"Zu Ehren von Tiecks — Vater, Mutter und zwei Töchter — waren auch einmal oben bei Ottilie und unten bei Goethe Feste arrangiert worden. Goethe sah die Familie zuerst bei sich zu Tisch; ich war zwar nicht gewünscht, erlaubte mir aber, mit dem Vorrecht der Jugend, nachher in das Allerheiligste einzudringen, um Tiecks zu Ottilie zu geleiten, während der alte Herr andere Gäste empfing. Es kam auf Walter Scott die Rede, welchen er sehr schätzte, was meinem englisch empfindenden Herzen wohl tat, nur wagte ich die Einwendung, daß 'The fair maid of Perth' nicht immer allzu unterhaltend sei, worauf mir ein strafender Seitenblick und ein 'Die Kinder wollen eben immer noch bunte Bilderbücher' zuteil wurde.

"Einige Tage später war Tee bei Ottilie. Man stand umher, sprach mit gedämpfter Stimme, sah sich bei jedem Geräusch erschrocken nach der Tür um, als ob eine Geistererscheinung erwartet würde, aber sie kam nicht. Ottilie sollte sie heraufbeschwören, doch die irdischen wie die himmlischen Geister sind eigensinnig.

"Man wurde unruhig, Tieck wechselte die Farbe, biß sich auf die Lippen, immer häufiger flogen die unsichtbaren Engel durchs Zimmer. Ich wandte mich an Eckermännchen, der still in einer Ecke stand und eben sein unvermeidliches Notizbuch einsteckte. 'Er will nicht,' sagte er; da nahm ich meinen Mut zusammen und ging hinunter. Die ersten Stufen lief ich, die letzten schlich ich nur langsam, denn ich fürchtete mich doch etwas und wäre fast schon umgekehrt, wenn ich mich nicht vor Friedrich geschämt hätte. Er wollte mich nicht melden; ich solle nur so hineingehen, meinte er.

"Goethe stand am Schreibpult im langen offenen Hausrock, einen Haufen alter Schriften vor sich; er bemerkte mich nicht, ich sagte schüchtern:

"'Guten Abend!'

"Er drehte den Kopf, sah mich groß an, räusperte sich — das deutlichste Zeichen unterdrückten Zorns. Ich hob bittend die Hände.

"'Was will das Frauenzimmerchen?' brummte er.

"'Wir warten auf den Herrn Geheimrat, und Tieck —'

"'Ach was,' polterte der alte Herr, 'glaubt Sie, kleines Mädchen, daß ich zu jedem laufe, der wartet? Was würde dann aus dem da?' und damit zeigte er auf die offenen Bogen; 'wenn ich tot bin, macht's keiner. Sagen Sie das droben der Sippschaft. Guten Abend.'

"Ich zitterte beim Klang der immer mächtiger anschwellenden Stimme, sagte leise 'Guten Abend', doch es mochte wohl sehr traurig geklungen haben, denn Goethe rief mich zurück, sah mich freundlich an und sprach mit ganz verändertem Tonfall: