Nach dieser Ausweitung und Vertiefung des Sachverhaltes ‚Protestantisch‘ ziemt uns ein Blick zurück auf die Ursprünge des Christentums, ihr Christen. Was nämlich diese Ursprünge anbetrifft, so kann uns der vielleicht doch nicht erwartete Umstand nicht länger entgehen, daß sie selbst unleugbar protestantischer Beschaffenheit sind. Ein neuer Gott ist es, im Kampf mit sämtlichen alten Göttern, der hier die Tat der Welt- und Seelenrettung auf sich nimmt. Ein neuer Gott, im Kampf mit sämtlichen alten Göttern, sag’ ich, nimmt die Tat auf sich: aber doch nur dadurch, daß er in menschlicher Person erscheint und das Menschliche mit seinen Bitternissen menschlich teilt. Der Held des Christentums — und das ist keineswegs sein Stifter! — ist Gott und wird Mensch, weil er einzig in seiner Eigenschaft Mensch zu vollenden vermag, was Jahve-Hypsistos der Unmenschliche unter keinen Umständen zu vollenden fähig ist. Möget daher ihr Christen Ursprung und Herkunft des Christentums ansetzen, wie es euch zweckmäßig oder wie es euch richtig zu sein dünkt, — diese Grund-Tatsache liegt allem zugrunde, was immer auch später auf sie errichtet und getürmt sei. Der Gott mußte Mensch werden, um den Menschen fortan noch Gott zu sein; der Gott mußte des Menschen Kreuz auf seine Schulter bürden, damit der Mensch den Heiland bei sich glauben könnte: Deum de deo, lumen de lumine, deum verum de deo vero, genitum non factum, consubstantialem Patri: per quem omnia facta sunt. Qui propter nos homines et propter nostram salutem descendit de coelo. Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria virgine: Et homo factus est... Dies war von allen Götterstürzen der Jahrtausende der weithin schmetterndste und abgründlichste. Nicht daß Jesus der Mensch in den Olympos eingedrungen ist, wo Zeus der hochbetagte und längst nicht mehr hochdonnernde Vater Kronion wachträumend schon eine lange Weile auf seinem Hochsitz eingedämmert war (wie Greise vor Tisch oder nachher ein wenig einzunicken pflegen), und wo Psyche fürbittend und vermittelnd die Hand des Eindringlings voll Demut greift, indes die anderen Olympier wie ein aufgestöbertes Volk Ameisen wild durcheinanderwirren, — dieses wahrhaftig nicht! Vielmehr daß dieser ‚vom heiligen Geist aus der Jungfrau Maria fleischgewordene‘ Gott und Nicht-mehr-Gott, menschlich aus der Sphäre seiner Gottheit herausgetreten, nun auch den alten Jahve-Hypsistos, bisherigen Schöpfer- und Herrschergott schlechthin, aus dem Bewußtseinsraum eines gleichsam neu belichteten Menschheitgewissens unwiderstehlich verdrängte. Das war die große Tatsache der neuen Religion, die bahnbrach; und Gnostiker, paulinische Urchristen, Marcioniten, Arianer haben dies auf ihre verschiedene Weise alle mit Bestimmtheit begriffen, ehe die Kirche die klare Wahrheit dogmatisch beschattete und von allen ketzerischen Abweichungen die am grausamsten unterdrückte, welche in Jesus dem Gott-Menschen wesentlich den Menschen und nur diesen sah. Damit aber war schließlich das Merkwürdige geschehen, daß in eben dieser Kirche weder der Katholizismus noch der Protestantismus religiös zum völlig reinen Austrag gelangen konnte. Auch die Kirche, die sich die allgemeine nannte und ‚in diesem Zeichen‘ siegte, mußte in ihr Credo das christliche Urerlebnis aufnehmen: Et homo facius est. Auch die Kirche konnte den heimlichen Protestantismus, der in diesem Credo wie in verbotener Schwangerschaft keimte, höchstens in seinem Wachstum hemmen, aber nicht töten, — sie hätte denn mit dem Kind die Mutter selbst getötet. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen göttlich zu erlösen; das Wort ist Fleisch geworden, um das Fleisch zu kreuzigen und im Wort zu geistigen: dies bleibt in allem Katholizismus der Kirche ein protestantischer Rest- und Rückstand von unzerstörbarer Keimkraft und Gärkraft in allen Jahrtausenden. Und wiederum mußte sich dieser selbe Protestantismus umgekehrt in seinem eigenen Dogma mit dem ‚katholischen‘ Artikel vom Schöpfer Himmels und der Erden und vom Vater des Erlösers und Herrn durch alle Zeiten hindurchschleppen, stets unter dem Zwang, diesen Katholizismus grundsätzlich nicht leugnen zu dürfen oder nicht leugnen zu können, vielmehr als ‚Christ überhaupt‘ ausdrücklich anerkennen, ja billigen zu müssen: Credo in patrem omnipotentem, factorem coeli et terrae, visibilium omnium et invisibilium ... In der Lehre vom dreieinigen Gott hat mithin die Kirche die glückliche Formel gefunden, welche Katholizismus und Protestantismus als die gegenwirkenden Potenzen jeglicher Religion, nicht nur der christlichen allein, in einem stätigen Gleichgewicht zu erhalten ermöglichte. Im Besitz dieser dogmatischen Lehre ist seither die katholische Kirche in Wahrheit nicht minder protestantisch wie katholisch, sind seither die protestantischen Kirchen und Sekten in Wahrheit nicht minder katholisch wie protestantisch. Mit ungeheuerer Kunst hat das christliche Glaubensbekenntnis bis zur Stunde die zwei unversöhnlichen Ur- und Widerkräfte des religiösen Lebens zu binden verstanden, also daß keine noch so eigensinnig protestantische Verwahrung den katholisch-judäischen Weltengott Jahve-Hypsistos dem christlichen Bewußtsein hat entfremden, hat entwenden können, — wie auf der anderen Seite keine noch so katholische Wiederherstellung des echten und wahren Glaubens den protestantisch-judäischen Gottmenschen Jesus preiszugeben oder zu opfern gewagt hat.

Wie nun, ihr Christen?

Bei uns westlichen Menschen ist es die Kirche gewesen, welche die Religion des fleischgewordenen Wortes als Mythos, als Dogma, als Liturgie zur Herrschaft gebracht hat, durch eben diese Tat einer gleichsam vorbeugenden Klugheit, die etwa doch schon als vorbeugende Weisheit verehrt, als vorbeugende Weisheit gepriesen zu werden verdiente. Die Kirche ist damit jeder einseitigen Entscheidung über eine ausschließliche Katholizität oder eine ausschließliche Protestantik frühzeitig zuvorgekommen, möchte dies nun zum Segen oder zum Unsegen westlicher Menschheit ausgeschlagen sein. Dieses in seiner unendlichen Fruchtbarkeit bedenkend und erwägend, wollen wir indes nicht übersehen, daß die von der Kirche gewissermaßen synkretistisch vollbrachte Lösung des drohenden Zwiespaltes — wenn diese Lösung nicht doch schon eine synthetische gewesen ist? — keineswegs christlicher Abstammung oder Erfindung gewesen ist, nicht einmal hellenischer oder hellenistischer, ja nicht einmal europäischer. Was der Kirche des Abendlandes und in tiefstem Einverständnis mit ihr den abendländischen Kirchen und sogar Sekten möglich ward, das ist schon viele Jahrhunderte vor dem entstehenden Christentum und seinen Urgemeinden daheim und in der Zerstreuung in Indien eine herrliche Wirklichkeit gewesen. Der indische Mythos vom Gottmenschen Krischna hat das nie mehr übertroffene, nie mehr erreichte Sinnbild vollendeter Durchdringung und Verschmelzung katholischer mit protestantischer Frömmigkeit aller Welt zum ewigen Muster dargestellt. Und wo wir vorhin der zusammensichtenden Leistung der Kirche Bewunderung zollten, ist jetzt die Besinnung auf jene Begebenheit am Platze, die im günstigsten Fall von der Kirche wiederholt, ob ich auch keineswegs sage: nachgeahmt wurde. Was dabei den indisch-brahmanischen Mythos vom christlichen einmal für alle mal auszeichnend unterscheidet, ist der Umstand, daß er keineswegs der metaphysisch unzulänglichen und philosophisch unhaltbaren Deutung einer Gott-Vaterschaft bedarf, um dem Verstand das Wunder des Mensch-Seins Gottes verstandesmäßig anzunähern. Keineswegs wird es hier für geboten oder auch nur für passend erachtet, daß der Eine Gott in die zwei Gegen-Tätigkeiten, Gegen-Wesenheiten der Paternitas und Filiatio zerspalten werde, um dem Begriff den Vorgang von Gottes Erdenwallen ein wenig begreiflich zu machen. Zum Behufe eindringlicheren Verstehens glaubte sich der Abendländer auf das plumpe und rohe Gleichnis beziehen zu müssen von der doppelten Geburt Jesu Christi in der Ewigkeit und in der Zeit, bewirkt durch eine geschlechtlich-übergeschlechtliche Zeugung im Schoß des göttlichen Vaters und durch eine geschlechtlich-übergeschlechtliche Empfängnis im Schoß der menschlichen Mutter: Et ex patre natum ante omnia saecula; Et incarnatus est de Spiritu sancto ex Maria Virgine... Wo der Europäer sich in dem Labyrinth dieser halbwegs supernaturalistischen, halbwegs superspirituellen Ungeheuerlichkeiten hoffnunglos verirrt, da genügt dem so viel denkgeübteren Geist des Inders der schlichte Hinweis, daß dieser so und so gestaltige Krischna die diesmalige Erscheinung sei des ewigen Wesens, die diesmalige Verkörperlichung des körperlosen Eins-und-Alles, die diesmalige Versinnlichung und Versichtbarung des unsinnlich-unsichtbaren Urselbstes. Auch hier ruht die katholische und die protestantische Religiosität in einem feierlichen Gleichgewicht, aber dies Gleichgewicht ward hergestellt auf einer ungleich höher gelegenen, freieren, reineren Ebene der religiösen Erfahrung wie dort...

Gott Krischna ist Mensch geworden aus dem ritterlichen, aus dem abenteuerlichen Bedürfnis des echten Helden. Gott Krischna ist Mensch geworden, um den Schutzlosen beizustehen, um die Übeltäter zu bestrafen, um die Gewaltherrscher zu stürzen, um die Leiden der Wesen zu lindern, um den Edeln eine Stätte zu sein, um die Elenden zu trösten, um die Kranken zu heilen. Gott Krischna, ihr Christen, ist Mensch geworden, weil jedes Weltalter verloren geht, dem nicht zur rechten Zeit der Held geboren wird, — dem nicht zur rechten Zeit der Held sich selbst gebiert: denn wer würde je als Held geboren? Die Welt am Ende jedes Weltalters ist verloren, bis daß sie sich in der Geburt des Helden wiedergebiert und in des Helden Jugend selber sich verjüngt: also, ihr Christen, ist Krischna Mensch, ist Krischna Held geworden! Oder am Ende ist dieser Krischna Mensch geworden, damit ihm, dem Gott, zuletzt des Menschlichen nichts fremd geblieben wäre, humani nihil a se alienum esse, wie dieses am Schluß der zwölften Andacht streng wörtlich ausgesprochen wird. „Und was da immer Menschen bewegt, Menschen erregt und handeln läßt, im Verkehr untereinander, in ihren verschiedenen Werken, Zwecken und Absichten, sei es nun, daß sie mit Gewalt oder mit List, durch Überredung oder durch Geschenke oder selbst durch die Flucht ihre Ziele erreichen: dem allem wollte der Gott nicht fremd sein.“ Dem allem wollte der Gott nicht fremd sein, und so schlüpft er gleichsam in Gewand und Rüstung eines Helden, nicht anders wie in manchen Märchennächten am Tigris der Kalif Harûn-er-Raschîd in die Verkleidung eines Kaufmanns, eines Reisenden, eines Pilgrims schlüpfte, halbwegs um nach dem Rechten in allem Unrechten und Schlechten zu sehen, halbwegs um sich an Abenteuern zu ergötzen, vornehmlich aber um zu erleben, was sonst nur schlichte Erdensöhne im Guten oder Schlimmen zu erleben pflegen. Im übrigen, wozu die Rechtfertigung der hohen Selbstverständlichkeit, daß Gott wesenhaft alle Gestalten, Personen, Erscheinungen, Wirklichkeiten selber ist, daß er mithin auch jede einzelne von ihnen zu seiner bevorzugten Maske ausersehen kann, — Maske aber ist griechisch πρόσωπον: Eine Usia, Ein Gott in vielerlei προσώποις! — die er alsdann mit den unendlichen Kräften seiner Göttlichkeit zeitweilig lädt und anfüllt. Gott ist ja alles und verwirklicht sich in allem, warum für dieses eine mal nicht in der lieblichen Gestalt — Gestalt aber ist griechisch πρόσωπον: Eine Usia, Ein Gott, in vielerlei προσώποις! — dieses halkyonischen Jünglings? Warum für dieses eine mal nicht im Sohn des Kuhhirten Nanda und der Mutter Yasodâ, so manchen lieben Tag (wie dann späterhin wohl auch der evangelische Gottmensch) gewindelt und gewiegt im scharf duftenden Rinderstall: strahlend in goldener keuscher Fleischlichkeit, das Herz gewärmt am Busen der zärtlichen Gespielinnen auf den Fluren der Yamunâ, aber das Haupt geklärt, gekühlt am Gipfelfirn des Himâlayo; in wonnesamen Vollmond- und Erfüllungnächten mit den Mädchen seiner Heimat Reihen tanzend und mit ihnen in einem hold bukolischen Eleusis alle die eigenen Ruhm- und Wundertaten menschlich spielend, menschlich mimend, die Krischna der Gott begangen. Dieser Hirtenknabe ist der nämliche und selbe, der die Weltenschlange Kâliya besiegt, den Stier-Unhold Arischta an den Hörnern packt und auf die Erde schmettert, die Ringer des Königs Kamsa niederringt und Kamsa-Eurystheus-Herodes schimpflich tötet. Er ist der nämliche und selbe, der alleinig oder Schulter an Schulter mit dem Bruder Râma Heersäulen von Feindeskriegern in die Flucht schlägt und wiederum im anmutigsten, zartesten, lieblichsten aller Wunder das bucklichte Mädchen schlank und rank biegt, damit ihm, dem indisch-brahmanischen Herakles in Person, der zarte evangelische Einschlag nicht mangle vom Heiland als Arzt und Krankenheiler. Wie denn auch sonst, ihr Christen, evangelische Stimmung mit soviel Kraft und Reinheit angeschlagen wird, daß sie aus den Evangelien selbst nur noch wie ein schwacher später Nachklang sterbend zu uns herüberweht: so in der Schilderung adventischen Himmelfriedens, adventischer Weltwindstille in der Gnaden-Nacht der irdischen Geburt; so in der Erzählung vom bethlehemitischen Kindermord, den Kamsa, die Gottesgeißel, über die Länder verhängt aus Furcht vor dem Stärkeren und aus Neid auf den Edleren; so im Bericht von Krischnas Taufe durch Indra auf den Namen Govinda, das ist Rinder-Herr, mit dem heiligen Wasser der Yamunâ...

Kurz und gut, es hat Gottes Allmacht hier gefallen, in der Verkörperung als Hirtenjüngling mit Lächelnsgleichmut Menschenunmögliches zu vollbringen und das Wunder der Wunder gottmenschlich vorzuleben: wie der Gott der Götter, wie der Mahâdeva selber, erhaben über alle Schranken der Gestalt, Persönlichkeit und Bewußtheit und unergründlich sogar für die Ergründung und Andacht, die Vertiefung und Sammlung, die Einigung und Anspannung — Anspannung aber heißt Yoga! — der Denker, Büßer, Waldeinsiedler: wie Mahâdeva dennoch Zug für Zug dieser bestimmte Mensch, Jüngling, Hirte sein könne. Denn fürwahr! Dieser Mensch, Jüngling und Hirte ist wesenhaft Brahman und wesenhaft Âtman, ist wesenhaft Brahmâ, ist wesenhaft Wischnu, ist wesenhaft Schiva, ist wesenhaft Kubera, ist wesenhaft Varuna, ist wesenhaft Yama, ist wesenhaft alle sinnlichen und himmlischen Götter, ist wesenhaft alle Halbgötter, Gandharven, Genien, Dämonen, Engel, Elementargeister, Elemente, Grundstoffe, Gemütskräfte, Lebenserscheinungen, Weltbegebenheiten, Täter, Taten und Werke. Und wie um diese unendliche Reihe göttlicher Wesenselbigkeiten und Einerleiheiten ins Unendliche fortzusetzen, erkennt der hochstaunende Prinz Arjuna in der Schwesterdichtung des Krischna-Mythos, uns Abendländern seit mehr als hundert Jahren unter dem Namen Bhagavad-Gîtâ, das ist θεσπέσιον μέλος oder des Erhabenen Gesang vertraut und teuer wie keine zweite Heilige Schrift des Ostens geworden, — erkennt dieser hochstaunende Prinz Arjuna eben die menschhafte Verleiblichung des bhagavân Krischna gleichsam als den platonischen ‚Ort‘, den überhimmlischen, aller Arten und Gattungen, aller Dinge und Wirklichkeiten. Krischna, des Prinzen Wagenlenker, der ist der Urfeldherr und Urpriester, der Urseher und Ursänger, der Urstrom und das Urmeer, der Urelefant und das Urrind, der Urvogel und Urfisch, das Urroß und die Urschlange, das Urwort und Urwissen, die Urwaffe und das Urwerkzeug. Krischna der Großarmige mit Wurfscheibe und Schwert, mit Keule, Bogen und Fahne, der ist Ursprung und Heimgang, Geburt und Tod, Anmut und Einsicht, Entschluß und Sieg, Größe und Reichtum, Rede und Schweigen, Opfer und Gesang, Metrum und Ritus, Same und Frucht, Jahrzeit und Luftraum, Wolke und Stern. Die ewige Entstehung und Vergehung, die ewige Wandlung alles Geworden-Werdenden, die ewige Stätte in allen Wandlungen ist Krischna. Die ewige Brunst in allen Zeugungen und Begattungen ist Krischna und der ewige Rausch der Zerstörungen und Verheerungen: der ewige Schoß blutender Geburten ohne Maß und Zahl und das ewige Grab faulender Tier- und Pflanzenleichen. Fratzenhaft schauerlich ist Krischnas, des goldigen Hirtenjungen, göttlich Gesicht, wie es das übermenschlich erhellte Auge des Prinzen Arjuna plötzlich neben sich auf dem Streitwagen vor dem Beginn der Schlacht erspähet: ein tausendgliedrig, sterneblitzend, flammenrädrig Sonnenlohenungeheuer auf einem Sitz von Totenschädeln, ohne Einhalt Wesen Wesen Wesen von sich speiend mit der gebärerischen Wurf- und Schwungkraft jungender Katzen, — ohne Einhalt Wesen in sich schlingend mit der scheußlichen Gefräßigkeit nimmersatter Steppenwölfe... Verehrung aber jenem Seherauge, welches Krischna den Gott im Menschen Krischna schaute: Verehrung dem unbestechlichen Auge, welches Gott schaute, wie er ist, und dennoch an Gott nicht starb! Verehrung jenem Seher, welcher dem unbeschönigten Gott-Gesicht ehern standhielt, ohne im Irrsinn zu vergehen, ob ihn das Grausen auch im Eisstrom des eigenen Geblüts erfrieren und gerinnen ließ! Verehrung ihm, der ehrlich gegen Gott genug und tapfer gegen sich selbst genug war, um in Gottes Antlitz die Züge teuflischer Zerstörunglust und -wollust zu gewahren und sie sich selber nicht zu unterschlagen, wie es die Christen doch wohl (oder übel!) taten, die ihren Gott zum braven Lämmchen zähmten und zum ‚lieben Gott‘, dem jedermann sich bierbrüderlich und gemütlich zum Schmollis anbiedern darf... Verehrung insonderheit auch ihm, der als der erste in der glorreichen Drei-Gestalt Gottes des Schöpfers, Gottes des Erhalters, Gottes des Zerstörers just die Vernichtungmächte göttlich zu bejahen wagte. Und Verehrung endlich denen, die als namenlose Meister diese Mächte in steinernen Urgesichten sinn-bildender Skulptur zur Majestät jenes schivaitischen Typus zu gestalten wußten, dessen plastische Fragmente von der javanischen Hochfläche zu Dieng den späten Europäer dämonisch tief erschrecken, der sie aus seiner eigenen Selbst-Kenntnis, Dämon-Kenntnis tief zu erraten weiß...

Jetzt also siehst du den Menschen, jetzt siehst du den Gott Krischna von Angesicht zu Angesicht. Jetzt wiederum siehst du kein Angesicht mehr, sondern gehst in dich selber, gehst in dein Selbst ein und in dir selbst ins Selbst und Herz aller Wesen und wirst des Wesens inne. Dich auf dein Du besinnend, einigst du dich mit dir selbst und mit dem Selbst der Welt, — dies ist fürwahr Om das Kleinod aus dem Lotos, Om çom das All und Selbst des All, ruhend in menschlicher Gestalt, ruhend in göttlicher Gestalt, ruhend in gar keiner Gestalt auf der weißen Blume deines Geistes im Tempelteich säliger Erkenntnis. Dermaßen mischt in diesem Mythos aller Mythen sich innigst katholische und protestantische Frömmigkeit, daß man in keinem Augenblick mit zuverlässiger Eindeutigkeit behaupten kann, der Gott, der Mensch sei Täter der heilwirkenden Handlung. Der Täter selbst verharrt in völliger Durchdrungenheit von Gott und Mensch; seine Gestalt verleiblicht in sich die Summe sowohl aller welthaften Gestalt überhaupt, wie dessen, was jeglicher Gestalt spottet. Und dies alles nicht etwa auf den Umwegen des Christentums, wo der Mensch Jesus an der Natur Gottes nur teil hat auf Grund seines Gezeugtseins durch den Heiligen Geist: vielmehr in einer dem Abendländer gar nicht erreichbaren metaphysischen Unschuld sozusagen auf Grund der Wesenselbigkeit lebendiger Gestalt überhaupt mit dem Lebensurgrund selbst und des Lebensurgrundes Selbst! Im Gegensatz zum Christentum gilt es hier für völlig selbstverständlich, daß jedes Wirkliche noch etwas anderes sei als das, was es eben sei und scheine, und der Inder wenigstens hat sich nie den Kopf zerbrochen über das Mysterium des Westens, wieso und auf welche Weise der Gott Mensch oder der Mensch Gott geworden sei. Hier wurde, die Wahrheit zu sagen, weder der Mensch Gott noch der Gott Mensch: hier war er’s, hier ist er’s von allem Anfang an und vor allem Anfang und braucht es darum nie zu werden oder nie geworden zu sein. Unser krampfhaft westliches, allzu westliches Bemühen, alle die Rätsel der Welt und Überwelt more historico durch die Geschichte ihres Geworden-Seins aufzulösen, entlockte dem Inder, wo er es überhaupt begriffe, nur ein Lächeln. Er, der geschichtlos Denkende und geschichtlos Wissende schlechthin, ist sich genau bewußt, daß nirgendwo in irdischen oder unirdischen Bezirken etwas wird, das nicht schon ist: daß folglich auch Gott je und je Mensch war und der Mensch je und je Gott, — nie aber Mensch wurde oder geworden ist, nicht einmal im Jahre Null oder im Jahre Eins einer gar absonderlichen Zeitrechnung, ihr Christen. Das Jahr des Herrn, da das Wort Fleisch ward, deucht den Schöpfer des Krischna-Mythos und der Bhagavad-Gîtâ von Ewigkeit her, — von Ewigkeit her ist der Gott Mensch, ist der Mensch Gott!

Noch hat es aber damit für den Aufmerkenden eine andere Bewandtnis. Die abendländische Vernunft, Jahrtausende um dieses Rätsels Enträtselung sich befleißigend, sie hat sich bekanntermaßen zu ihrem eigenen Gebrauch etliche Hand- und Fußschellen angelegt, oder richtiger eigentlich Haupt- und Geistschellen, die sie an jeder freieren Beweglichkeit behindern müssen. Mit diesen Haupt- und Geistschellen fesselte die Vernunft des Abendlandes sich selber und nannte ihre Fesseln die Grundsätze der Logik, als da ist die Grundregel von der sogenannten Identität, Einerleiheit oder Dieselbigkeit, wonach jeder Denkinhalt mit sich selber einerlei, und zwar lediglich mit sich selber einerlei sei; — die Grundregel ferner vom Widerspruch, wonach von zwei einander ausschließend widersprechenden Urteilen nur eins wahr sein könne. Der Grundsatz von der Einerleiheit und der Grundsatz vom Widerspruch, das war der Bleikiel, der die schwanke Jacht des europäischen Denkens vor dem Kentern wahren sollte, wenn sie auslief. Denn offenbar erschien sich dieses Denken selber mit allzuwenig Gewicht beschwert, um die Gefahr des Kippens und Kenterns nicht vor allen Gefahren zu fürchten. Was nun allerdings die zweite dieser Vernunftregeln betrifft, die angeblich zeitlos gültig und allgemein sind, so kann es dem halbwegs vorurteilfreien Beobachter der europäischen Wissenschaften auf die Dauer ganz unmöglich ein Geheimnis bleiben, daß sämtliche Systeme der großen Dialektik den Satz vom Widerspruch entweder ausdrücklich mit Worten oder aber tatsächlich außer Kraft gesetzt haben. Von Herakleitos dem Hellen bis auf Nietzsche und von dem Stagiriten bis auf Kant, Hegel, Marx ist die abendländische Philosophie zuletzt nichts anderes gewesen als das mit mehr oder minder tauglichen Mitteln unternommene Wagnis, wenigstens diese hinderlichste aller Fesseln einer unbefangenen Erkenntnis zu sprengen: mit immer größerer Rücksichtlosigkeit ward der Vernunftwiderspruch, die Kontradiktion und Kontraposition, die Antithesis und Antinomie wie ein Sporn in die Flanke der Welt gebohrt, der sie vorwärts zu rasender Bewegung stachelt. In ihrer sogenannten Logik scheint mithin die Abendlandwissenschaft den Satz vom Widerspruch nur aufgestellt zu haben, damit sie ihn in ihrer sogenannten Dialektik wieder aufzuheben vermöchte, und gleichsam um sich für diese freche Verwegenheit selbst zu strafen, hat dann die Vernunft des homo europaeus an dem anderen Grundsatz von der Dieselbigkeit und Einerleiheit mit desto strengerer Treue festgehalten. Jedweder Denkinhalt ist mit sich selber einerlei und lediglich mit sich selber, so urteilt die westländische Vernunft in der unerschütterlichen Überzeugung, hier als ‚Vernunft überhaupt‘ zu urteilen, — und noch hat sich keine Dialektik und noch nicht einmal eine Sophistik erdreistet, das Zeichen der Frage auch hinter diese Denkfessel und Denkhemmung zu setzen. Jeder Denkinhalt ist mit sich selber einerlei, urteilt nun freilich auch die Vernunft jener indischen Rasse, welcher wir Veda, Upanischaden und die großen Epen zu danken haben, — aber der Denkinhalt Gott, fügt dieselbe Vernunft eilends berichtigend hinzu (und eilends beschwichtigend), der Denkinhalt Gott ist einerlei mit sich selber und zugleich einerlei mit allen Denkinhalten und Weltinhalten sonst. Gott ist er selber, und hinsichtlich dieser Unumstößlichkeit bleibt der Satz von der Identität durchaus gültig. Aber Gott ist außerdem alles, was ist und doch nicht Gott ist, und hinsichtlich dieser Unumstößlichkeit gilt der Satz von der Identität für Gott nicht. Alles was ist und Gott nicht ist, ist letzthin doch Gott, ist letzthin doch Gott-Selbst; Gott als dem Urselbst ist es gemäß, Er-selbst und Es-selbst zu sein und daneben noch sämtliche Wesenheiten und Dinge, benennbare und unbenennbare, wahrnehmbare und unwahrnehmbare. Gott ist es gemäß, sich in das Doppel- und Wider-Sein des Ich-Nichtich zu spalten und jedwede Gestalt des Leibes, jedwede Gestalt des Geistes gütig anzunehmen und alle aneinander zu reihen, ohne sich mit einer einzelnen Gestalt der Reihe oder auch mit allen zusammen seinem Begriff nach zu decken. Gott ist Gott und Gott ist nicht Gott und Nicht-Gott, beides auf seine göttliche Weise. Gott ist Gott, aber Gott ist auch Ich-Nichtich, Gott ist auch Subjekt-Objekt, Gott ist auch Puruscha und Prakriti, Gott ist auch ‚Feldkenner‘ und ‚Feld‘, Gott ist auch Prajâpati und Mahâmâyâ, Gott ist auch Sein und Nicht-Sein, Gott ist auch die fünf Elemente und die Qualitäten, Gott ist auch das Wesen und die Wesen zumal. Wohl sagt Gott: Ich bin Ich. Aber Gott sagt imgleichen: Ich bin Du und Du bist Ich, und Ich bin Es und Es ist Ich. In der Kauschîtaki-Upanischad wird der abgeschiedenen Seele die nie zu vergessende Antwort, das nie zu vergessende Urwort gleichsam als Lösewort in den Mund gelegt, wenn ihr der Himmelspförtner Mond die Frage aller Fragen vorlegt: Wer bist Du? — Du bin Ich! Mit diesem ‚Du bin Ich‘ kann die abgeschiedene Seele in den Himmel eingehn, von welchem sie herkommt, und mit dieser Antwort ist Indiens unsterbliche Seele wahrlich in den Himmel eingegangen. Du bin Ich, Mond bin Ich, Himmelspförtner bin Ich, alle Himmel selber bin Ich und aller Dinge Himmel und Überhimmel. Also vollendet sich die indische Schauung der Identität, indem sie alle Identitäten sprengt; also erfüllt die indische Selbst- und Gotterfahrung den Satz von der Einerleiheit und Dieselbigkeit, indem sie ihn aufhebt. Alles Seiende ist eins mit sich und eins mit allem anderen Seienden: Nichts ist eins mit sich allein und Nichts ist nicht eins mit allem anderen. Und nicht empedokleisch, ihr Christen, dürfen wir dies verstehen, als ob der indische Mahâdeva zu sich selber spräche: Einst war Ich Knabe und Mädchen und Busch und Vogel und flutenttauchender stummer Fisch. Sondern vedisch und upanischadisch und episch sollen wir es verstehen: Stets bin Ich Knabe und Mädchen und Busch und Vogel und flutenttauchender stummer Fisch: stets bin Ich alles, was ist und nicht ist zumal und jetzt und immerdar, und nicht etwa nach der Reihe im Nacheinander der Zeit. Dieweil der indische Gott Er selber und darüber hinaus das ist, was nicht Er selber ist, erweist er sich in der Sprache der Vernunft als einerlei und vielerlei in einem, als dieselbig und unterschieden in einem. Seine Identität aber beruht darauf, daß in bezug auf ihn alles die eigene Identität verliert, um die Identität Gottes zu gewinnen, die offenbar höher und tiefer ist als alle Vernunft. Daß ein Denkinhalt er selber ist und zugleich noch anderer, — das ist mithin in Rücksicht auf Gott die indische Fassung des Grundsatzes von der Einerleiheit und Dieselbigkeit, auf das Bedeutsamste unsere abendländische Fassung ergänzend und vervollständigend, aufhebend und überwindend.

Und dennoch ist diese tiefste und fruchtbarste aller Paradoxien, Paralogien irgendwie eingedrungen auch in unsere westliche Welt, wenn nicht in die Wissenschaften und wenn nicht in die Religionen, so doch wenigstens in unsere Märchen, und zwar am duftigsten, ahnungreichsten, erinnerndsten, ihr Deutschen, in unser deutsches Märchen. Im deutschen Märchen, welches sich selbstherrlich seine eigenen Gesetze und seine eigene Vernunft zu schaffen wußte, im deutschen Märchen säuselt und wispert ein Hauch dieses indisch-unnennbaren Fühlens und hebt sehnsüchtig an zu singen und zu klingen, wie eine Quelle in der Nacht zu singen und zu klingen anhebt, da untertags der Tag dem Tag allein Gehör gab. Erinnerungen, köstliche und nie versiegte sind es, wenn beispielweise in den Volksmärchen des Musäus der Berg- und Erdgeist Rübezahl brahmanisch hinüber- und herüberwechselt in Gestalt und Person eines Riesen, eines Köhlers, eines Ritters, eines Handwerksburschen, eines Prinzen, eines Ratsherrn, und sich bald wischnuhaft als Erhalter und Beschützer, bald schivahaft als Verderber und Zerstörer kundgibt. Und lebhaftere, stärker glühende Erinnerungen an Indien sind es, vielfach schon am Bewußtsein der eigenen Sehnsucht bewußtgenährt und gekräftigt, wenn etwa in Hoffmanns romantisch-klassischem Kunst- und Künstlermärchen vom Goldenen Topf der Geheime Archivarius Lindhorst gar wundersam proteisch behaust ist in seinem Bücher- und Handschriftenzimmer zu Dresden, jetzt Archivarius und Beamter in Königlich Sächsischen Diensten, jetzt Element, jetzt Feuergeist, jetzt Geisterfürst, jetzt Salamander, jetzt Feuerlilienbusch, jetzt brennender Arrak; wenn ferner (und wer weiß wie ferne schon?) dieses Gemaches azurne Schimmerwände von goldenen Pilastern brauner Palmbaumschäfte edel aufgeteilt erscheinen, die Blattrippen aber der Palmbaumkronen sich zur runden Kuppel wölben aus Smaragd und Schaft wie Blatt und Krone in einem sanften Mittagwind sich wiegen; wenn unter dieser Kuppel dann von Smaragd Student Anselmus manch magisch Pergament mit Fleiß kopieret (als welches Lindhorst in Gestalt von Blättersprossen aus dem Schaft der Palmen zog), um sich das Schlänglein Serpentina, des Salamanders Tochter, durch peinlichst saubere, peinlichst genaue Nach- und Abschrift der unleserlichen Hieroglyphe ‚Schöpfung‘ gleichsam zu erschreiben... Wenn irgendwo, so steigt es hier, ihr Abendländer, wahrhaftig in uns Abendländern purpurn auf mit einer Melodie, die Herz und Seele wie eine Traube herbstlich schwellen macht vom Saft des eigenen Bluts: Kennst du das Land?...

Als Krischna der Hirtenjüngling, als Krischna der Held, als Krischna der Wohl- und Wundertäter abenteuert also, verstehen wir endlich diesen Sachverhalt in seiner unermessenen Wichtigkeit richtig, der ewige Gott Wischnu in der Welt umher, — gleichsam einem tiefsinnigen Wort zur vollkommenen Erläuterung, welches Hegel zur Kennzeichnung des indischen Geistes nutzte: „Es ist Gott im Taumel seines Träumens, was wir hier vorgestellt sehen.“ Es ist Gott im Taumel seines Träumens, ihr Christen, der hier als Krischna-Wischnu gottmenschlich die Welt durchstreift. Und eben weil dieses sich so verhält, wird nicht nur jedes Abenteuer des Helden Krischna zugleich als Heilswerk und Heilstat Gottes selbst gewerkt, sondern muß außerdem auch von der nachträglichen Betrachtung in solcher Doppelsinnigkeit durchaus gewürdigt werden. Unmöglich zu sagen, ob der Mensch als Mensch oder ob der Gott als Gott Urheber dieser Werke und Vollbringer dieser Taten sei. Entscheiden wir uns für Gott, so ist es Gott doch nur in der Gestalt des Hirtenjünglings Krischna, welchem kraft dieser angenommenen Gestalt des Menschlichen nichts fremd geblieben ist. Entscheiden wir uns aber für den Menschen, so ist es der Hirtenjüngling Krischna nur im Vollbesitz der göttlich in ihm angehäuften, angestauten Weltenkräfte, der soviel Wunderbares tut. Darin besteht eben nach indischem Erleben das Mysterium der Gottmenschheit, daß es in keinem Augenblick gottmenschlichen Daseins möglich ist, den Nachdruck allein aufs Göttliche oder allein aufs Menschliche zu legen: Gott ist Mensch, und Mensch ist Gott auf Grund einer nichtidentischen Identität beider, indes der abendländische Mythos den Heiland Mensch geworden sein läßt vermöge einer mehr wie fragwürdigen geschichtlichen und einmaligen Vaterschaft des Heiligen Geistes, der gewissermaßen in Stellvertretung des Jahve-Hypsistos den Schoß der Jungfrau Maria in übergeschlechtlicher Begattung schwängert. Derart ist Jesus bei Lebzeiten eigentlich nur Mensch, Gott aber wesentlich nur vor der Empfängnis im Fleische der Mutter Maria und abermals nach seiner Himmelfahrt, wohingegen Krischna just bei Lebzeiten und während des irdischen Wandels Gott ist. Mangels einer zureichenden Metaphysik bleibt Jesus im Weltbild des Abendländers eine einmalige Ausnahme-Erscheinung der Zeit, die wenigstens für den verständigen Christen etwas Anstößiges, ja Unheimliches nie ganz abzustreifen vermag: jedoch in Indien kann sich der Vorgang Krischnas unendlich und grundsätzlich wiederholen und hat sich wirklich auch wiederholt. In unterschiedlosem Durchdrungensein ist Krischna durchaus Mensch und durchaus Gott, dieweil es Gottes tiefste und höchste Eigenheit bedeutet, Er selbst und ein anderer zumal zu sein. Ob er aber für den Zuschauer von außen im Augenblick mehr dieser oder im Augenblick mehr jener sei, das hängt vom Zuschauer ab und des Zuschauers Stellungnahme, — das hängt von des Zuschauers Kraft der Zusammensichtung ab und von seiner Gabe der Ineinanderschau. In der religiösen Geographie und Kosmographie jedenfalls bedeutet Krischna die Mittaglinie oder den Gleicher, wo die Weltkugelhälfte Gott mit der Weltkugelhälfte Mensch in ihrem größten Kreis Berührung und Gemeinsamkeit findet, also daß eine bessere Ausgleichung zwischen Gott und Mensch schlechterdings nicht mehr vorstellbar ist. Dieser Mythos gibt mit unübertrefflicher Gerechtigkeit Gott, was Gottes ist, und dem Menschen, was des Menschen ist. Und wenn jemals auf dieser Erde die katholischen und die protestantischen Grundmächte der Religion in ihrer balance of power verharren, so geschieht es hier im Indien des epischen Weltalters und jener epischen Weltfrömmigkeit, von der uns die Bhagavad-Gîtâ eine Probe kosten läßt. Wäre ein menschlicher Zustand denkbar, in welchem alle geistleiblichen Spannungen gelöst erscheinen und wo kein innerlich-äußerliches Gefälle mehr zu bemerken ist, dann wäre kein Absehn, warum mindestens die führenden Religionen des Südostens diesen in seiner Art vollkommenen Urstand erworbenen Gleichgewichts der beiden Hauptgewichte des religiösen Daseins hätten aus freier Entschließung je preisgeben sollen. Gesetzt, ein solch vollkommener Urstand wäre auf die Dauer möglich oder könnte selber Dauer werden, — der Mythos vom Gottmenschen Krischna wäre als höchstgültige, ja endgültige Stufe menschlicher religio überhaupt zu werten, als schlechthin reifste Kristallisation religiöser Lebens- und Seelenmächte: ein für allemal dadurch ausgezeichnet, daß er katholische und protestantische Strebungen noch auf ganz andere Weise miteinander zu versöhnen weiß als der Mythos vom Christus. In diesem Fall verkörperte der Mythos vom Krischna die Religion als solche, die einzige, die uns Menschen völlig gemäß wäre und frömmstes Hingegebensein an Gott mit innigstem Hingegebensein an den Menschen für immer verschmölze zu einer Formung, Bindung und Verpflichtung ohne Vorgang und Vergleich. Hier gattete sich höchstes Schöpferglück über ein welthaft irdisches Gestalten ohne Maß und Schranke mit tiefster Erlöserlust an weltlich-irdischer Entstaltung und Verlöschung. Hier brauchte sich nicht länger schmerzlich mehr der Gott des Menschen oder der Mensch des Gottes zu schämen und einer den anderen dreimal verleugnen, ehe daß es Tag wird...