Auf allen Gebieten wuchs der umgestaltende Einfluß der Maschine. Noch erzählen unsere Großeltern, wie sie sich ihre Briefumschläge stets mühsam selbst herstellten, wenn sie nicht in den Häusern der Aermsten durch Kinder und Frauen mit keinen anderen Werkzeugen als Schere und Pinsel hergestellt wurden. Heute schneiden und gummieren die Maschinen die Kuverts und liefern bis zu 300000 täglich; und in einer anderen Maschine braucht nur auf der einen Seite das Papier eingelegt zu werden, damit sie die fertigen Umschläge—4000 in der Stunde!—auf der anderen wieder herauswirft. Aehnliches geschieht in der Kartonage. An Stelle des Zuschneidens, das kräftige Finger erfordert, stanzt die Maschine die Formen aus, sie klebt, sie verbindet die einzelnen Teile und bei der Ausnutzung aller Hilfsmittel der Technik bleibt der Hand wenig zu thun übrig. Die ganze Papierfabrikation hat durch ihre große Veränderung die Frauen in ihren Dienst gerissen. 1808 wurde der Handbetrieb zum erstenmal durch eine Maschine ersetzt, die heute so vervollkommnet ist, daß sie das Rohmaterial aufnimmt und selbstthätig zu fertigem Papier verarbeitet. Auch eine andere ungeahnte Entwicklung ist das Verdienst der Maschine: Die Verbreitung der Zündhölzchen. Sie wäre unmöglich gewesen, wenn nicht die mechanische Herstellung der kleinen Hölzchen, die früher Stück für Stück mit der Hand geschnitzt wurden, ihr zu Hilfe gekommen wäre. Jetzt werden selbst die Schachteln, die die Handarbeit armer Kinder gewesen sind, fabrikmäßig hergestellt und gefüllt—25000 täglich!
Es läßt sich schwer abmessen, welche von all diesen genialen Erfindungen die Frauenarbeit am meisten beeinflußte; wohl aber kann ohne weiteres behauptet werden, daß keine eine so nachhaltige, sich immer weiter ausdehnende Wirkung hatte, als die zur selben Zeit wie die Spinn- und Webstühle in ihrer einfachsten Gestalt auftauchende Nähmaschine. Sie blieb lange unbeachtet. Erst als der Amerikaner Elias Howe 1844 die erste, wirklich brauchbare Maschine erfunden hatte, verbreitete sie sich mit einer Geschwindigkeit, die insofern nichts Erstaunliches an sich hatte, als ihre verhältnismäßige Kleinheit, der Betrieb durch Hand oder Fuß, ihr in jedem Haus Eingang verschaffte und sie eine Arbeit verrichtete, die mehr als irgend eine andere, von jeher in den Händen der Frauen gelegen hatte. Sie verzwölffachte überdies die Leistung der Handnäherin und gab somit Aussicht auf besseren Verdienst.378 Auf ihrem Prinzip beruhen eine Menge anderer Maschinen: die Knopfloch- und Knopfannäh-, die Kurbel- und Festoniermaschine, die Handschuh-Nähmaschine, und endlich die verschiedenen, in der Schuhwarenindustrie benutzten Nähmaschinen, deren erstes Aufkommen schon das altehrwürdige Schuhmacherhandwerk zu untergraben anfing und den Frauen den Eingang dazu verschaffte. Heute hat die mechanische Herstellung der Schuhwaren einen Grad von Vollkommenheit erreicht, die der der Weberei annähernd gleich kommt. Auch hier sind fast alle Vorbereitungs- und Vollendungsarbeiten von der Maschine übernommen worden: vom Ausstanzen der einzelnen Teile des Schuhs, wodurch das Zuschneiden entbehrlich gemacht wird, dem Walken des Schaftes, das das für den Kleinschuhmacher sehr beschwerliche Façonbiegen des Oberleders mühelos ausführt, bis zum Glätten des fertigen Schuhs, dem Nähen der Knopflöcher und Annähen der Knöpfe. Die moderne Schuhfabrik, in der die meisten Maschinen durch Kraftmotoren in Bewegung gesetzt werden und die alte vielseitige Thätigkeit des Schusters beinahe zu einer bloßen Aufsicht führenden zusammenschrumpfte, ist eine der letzten großen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts. An seiner Wiege stand, wie einst die Gaben spendenden Feen an der Wiege der Märchenprinzessin, der graue König Dampf und ließ über ihr sein erstes, prophetisches, eintönig-dröhnendes Lied erklingen. Er beherrschte sein Leben; unter seinem Regiment wuchsen die subtilsten Maschinen und die gewaltigsten Eisenkolosse hervor, er hüllte die Scharen seiner Diener und Dienerinnen in sein eigenes schwarzgraues Gewand—das Kleid der Armut und der Trauer. Einen neuen Zauberer sah das alternde Jahrhundert erstehen, der mit stillem weißleuchtendem Licht seine letzten Lebensjahre überstrahlte und der mit seiner jungen Kraft den alten Dampf zu ersticken droht. Wird er seine Unterthanen in die Kleider des Lichts sich hüllen helfen?——
Wer seine Blicke auf die ununterbrochene Folge staunenswerter Erfindungen richtet, die das 19. Jahrhundert hervorbrachte, und von der sozialen und politischen Entwicklung nichts weiß, der muß erwarten, eine von schwerer Arbeit befreite, durch die enorm gesteigerte Produktion reich gewordene, gesunde und glückliche Menschheit vor sich zu sehen. Aber er findet nichts von alledem. Die Maschinen, von denen hier nur einige der für unseren Zweck wichtigsten genannt werden konnten, machten die große Masse des Volks abhängig von ihren Besitzern; sie rissen, soweit sie infolge ihrer große und Kompliziertheit oder der Einführung des motorischen Betriebs das Fabriksystem zur Bedingung hatten, die Menschen aus dem eigenen Haus, der eigenen Werkstatt heraus, beraubten sie ihrer selbständigen Existenz und zogen auch die Frauen in ihre Dienste, weil sie ungelernte Arbeitskräfte brauchten und die billigsten die willkommensten waren. Darum ist die Zunahme der Frauenarbeit da am rapidesten, wo die Benutzung der Maschine am höchsten entwickelt ist.379 Das zeigt sich besonders in dem Mutterlande der Großindustrie, in England. Schon 1839 gab Lord Ashley an, daß von den 419560 Fabrikarbeitern in Großbritannien 242296 Frauen waren; in den Baumwollfabriken waren 56-1/4%, in den Wollfabriken 69-1/2%, den Seidenfabriken 70-1/2% und den Flachsspinnereien 70-1/2% aller Arbeiter weiblich.380 Und zwanzig Jahre später konstatierte der englische Fabrikinspektor Robert Baker, daß die männlichen Arbeiter seit 1835 um 92%, die weiblichen dagegen um 131% zugenommen hatten. Auf einen größeren Zeitraum berechnet, erhöht sich die Ziffer zu Gunsten der Frauen noch bedeutend: Von 1841 bis 1891 ist die Zahl der männlichen Industriearbeiter um 53%, die der weiblichen um 221% gestiegen.381 Die absoluten Zahlen veranschaulichen dieses Wachstum noch deutlicher382 (s. Tabelle).
1841
1851
1861
1871
1881
1891
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Männer
Frauen
Töpferei
23600
7400
34800
11100
42500
13400
49700
17700
52200
19700
64300
23800
Gas, Chemikalien
5800
300
16400
1700
24800
1500
34900
4100
44000
4000
66400
6300
Pelzwerk, Leder, Leim
31600
2400
44500
6500
47300
2300
49400
10200
49400
13300
59100
18200
Holzwaren, Wagen
147500
4900
180200
8900
202200
14100
214200
19500
221600
18400
253600
23300
Papier etc.
8900
3200
13600
8300
14600
10700
20300
13400
24600
23200
28600
34200