Wieder daheim
345

Dem Ende entgegen
378

Anmerkungen
421

Register
427

Einleitung

Im Jahre 1890 starb Jenny von Gustedt, deren Leben diese Blätter schildern sollen. Sie war die letzte Zeugin einer großen Zeit, ihre Gestalt war geweiht und verklärt durch Goethes Freundschaft. Unter dem Titel "Aus Goethes Freundeskreise" gab ich ein Jahr nach ihrem Tode ihre Erinnerungen und hinterlassenen Papiere heraus. Sie sind auch diesmal die Grundlage des vorliegenden Buches. Aber es ist nicht dasselbe wie damals. Es ist äußerlich und innerlich ein anderes geworden. Das gilt nicht nur in bezug auf die Anordnung des Stoffes, sondern auch in bezug auf den Inhalt, der sich um vieles bereichert und manchen für die Öffentlichkeit uninteressanten Ballast verloren hat. Auch die Gestalt, die im Mittelpunkt des Buches steht, Jenny von Gustedt, meine geliebte Großmutter, erscheint verändert. Ihr Bild, das die junge Enkelin noch nicht zu erkennen vermochte, weil sie jenes Sehen noch nicht gelernt hatte, das sich nur auf den vielverschlungenen Pfaden eigenen Lebens lernen läßt, dessen Wiedergabe daher mißlingen mußte, weil all die mannigfaltigen Farbentöne ihr fehlten, die nur durch persönliche Erfahrungen zu gewinnen sind, tritt jetzt lebendiger hervor. Wie die Menschheit stets erst nach und nach zu ihren großen Führern heranreift und ihnen in Geist und Herzen Altäre baut, lange nachdem sie ihre Standbilder auf ihren Gräbern in Erz und Marmor errichtet hat, so werden die Toten jedes einzelnen Menschenlebens ihm auch erst mit der Reihe der Jahre vertraut und wahrhaft lebendig.

Wohl war meine Großmutter mir von klein auf Schutzgeist und Leitstern des Lebens, bei ihr fand ich Verständnis für alles, was mich bewegte; fremd war mir die eigene Mutter im Vergleich zu ihr. "Wie mein das Kind ist, könnt ihr nicht glauben," schrieb sie, als ich kaum fünf Jahre alt war. Aber erst jetzt, nachdem sie lange in der Erde ruht, nachdem ich Weib und Mutter geworden bin, nachdem die "Krallen des Lebens", von denen sie die Narben trug, sich auch mir ins Fleisch geschlagen haben, verstehe ich sie ganz. Ich weiß nun aber auch, was ich ihr schuldig bin: Wahrheit. Nicht nur die Wahrheit, die ich erst im Laufe der Jahre erkannte, sondern auch die, die ich, unter dem Einfluß konventioneller Familienmoralbegriffe, bei der ersten Ausgabe des Buches zu verhüllen gezwungen war.

Von Kindheit an verwob sich mir das Bild meiner Großmutter mit dem jener Titanen, die an der Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts die Welt beherrscht hatten: Goethes und Napoleons. Wenn andere Kinder, der Ahne zu Füßen sitzend, den alten trauten Märchen lauschen, die sie erzählt, so ward ich nicht müde, den Lebensmärchen ihrer Jugend zuzuhören. Von Weimars Glanzzeit sprach sie mir, von vielen kleinen Dingen und Erlebnissen, die groß wurden, weil das Licht des Goethenamens sie umgab, von den Menschen der Zeit, die wie ein anderes Geschlecht von da an in meiner Erinnerung lebten, von dem Großen, Herrlichen selbst, dessen Haus ihr eine Heimat war und Zeit ihres Lebens ihres Geistes Heimat geblieben ist. Als ich älter wurde, war sie es, die mir Goethes Lebenswerk erschloß; aus dem alten blauen Band der "Iphigenie", den er ihr geschenkt hatte, tönten zuerst seine Worte an mein Ohr. Schauer der Ehrfurcht ließen mein Herz erzittern, wie sie dann der Fünfzehnjährigen den schmalen Goldreif an den Finger steckte, der stets ihr liebstes Angebinde aus des Dichters Hand gewesen war. Wenige Jahre später, während einer langen Genesungszeit nach schwerer Krankheit, wo ein junges Ding, wie sie sagte, so leicht auf törichte Gedanken kommt, sandte sie mir ihre schriftlichen Aufzeichnungen, für die sie bei ihren Kindern ein Interesse nicht voraussetzen konnte. Sie schrieb dazu:

Lablacken, 22./11. 1884.

Mein trautstes geliebtes Lilichen!