"Mein liebes gnädiges Fräulein!

"Wenn die gütige Vorsehung den sendet, der Ihrer würdig ist, der wird um Ihre schöne Seele freyen, und Ihre Schönheit nur als vortreffliche Zugabe ansehen — der wird auch ein Mann sein, vor dem die Gecken fliehen und die Wüstlinge beschämt zurücktreten, die keine Ahnung von dem Werthe einer engelreinen, weiblichen Seele haben, die ich durch Ihre Briefe in Ihnen zu verehren das Glück gehabt habe ... Diese Pülverchen nehmen Sie getrost von Ihrem

Köthen, d. 3. Nov. 1828.

untertänigen S. Hahnemann."

In einem der letzten Briefe lesen wir:

"Fahren Sie nur so fort, nächst Ihrer diätetischen Folgsamkeit, mir in Ihren Briefen Ihre Denkungsweise, Ihr Herz und Gemüth aufzuschließen. Sie haben einen alten Mann vor sich, der ungemein empfänglich für so etwas ist, ungeheuchelten Theil daran nimmt, auch wohl hierin guten Rath zu geben weiß. Erhält, wie bei Ihnen, das geistige Gefühl und die Empfindsamkeit die Oberhand, so wird das körperliche davon übermannt und über die Maße gestört. Da ist es nöthig, auf den rechten Weg einzulenken, wo der Körper neben dem Geiste seine Rechte behaupten könne, da ist es nöthig, solche Beschäftigungen zu wählen, wobei die Phantasie möglichst wenig aufgeregt und mehr das Denken und Beobachten geübt wird .... Nächstdem bitte ich bloß leichte, frohe Lieder (keine andere Poeterey), gute, wahre Reisebeschreibungen, Lebensbeschreibungen und Geschichte zu lesen. Um Ihnen aber etwas und womöglich vielmehr Vergnügen bei Ihren Spaziergängen zu verschaffen, haben Sie in Weimar die beste Gelegenheit, sich einen unpedantischen Lehrer in der Naturgeschichte zu verschaffen, der Ihnen, im Beiseyn Ihrer gnädigen Frau Mama, Kenntnisse beibringen wird, die Ihnen dereinst weit schätzbarer und lieber sein werden, als viele andere weibliche Beschäftigungen. Dann sind Sie auf Ihren Spaziergängen nicht mehr einsam und ohne Unterhaltung. — —"

Der gute Rat des Seelenarztes mochte dem trauernden Gemüt des jungen Mädchens eine bessere Arznei sein, als seine "Pülverchen" ihrem Körper. Aber den Rat, der überall zwischen den Zeilen seiner Briefe zu finden und sicherlich von den besorgten Eltern diktiert war: durch die Verbindung mit einem "würdigen Mann" die erste Leidenschaft zu überwinden, vermochte sie nicht zu befolgen. An Bewerbern fehlte es nicht; ihre Schönheit und noch mehr der Liebreiz ihres Wesens bezauberte alle.

In einem Briefe Eckermanns aus dem Jahre 1829 heißt es unter anderem: "Der rechte Balkon wird leer gewesen sein, denn es war ziemlich alles bey Frau v. Goethe. Man las den Egmont, welches bis gegen 11. dauerte. Da ich, wie gewöhnlich mich unter den Zuhörenden befand, so könnte ich über die lesenden Personen, ihre Art des Vortrags, ihre Betonung, im Vergleich zum Theater, meine stillen Bemerkungen machen ... Was soll ich aber zu unserm Liebling Jenny sagen, auf der meine Augen ruhten und die sich nur auf andere Gegenstände wandten, um zu ihr erfrischter und mit größerer Neigung zurückzukehren.

"Sie hatte die Rolle des Ferdinand, welcher wie Sie wissen erst spät kommt. Sie saß aber gleich von Anfang an dem Tisch der Lesenden, gegen den die Zuhörer einen langen Halbzirkel bildeten. An den übrigen vorlesenden Personen war besonders anfänglich eine gewisse Verlegenheit merklich, wie sie unter solchen Umständen gewöhnlich sein mag, und welche sich besonders darin zeigte, daß die Seele der Lesenden nicht ganz bei der Sache war, wodurch dann falsche Betonungen und dergleichen entstanden. Jenny aber saß da in der ruhigen Unschuld eines Kindes, die Hand unter ihr Köpfchen gestützt. 'Jetzt,' dachte ich, 'ist freilich an Dir nicht die geringste Spur einer Verlegenheit sichtbar, aber ich will sehen, wie Du thust, wenn es an Dich kommt.' Nun kommt Alba, er spricht mit Silva, mit Gomez, er ruft seinen Sohn Ferdinand. Jenny fängt ihre Rolle an, es ist dieselbige Ruhe, dieselbige Unbefangenheit, dasselbe Kind. Die durchaus edle Rolle des Ferdinand sagte ganz ihrer schönen Seele zu, und ich kann nicht sagen, daß je die Unschuld eines reinen Wesens mir in solchem Grade und solcher Liebenswürdigkeit erschienen sey. Nach beendigtem Stück sagte ich ihr manches gute. Sie sagte aber, daß sie groß Angst gehabt und daß ihr Herz während dem Lesen laut gepocht habe. Ich sah sie mit verwunderten Augen an und konnte nicht begreifen, wie einer Regungen des Herzens so verbergen könne, daß man ihm nicht das geringste ansieht.

"Es waren auch zwey englische Damen zugegen, Lady Murray in mittleren Jahren und eine junge Lady in ihrer Begleitung, von deren Schönheit man mir viel gerühmt hatte ... Allein neben der schönen Melany und Jenny konnte sie sich in meinen Augen nicht halten ..."[74]