Die ganze Entwicklung der Frauenarbeit, wie sie uns aus den trockenen Zahlen entgegengetreten ist, muß jedem, der nicht blind ist oder sein will, das Eine klar vor Augen führen: keine andere Erscheinung in der Neuzeit wirkt so revolutionierend wie sie. Ohne sie würde die Neugestaltung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, wie die Arbeiterklasse sie anstrebt, eine Illusion bleiben. Denn sie legt die Axt an die Wurzeln der alten Gesellschaft. Sie verwandelt das Weib, dieses konservativste Element im Völkerleben, zu einem strebenden und denkenden Menschen; sie allein ist seine große Emanzipatorin, die sie aus der Sklaverei zur Freiheit emporführt.
6. Die Lage der Arbeiterinnen in der Gegenwart.
Die Großindustrie.
Die Arbeit, die Befreierin des Weibes! Welcher Mensch, der heute die Arbeit der Proletarierin betrachtet, sieht nicht vielmehr in ihr eine Sklavenkette, schwerer, einschneidender als die irgend eines Galeerensträflings? Es sind die Arbeitsbedingungen, die sie dazu gestalten.
Die Grundlage der Existenz des Arbeiters ist der Preis, für den er seine Arbeitskraft verkauft, der Lohn. Um zu erkennen, wie sich die Bestreitung der notwendigen Lebensbedürfnisse zu den Einnahmen verhält, müßte man sich auf eingehende, nach Staaten, nach Stadt- und Landbezirken, nach allen Zweigen der verschiedenen Industrien, und sogar nach Jahreszeiten differenzierte Untersuchungen stützen können. Das ist leider unmöglich. Nicht nur, daß die vorhandene Lohnstatistik statt genauer Einzelangaben, meist Durchschnittszahlen oder approximative Bestimmungen enthält, sie ist auch bisher so wenig gepflegt worden, daß ihre Ergebnisse, vom streng wissenschaftlichen, Standpunkt aus, kaum als der Ausgangspunkt unumstößlicher Erkenntnisse gelten können. Noch schlimmer steht es um die Feststellung der Ausgaben für die notwendigen Lebensbedürfnisse. Was an Angaben darüber zu finden ist, erscheint um so unzuverlässiger, als der Begriff des Notwendigen keineswegs feststeht. Und doch müßte die Statistik der Lebensbedürfnisse die selbstverständliche Ergänzung der Lohnstatistik sein, da die bloße Angabe der Höhe der Löhne uns über die Lage des Arbeiters nicht im mindesten aufklärt. Er kann z.B. in einem Dorfe Süd-Frankreichs von demselben Lohn auskömmlich leben, bei dem er etwa in Paris Not leiden müßte. Aber nicht nur die Verschiedenheit der Lebensmittel- und Wohnungspreise kommen in Betracht, sondern auch das verschiedene Lebensniveau der Arbeiter. Und dabei käme es nicht nur auf Vergleiche etwa zwischen dem mit voller Zufriedenheit tagaus tagein Polenta essenden Italiener und dem Maschinenbauer Englands an, der an eine reichliche Fleischkost gewöhnt ist, sondern auf viel feinere und eingehendere zwischen den Arbeiterschichten desselben Landes: was der eine nicht im mindesten vermißt, das ist dem anderen schon eine schwer empfundene Entbehrung.
Für unseren Zweck wird die Sachlage nun noch schwieriger. Denn zur Beurteilung der Arbeiterinnenlöhne wäre es neben den genannten Gesichtspunkten notwendig, sie mit den Männerlöhnen zu vergleichen, und zwar nicht im allgemeinen, sondern im einzelnen, indem die beiderseitige Arbeitsleistung mit in Anschlag gebracht wird. Es giebt zwar Versuche der Art, sie sind aber unzulänglich. Nehmen wir z.B. an, daß unter der Rubrik Papierkartons Männer- und Frauenlöhne verglichen werden, so ist das Resultat nichts als eine wenig wertvolle Durchschnittszahl; es könnte nur dann Wert haben, wenn sowohl die Art der Kartons, wie die der daran geleisteten Arbeit präzisiert würde. Auch genauere Bezeichnungen, wie etwa Herrenwestenstepperei, reichten noch nicht aus, da es zur Beurteilung der Lohnhöhe von männlichen und weiblichen Arbeitern darauf ankäme, welche Sorten Westen gesteppt werden. Aber noch ein anderes kommt hinzu: Die Lage der Arbeiterinnen kann nur dann ganz richtig beurteilt werden, wenn sich feststellen läßt, ob ihr Lohn wirklich die Grundlage ihrer Existenz bildet, oder nur die Ergänzung eines anderen Einkommens ist, etwa durch die Arbeit des Mannes, des Vaters etc. Auch das ist nur in gewissem Umfang möglich.
Alle diese Einschränkungen vorausgeschickt, können wir uns daher nur auf Untersuchungen stützen, die den Wert von Stichproben haben, ohne über das ganze Gebiet volle Klarheit zu verschaffen.
Was bei der Betrachtung der Frauenlöhne zunächst in die Augen fällt, ist ihre Niedrigkeit und die Seltenheit, mit der sie sich steigern. Die deutsche Untersuchung von 1876 konstatierte Wocheneinnahmen von Fabrikarbeiterinnen von 1,80 Mk. an; solche von 3 bis 6 Mk. kamen sehr häufig vor, während solche von 12 bis höchstens 19 Mk. schon als eine große Seltenheit bezeichnet wurden.483 Um dieselbe Zeit wurde für die Textilindustrie am Niederrhein festgestellt, daß besonders tüchtige Arbeiterinnen wohl 6 bis 13 Mk. verdienen könnten, die weniger tüchtigen aber bei 5 bis höchstens 10 Mk. dauernd stehen blieben.484 Aber auch in jüngster Zeit gehören Löhne der Art keineswegs zu den Ausnahmen. So erreichten in Stuttgart die Hälfte aller Arbeiterinnen nur einen Wochenverdienst bis zu 9 Mk.485, und in der Berliner Papierwarenindustrie traf für 56 % dasselbe zu.486 In Wien haben sich bei Gelegenheit der Frauenarbeits-Enquête ähnliche Verhältnisse herausgestellt. In der Papier- und in der Textilindustrie wurden die niedrigsten Wochenlöhne mit 1 fl. 50 kr. angegeben, während 4 bis 5 fl. für die gesamte Industrie als der erreichbare Durchschnittslohn angesehen wurde.487 In Fabriken Böhmens fanden sich sogar Frauenlöhne von 1 fl. wöchentlich, und über die Hälfte der Arbeiterinnen verdienten 2 fl. 25 kr. bis 3 fl. 25 kr.488 Für Frankreich wurden Jahreseinnahmen der Fabrikarbeiterinnen von 100, 140 und—am häufigsten—250 frs. festgestellt.489 Italien weist in der Seiden- und Baumwollindustrie Wochenlöhne von 4,80 frs., in der Trikotwarenfabrikation solche von 3,60 frs. auf.490 In England, wo im allgemeinen die Lage der Arbeiterinnen eine bessere zu sein scheint, ist das Niveau, bis zu dem sie herabsinkt, immer noch ein sehr tiefes. So verdienten z.B. in den Schneiderfabriken Dudleys und in den Cigarettenfabriken Liverpools 44 % der Arbeiterinnen unter 6 sh. wöchentlich; von den Fabrikarbeiterinnen der großen Industriestadt Bristol verdienten 30 % unter 8 sh., 33 % 8 bis 12 sh., nur 7 % 15 bis 18 sh. und nur 3 % über 18 sh. die Woche.491 In Nordamerika, wo der Durchschnittsfrauenlohn in 22 großen Städten 5,24 $ beträgt, sind Jahreseinnahmen von 75 bis 150 $ trotzdem gar nichts Seltenes.492 Dabei muß, wie überhaupt bei allen Enqueten über Frauenarbeit, besonders denen mittelst Fragebogen, in Betracht gezogen werden, daß nur die intelligentesten, die eigentlichen Elitearbeiterinnen,—im vorliegenden Fall nur 7 % aller Befragten,—antworten und richtig antworten. Die große Masse wird nicht erfaßt.
Aber wie gesagt, selbst wenn wir eine unendliche Zahl von Lohntabellen besäßen, sie würden nichts als eindruckslose Zahlen für uns bleiben, wenn wir ihnen nicht die entsprechenden der Männerlöhne gegenüberstellen könnten. Es fehlt nun zwar nicht an Material dafür, es erweist sich nur bei näherer Betrachtung zum großen Teil als unzureichend. So findet sich z.B., daß in den oberelsässischen Spinnereien in den achtziger Jahren die männlichen Arbeiter 1,80 Mk. bis 4 Mk. täglich verdienten, die weiblichen 1,70 Mk. bis 2 Mk., und dieser Unterschied beginnt sogar schon bei den arbeitenden Kindern; die männlichen Geschlechts verdienten 40 Pf. bis 1,20 Mk., die weiblichen nur 30 Pf. bis 1 Mk. am Tage. Für die Webereien galt das gleiche: während die Tageseinnahmen der Männer 3,30 Mk. zu betragen pflegten, erreichten die Frauen im besten Fall einen Lohn von 2,40 Mk.493 In den Mannheimer Fabriken wurde festgestellt, daß 56 % der Männer 15 bis 25 Mk. in der Woche verdienten, 71 % der Frauen dagegen nur 8 bis 10 Mk.; 1-1/2 % der Männer konnten sogar auf einen Verdienst von über 35 Mk. rechnen, während nur 0,08 % Frauen die höchste Einnahme von 30 bis 35 Mk. erreichten.494 Nach einer Zusammenstellung für Großbritannien, die sich auf 110 Fabriken mit 17430 Arbeitern bezieht, und für Massachusetts, die 210 Fabriken mit 35902 Arbeitern umfaßt und im ganzen 24 verschiedene Industrien in sich schließt, gestalten sich die Lohnverhältnisse für beide Geschlechter folgendermaßen:495
Grossbritannien
Massachusetts