1./11. 1835.
"Alle großen Leidenschaften sind göttlicher Natur; sie sind die Emanationen Gottes im Herzen der Menschen. Man kann sie weder willkürlich heranrufen, noch vernichten, sie sind Inspirationen des Himmels, denen wir uns unterwerfen müssen, und die für ihren göttlichen Ursprung dadurch Zeugniß ablegen, daß sie über den allgemeinen Gesetzen der Natur stehen und diese sich ihnen unterordnen müssen."
Diese wenigen Proben — alles andere schlummert in mir unzugänglichen Archiven — zeigen, wie weit der Briefwechsel unserer Großeltern von dem Depeschenstil der Gegenwart entfernt war. Sie wollten nicht nur mit ihren fernen Freunden vereinigt bleiben, es gelang ihnen auch, weil sie die Verbindung durch Gedankenmitteilungen, nicht durch bloße Lebensdaten, hinter denen sich die tiefgehendsten Wesenswandlungen verbergen können, aufrechterhielten.
Außer Prinzeß Augusta war es noch eine andere Prinzessin, mit der Jenny auf diese Weise in naher Beziehung blieb: Helene von Mecklenburg, spätere Herzogin von Orleans. Ihr Gatte war jener französische Thronfolger, den ein tödlicher Sturz davor bewahrte, durch die Revolution seiner Hoffnungen beraubt zu werden. Die Schilderung ihrer Beziehungen zu Helene leitete Jenny folgendermaßen ein:
"... Die Armuth, die Niedrigkeit darf klagen und weinen, auf den Höhen der Menschheit regiert das Lächeln, das klaglose Verstummen. Und die nicht geweinten Thränen wiegen centnerschwer. Mir war es vergönnt, in das Herz, in die Seele solch einer Märtyrerin zu schauen, als sie noch unberührt war von dem giftigen Hauch des Weltenschicksals, als sie noch nicht selbst mitten im Wirbelwind des Lebens stand. Fast ein Kind noch, kam Helene von Mecklenburg zum ersten Mal nach Weimar. Im Andenken an ihre verewigte Mutter, Karl Augusts liebliche Tochter Caroline, wurde sie ganz als Kind Weimars empfangen und blieb vom ersten Tage an des Großvaters Liebling. Trotzdem dauerte es sehr lange, bis ihr durchaus unkindlicher zurückhaltender Ernst einem offen-freundlichen Wesen Platz machte. Ich gab mir viel Mühe um sie, weil ihre tiefen, forschenden Augen mich reizten, sie zu enträthseln. Was mir zuerst seltsam auffiel, war die hinter dem kühlen Äußeren versteckte schwärmerische Phantasie, deren realer Mittelpunkt schon damals Frankreich war. Ihre französische Gouvernante wie die französische Hofdame ihrer Stiefmutter mochten wohl diese Gedankenwelt in ihr mit geschaffen haben, die nach und nach alles andere verdrängte. Unsere Unterhaltungen drehten sich meist um französische Geschichte, französische Literatur, und immer, wenn sie wieder nach Weimar kam, erstaunte ich, welche Fülle neuer Kenntnisse sie sich darin erworben hatte. Ich hatte ihr versprechen müssen, alles Neue, das an guten französischen Büchern erschien, ihr mitzuteilen oder zuzusenden, was dann auch gewissenhaft geschah. Mein Berater war der liebenswürdige, geistreiche Graf Alfred Vaudreuil, der mit französischer Gewandtheit und Leichtlebigkeit deutschen Ernst und deutsche Gründlichkeit verband und mir immer neben seinem Freunde, dem Prinzen Friedrich Schwarzenberg, von dem Ida von Düringsfeld so richtig sagte: 'er war immer ohne Umstände er selber', als der Typus wahrer Vornehmheit erschien. Wir hatten bisher, wie Vaudreuil sich ausdrückte, nur mit den Blumen und Zephyren Lamartines gespielt; jetzt gab er uns Werke von Dumas und Victor Hugo, auch las er aus Chateaubriands Büchern vor und unterrichtete uns in der sonst nur in verworrenen Bildern zu uns dringenden französischen Zeitgeschichte. Es war auch zum Theil sein Verdienst, daß er uns, eine sonst der Politik fernstehende Gesellschaft, auf die Geschehnisse des äußeren Lebens aufmerksam machte und uns etwas ablenkte von der ausschließlichen Beschäftigung mit Seelen- und Herzenskämpfen. Mein Stiefvater Gersdorff, selbst ein Staatsmann, war mir gegenüber mehr Philosoph; er meinte, Politik sei nichts für Frauenzimmer. Als aber die erste Kunde der Julirevolution zu uns drang, da war auch uns auf lange Zeit ein Gesprächsthema gegeben. Der Eindruck, den sie auf uns machte, war ein anderer als der, den sie bei der vornehmen Gesellschaft im übrigen Deutschland hervorrief. Wir schwärmten für die Ideen der Volksbeglückung; wir schwärmten für Griechenland, selbst für Belgien, warum sollten wir es nicht für Frankreich thun und in Louis Philipp den Retter des Volksglücks betrachten? Wer ahnte denn, daß er es nicht sein konnte? Am interessantesten war mir, mit welcher Lebhaftigkeit Goethe die Dinge verfolgte. Mein Stiefvater schrieb lange politische Berichte für ihn, so sehr er sonst mit Geschäften überlastet war, und unser Diener sagte uns, der alte Herr sei ihm oft aufgeregt entgegengekommen, um die Briefe selbst in Empfang zu nehmen.
"Noch waren wir ganz erfüllt von dem Thronwechsel in Frankreich, als Prinzeß Helene wieder nach Weimar kam. Ihre Begeisterung für Louis Philipp und seine 'Mission' spottete jeder Beschreibung, und es dauerte nicht mehr allzulange, so fing man an, erst leise, dann immer lauter davon zu sprechen, daß sie seinem Sohne bestimmt sei. Sie selbst sprach nie davon, auch brieflich nicht, so offen auch ihr Herz sonst vor mir lag; aber ich las die Hoffnung auf Erfüllung ihres Kindertraumes in ihren seelenvollen Blicken. Während sie sich mit ihrer Mutter in Jena aufhielt, besuchte ich sie häufig. Man nahm die Krankheit der Herzogin zum Vorwand des Fernbleibens von Mecklenburg, während die unerquicklichen Verhältnisse dort es nöthig machten. In Jena versammelte sich bald ein geistig bedeutender Kreis um die Fürstinnen; ich vermittelte die Bekanntschaft mit meinem lieben Freunde, dem Professor Scheidler, der seiner Taubheit wegen sehr menschenscheu war, und hatte die Freude, zu sehen, wie Prinzeß Helene sich ihm anschloß und sich von ihm bilden ließ. Dort und in Weimar fühlte sie sich weit mehr zu Hause als in Mecklenburg; wäre sie ein echtes Kind jenes strengen, nordischen Landes gewesen, niemals hätte sie dem Sohne des Bürgerkönigs die Hand gereicht. Obwohl sie, wie gesagt, nie mit mir darüber sprach, war mir dieser Schritt nicht unverständlich. Sie liebte den Herzog nicht, denn sie hatte ihn nie gesehen, sie war nicht ehrgeizig, dazu war ihr Charakter ein viel zu weiblicher. Was sie wollte, suchte, ersehnte, war ein Beruf, eine Pflicht; was sie glaubte, war an ein unabänderliches Schicksal, das ihr schon früh die Liebe zu Frankreich ins Herz geprägt habe. Sie war überzeugt, Recht zu thun, auch als sie mit ihrer Familie brach und wie eine Ausgestoßene von ihrer Heimat scheiden mußte. Strahlend glücklich waren ihre Briefe; strahlend schön soll ihr Äußeres gewesen sein, schrieben mir meine Verwandten aus Paris, und ich freute mich ihres sonnigen Schicksals. Erst nach und nach gingen ihr die Augen auf über den König, über das Treiben am Hof, über die sogenannte 'Volksbeglückung'. Es schmerzte sie tief, aber sie hatte ja ihren Gatten, der sie in keiner ihrer Träume und Hoffnungen jemals getäuscht hat; sie hatte ihre Kinder, denen sie sich mit der vollsten Gluth der Mutterliebe widmete; sie hatte Frankreich und seine Zukunft!
"Da begann ihr Märtyrerthum. Langsam, mit fürchterlicher Grausamkeit riß das Schicksal ein Glück nach dem anderen aus ihren Armen, enthüllte ihr eine bittere Wahrheit nach der anderen, bis das Leben, all seiner rosigen Schleier entkleidet, ein grausiges Skelett vor ihr stand. Sie schauderte wohl davor zurück; aber nicht lange währte es, so saß sie wieder am Webstuhl und schuf neue Hoffnungsgewänder für dies Bild des Todes."
Jenny korrespondierte eifrig mit Helene. Von den Briefen der Herzogin sind eine Anzahl verwahrt worden, die aus ihrer Mädchenzeit und aus der ersten Zeit ihrer Ehe stammen, ebenso einige von Jennys Antworten. Helene zeigt sich in ihnen als eine Schwärmerin, die uns kühlen Modernen, die wir selbst Empfindungen, die wir haben, schwer aussprechen, ganz fremd erscheint.
Ihre ganze Persönlichkeit wird nur dann verständlich, wenn wir sie als Kind ihrer Zeit betrachten, das sich über die Gefühlsschwärmerei der Romantik selbständig nicht zu erheben vermochte, und ihre Briefe sind als Spiegelbild des Seelenlebens vieler Frauen jener Epoche so bezeichnend, daß einige von ihnen, trotz ihrer tatsächlichen Inhaltlosigkeit, hier folgen mögen. Wenn Jenny sich auch dem Einfluß ihrer Zeit nicht zu entziehen vermochte, so unterwarf sie sich ihm doch nicht. Das zeigt sich auch in ihrem Briefwechsel mit Helene.
Aus ihren Briefen an sie sei folgendes angeführt: