Großmut schläfere er seine Nachbarn ein; er leihe gleichsam seinen sanften und ruhigen Charakter für die Politik seines Hofes her. Mit wie viel Klugheit, ohne Aufsehen und Lärm, habe er Lothringen an Frankreich zu bringen gewußt; – um die erwünschte Rheingrenze zu erobern, woran nicht gar viel fehle, erwarte er nur die Verwirrungen, die der Tod des Kaisers unfehlbar nach sich ziehen müsse.
Im Jahre 1740 starb Karl VI. Kardinal Fleury ließ sich sogar zu noch kühneren Schritten fortreißen, als man ihm zugetraut hatte. Er sagte geradeheraus, er wolle den Gemahl der Maria Theresia nicht zum Nachfolger ihres Vaters, weil derselbe schlecht französisch gesinnt sei; er vor allen war es, der Karl VII. von Bayern die deutsche Krone verschaffte; er faßte den Plan, in Deutschland vier, ungefähr gleich mächtige Staaten nebeneinander zu errichten, das Haus Österreich ziemlich auf Ungarn einzuschränken, Böhmen dagegen an Bayern, Mähren und Oberschlesien an Sachsen zu bringen, Preußen mit Niederschlesien zu befriedigen; wie leicht hätte über vier solche Staaten, die sich ihrer Natur nach niemals miteinander verstanden haben würden, Frankreich dann eine immerwährende Oberhoheit behauptet!
Preußen
In diesem Moment einer augenscheinlichen wahren Gefahr des deutschen Vaterlandes, das damals weder mächtige Staaten hatte, noch durch Taten ausgezeichnete Männer, noch ein ausgesprochenes festes Nationalgefühl, – keine Literatur, keine Kunst und eigene Bildung, die es dem Übergewichte der Nachbarn hätte entgegensetzen können, trat Friedrich II. auf, erhob sich Preußen.
Es ist hier nicht der Ort, weder den Fürsten zu schildern, noch den Staat, den er fand, den er bildete; auch möchten wir es uns nicht so leicht getrauen, die ursprüngliche Kraft des einen und des anderen und die Fülle des Daseins, die sie entfalteten, darzustellen; suchen wir uns nur ihre Weltstellung zu vergegenwärtigen.
Dann müssen wir allerdings zugestehen, daß die erste Bewegung Friedrichs von der Richtung, welche die französische Politik gleich nach dem Tode Karls VI. einschlug, unterstützt wurde. Allein sollte er sich viel weiter mit derselben einlassen? Er selber ist es, der als Kronprinz und noch entfernt von eigentlichen Geschäften jene Betrachtungen, von denen ich eben eine Idee zu geben suchte, aufgesetzt hatte; sie sind, wie man sieht, ganz wider die französische Politik gerichtet. Die Gefahr, welche von dieser Seite her über Deutschland schwebte, sah er so deutlich, empfand er so lebhaft als irgend möglich. Eben deshalb aber hatte er seinen Krieg ganz auf eigene Hand unternommen; er wollte nie, daß der Erfolg seiner Waffen den Franzosen förderlich würde. Mit welchem Ernst erklärte er ihrem Gesandten, er sei ein deutscher Fürst; er werde ihre Truppen nicht länger auf deutschem Boden dulden, als das Wort der Verträge besage. In dem Spätjahre 1741 hätte es nicht so unmöglich scheinen sollen, Österreich völlig herabzubringen. Böhmen und Oberösterreich waren nicht viel minder in feindlichen Händen als Schlesien; Wien war so gut bedroht wie Prag; wenn man diese Angriffe mit angestrengten Kräften fortgesetzt hätte, wer will sagen, wozu es hätte kommen können? Ich will es Friedrich nicht als Großmut anrechnen, daß er diesen letzten Schritt vermied; er wußte am besten, daß es sein Vorteil nicht gewesen wäre, Frankreich des alten Gegners zu entledigen. Als er die Königin von Ungarn am Rande des Verderbens sah, wollte er sie Atem schöpfen lassen; er sagt es selbst; mit Bewußtsein hielt er inne und ging seinen Stillstand ein. Sein Sinn war, weder von Frankreich noch von Österreich abzuhängen; völlig frei wollte er sich fühlen und zwischen ihnen eine unabhängige, auf eigene Kraft gegründete Stellung einnehmen. In diesem einfachen Vorhaben liegt der Aufschluß für seine Politik während der Schlesischen Kriege. Nie ward eine Erwerbung mit eifersüchtigerer Wachsamkeit behauptet als die seinige. Er mißtraut den Freunden nicht minder als den Feinden; immer hält er sich gerüstet und schlagfertig; sobald er sich im Nachteil glaubt, sobald er die Gefahr nur von fern kommen sieht, greift er zu den Waffen; sowie er im Vorteil ist, sowie er den Sieg erfochten hat, bietet er die Hand zum Frieden. Wenn es sich versteht, daß es ihm nicht beikommen konnte, sich einem fremden Interesse zu widmen, so hat er doch auch sein eigenes ohne Übertreibung, ohne Selbstverblendung vor Augen; nie sind seine Forderungen übermäßig; nur das Nächste bezwecken sie; dabei aber will er bis zum Äußersten festhalten.
Indessen konnte wohl diese so unerwartet emporgekommene Unabhängigkeit, die eine kühne und trotzige Stellung einnahm, nicht anders als das Mißfallen, die Feindseligkeit der Nachbarn erregen.
Man begreift es, wenn Maria Theresia den Verlust einer reichen Provinz nicht sogleich verschmerzte und die Erhebung eines so glücklichen und geschickten Nebenbuhlers im Reiche mit Mißbehagen ansah. Aber auch in das nördliche System griff das Ansehen von Preußen bedeutend ein; daß es einen übrigens sehr unschuldigen Traktat zur Behauptung des Gleichgewichts im Norden mit Schweden und Frankreich eingegangen, erweckte ihm den ganzen Haß einiger russischen Minister, die ihre Suprematie im Norden bedroht glaubten.
Billig hätte der König um so mehr eine Stütze an Frankreich finden sollen. Aber daß er nicht wie Schweden zu regieren war, daß er sich erdreistete, eine freie selbständige Politik zu befolgen, zog ihm den Unwillen auch des Hofes von Versailles zu; obwohl dieser Hof sehr gut sah, was es auf sich habe, so beschloß er doch, sein ganzes System zu ändern und sich nunmehr an Österreich anzuschließen. Die öffentliche Meinung stimmte in einer jener plötzlichen Aufwallungen, die ihr besonders in Frankreich so eigen sind, dem Traktate freudig bei. So gelang es der Kaiserin, die beiden großen Kontinentalmächte mit sich zu vereinigen; minder Mächtige, die Nachbarn in Sachsen, Pommern, gesellten sich zu ihnen; es war ein Bund im Werke, nicht viel anders, als wie er nach Karls VI. Tode wider Österreich geschlossen worden war, und durch die Teilnahme von Rußland sogar noch stärker; von einer Teilung der preußischen Staaten war nicht minder die Rede, als früher von einer Teilung der österreichischen, und nur über der See fand Friedrich Verbündete – die nämlichen, die es damals mit Österreich gehalten hatten.
Im Besitz einer trotz der neuen Erwerbung doch nur sehr mäßigen, diesem Bunde gegenüber unbedeutenden Macht sollte er fähig sein, sollte er es nur wagen, den Kampf mit demselben zu bestehen?