"'Ich flatterte ängstlich am Lebensbaum umher, von Zweig zu Zweig; ich brachte ihm Frucht um Frucht hinab, und er erstarkte nicht; ich sang, und er erstarkte nicht; ich hob ihn liebend empor auf meinen Flügeln, und er erstarkte nicht; und da ich alle Mittel meines durch Liebe und Pflicht geschärften Denkens umsonst versucht hatte, da dachte ich des erziehenden Unglücks.'
"Wenige Monate später ward sie Schicksal und Opfer durch eigenen Willen und durch eigene Kraft! Irrte auch der Gedanke in dieser treuen Frau, war auch ihre That ein grauenvoller Wahn — die Absicht trägt das edelste Gepräge, und im Gefühl offenbart sich in reiner Glorie das 'ewig Weibliche'! —
"Triumphiret nicht, ihr Alltagsfrauen; rufet ihr nicht über dem Strickstrumpf und der Kartoffelsuppe ein 'überspannte Närrin' nach; denkt sinnend ihres keuschen, muthigen Todes. Sie starb für einen Irrthum, doch sie starb groß, wie jede Heilige für ihren Glauben. Ihr nennt, die Brust bekreuzend, die Namen der Märtyrerinnen, keine ging muthiger in den Tod; ihr beugt das Knie vor Müttern, Gattinnen, Geliebten, die freudig für die Lieben starben; ihr singet ewige Lieder den Helden, die für das Vaterland die blutige Weihe suchten, — aus Herzen wie Charlottens gingen diese Thaten!
"Der Irrthum, unser ewiger Erbfeind, hat dies schöne Opfer zu sich hingelockt.
"Laßt dies stille Grab unentweiht, lernet daran Selbstverleugnung, Opfermuth, Liebe!"
Jennys Jugendbild würde ein unvollkommenes bleiben, und vieles in ihrer späteren Entwicklung bliebe unverständlich, wenn des Mannes vergessen würde, der ihr unter ihren männlichen Freunden nicht nur am nächsten stand, sondern auch den nachhaltigsten Einfluß auf sie ausübte: der Jenaer Professor der Philosophie K. H. Scheidler. Dieser tapfere Menschenfreund, der trotz seiner Taubheit sein Leben lang ein Optimist geblieben ist, brachte dem schönen, klugen Mädchen freilich mehr als Freundschaft entgegen, aber erst sehr viel später, als sie längst Frau und Mutter war, erfuhr sie von seiner tiefen, stummen Liebe. Er blieb auch dann, und mit noch größerem Recht als zuvor, ihr Hausphilosoph, und als er sich nach Jahren doch noch zur Ehe entschloß, wurde seine Tochter ihr Patenkind. Ihre philosophischen Studien betrieb sie unter seiner Leitung und pflegte in Erinnerung daran zu sagen: "Er führte mich vom Kinderparadies durch das Dunkel irdischer Hölle zum Himmel reiner Menschlichkeit," und ihre in ihren Kreisen so seltene Fähigkeit, auch den politischen Idealen der äußersten Linken ein weitgehendes Verständnis entgegenzubringen, hatte sie ihm, dem ehemaligen Fahnenträger der Wartburgfeier, zu verdanken. Das Bild, das sie von ihm zeichnete, ist der beiden Menschen und ihrer Freundschaft würdig:
"Ich war einsam und betrübt. Ich hatte gebetet ohne Trost. Ich hatte ein geschichtliches Buch zu lesen versucht, es war mir in den Schoß gesunken. Der graue Himmel hatte einen Sonnenstrahl für meine Blumen und keinen Strahl der Freude für mein Herz. Vergebens hatte ich zu den Schriften gegriffen, in denen ich in Weihestunden des lebendigen Auffassens edler Weisheitslehren angestrichen hatte, was mir als zuverlässiger Leitstern, als Pilgerstab auf meinem Lebenswege erschienen war. Nichts war mir übrig als die Geduld; sie flüsterte mir jenes Wort immer wieder zu, das zugleich landläufige Redensart und tiefes Geheimnis Gottes als ein Lebens räthsel für Jung und Alt in Jedermanns Munde ist: Alles geht vorüber. Ich schlug die Arme ineinander, senkte das Haupt und sagte mir leise: es geht vorüber. Ich wollte das abwarten. — Da tönt auf dem Corridor ein fester sporenklingender Schritt, man meldet den Professor Scheidler. Ich stehe auf, reiche ihm die Hand und heiße ihn durch Zeichen willkommen, denn das traute Wort hätte er nicht gehört; seit mehr als zehn Jahren unheilbar taub, lebt er von Todesstille umgeben. Dieser Mann der Tapferkeit, der Reinheit, des tiefen Denkens und edlen Thuns, der Mann, welcher höher steht als das Unglück, der Mann ursprünglicher Natur, er ist mein Freund.
"Niemals hat der Schmerz weniger Gewalt über einen Sterblichen gewonnen, obwohl er vielleicht keinen mit grausamerer Hartnäckigkeit angefallen hat. Denn dieser Mann mit der heiteren Stirn und dem Blick eines Kindes, mit seinem sicheren Auftreten, seinem Ausdruck von Zufriedenheit, dieser Mann, der nie klagt, nie müde wird, nie murrt, ist inmitten alles menschlichen Treibens allein, allein mit seinem Herzen voll Teilnahme und Liebe. Keine Familie, kein Herd, an dem er einem Blick begegnete, der ihm sagte: ich gehöre dir an. Kein Haus, wo er Karl genannt wird, er ist für jeden nur der Professor Scheidler. Keine Frau, die 'wir' sagte, kein Wesen auf Erden, dessen erste und oberste Neigung ihm gehörte. Dieser thatkräftige Mann, der alle Mißbräuche, alle Irrthümer bekämpfen möchte, der seine hochgegriffenen Überzeugungen auszubreiten sich berufen fühlt, der den Drang empfindet, seine Lehren der Uneigennützigkeit und des Fortschritts in die Seele jedes Jünglings hineinzudonnern, als Apostel der Sittlichkeit das Böse zu zerschmettern, das Gute bis in sein kleinstes Fünkchen hinein zu schützen, dieser Mann ist ausgeschlossen vom vertrauten und lebendigen Verkehr mit Seinesgleichen, oft verliert seine Stimme sich ins Leere, bei jedem Schritt ist er gefesselt und aufgehalten, eine eherne Wand ist zwischen ihm und der Welt, und der Gedanke der Vervollkommnung, für den er lebt, kann sich bloß für ihn selbst und einen engen Kreis von Freunden geltend machen. Nicht einmal von Sorgen um das tägliche Brot ist dieser Mann der Hilfe und des Rathes für die Leidenden frei, bei aller Einfachheit und Einsamkeit; er, der niemals an sich denkt, wenn es gilt, Einem, der weniger hat als er, zu geben. Er hat keine Vorkehr getroffen gegen das Kommen der Armuth im Krankheitsfalle oder in dem des frühen Alters: sein Vermögen sind einzig sein Arbeiten und seine Bedürfnißlosigkeit. Er hat aber Zeiten erlebt, wo die schwere Last des Leides, das er dauernd zu tragen hat, durch äußere Entbehrungen noch schwerer wurde. Auch da hat er sich nicht beklagt, niemals dem Schmerz gegenüber die Waffen gestreckt; nein, diese Stirn hat sich nicht gebeugt, auch wenn ihre Heiterkeit von dunklen Prüfungswolken überschattet wurde. Der Kampf hat ihn niemals erschöpft, stets behielt er, um dem Nächsten zu helfen, die Hand frei. Einst legte er mir Rechnung über das, was ich mit ihm zusammen für einen in Not befindlichen jungen Gelehrten an Hilfe zu schaffen gesucht hatte, und da ich mich wunderte, wie viel er zusammengebracht hatte, obwohl, wie ich wußte, er selbst nicht bei Casse war, fragte ich nach dem Woher. 'Das ist nicht schwer,' antwortete er in aller Schlichtheit: 'ich habe täglich zwei Stunden mehr gearbeitet.'
"Er führt ein durchaus geistiges Leben; seine Bücher trösten, beleben, erquicken ihn; sie sind sein Genuß und gegen das Andringen innerer Feinde seine Waffe. Auch war kein Arsenal jemals so wohlversorgt, kein Vorrath von Verteidigungs- und Angriffswaffen, um allezeit bereit zu sein, so wohlgeordnet. Scheidler ist ein Mann der strengen Wissenschaft, ohne daß er darum aufhörte, ein Freund der schönen Literatur zu sein; ein zierliches Gedicht, ein guter Roman findet bei ihm offenen Eingang neben den tiefsten Gedanken über Philosophie und Geschichte. Und wie die es tun, die Freunde und Familie haben, teilt er zwischen seinen stillen Gefährten seine Zeit ein; er hat regelmäßige Stunden für das Studium, für den Broterwerb, für die Erholung. Er redet mit den großen Geistern der Vergangenheit, die in ihren Werken fortleben. Ist dann der lange Morgen würdig verwendet, so fordert der Körper eine Rücksicht: nach dem einfachen Mittagsmahl ein Spazierritt, hierauf eine Fechtübung, abends zuweilen Schach oder Whist, häufiger einsames Denken. Menschenfurcht, Eigennutz, Neid, Unwahrhaftigkeit kennt Scheidler nur, soweit er sie in Anderen zu bekämpfen hat, seinem eigenen Herzen sind sie fremd; er hat jene Unschuld der Seele, die das Böse kennt, wie man Geschichte weiß, niemals aber damit durch eigene Erfahrung befleckt ist; die mit der Sünde zu schaffen gehabt, nie aber sie in sich aufgenommen hat; eine Unschuld, die nicht, wie bei einem Kinde, Unwissenheit ist, vielmehr angeborene Reinheit, Unnahbarkeit, ein Tugendgranit, dem Sturm und Tropfenfall nichts anhaben, über den die Zeit keine Macht besitzt. — Von Luxus wird Scheidler in keinerlei Form berührt. Auf Gold und Purpur der Kaiser würde er blicken, ohne daß seine schwarze Tuchweste mit der einfachen Stahlkette darüber, sein noch nicht zur Cravatte gewordenes schwarzes Halstuch, sein blauer, je nach den Umständen neuerer oder älterer Überrock und seine derben Sporenstiefel ihm auch nur in den Sinn kämen. Ob ein Zimmer elegant ist, sieht er nicht, und wenn man ihm das Auge auf ein komfortables Möbel oder eine hübsche Zierlichkeit lenkt, so lacht er, wie wir über eine ingeniöse Spielküche für Kinder lachen; er findet sie allerliebst, aber in seiner Miene erscheint kein Gedanke, daß er sie besitzen möchte.
"So war der Mann, der in mein Zimmer trat. Und ich, ich wagte ihm gegenüber traurig zu sein, zu klagen, den Schmerz zu fliehen.