Napoleons Abdankung und der Einzug der Bourbonen machten auch Jerome zum Heimatlosen, Landesflüchtigen. Nachdem sein Schwiegervater, der König von Napoleons Gnaden, ihn in Württemberg, wo Katharina im Hause der Eltern Zuflucht glaubte finden zu können, zum Gefangenen gemacht, ihn unausgesetzt auf das ehrenrührigste behandelt hatte und seine tapfere treue Frau mit allen Mitteln der Überredung und der Drohung hatte bewegen wollen,[39] sich von ihm zu trennen, wurde ihm schließlich mit Weib und Kind, das ihm Katharina in der Zeit der tiefsten Erniedrigung geboren hatte, von jenem politischen Rechenkünstler Metternich, der in dem letzten Trauerspiel der Napoleoniden die Stelle des Mephisto spielen sollte, Triest als Aufenthaltsort angewiesen. Er wurde bewacht wie ein Gefangener; trotzdem erreichte ihn die Nachricht von Napoleons Flucht aus Elba, seinem Triumphzug durch Frankreich, und es gelang ihm, aller Bewachung und aller Gefahr zum Trotz, nach Frankreich zu entkommen, der erste und der einzige der Brüder des Kaisers, der sich zu seiner Fahne meldete. Mit dem Kommando einer Division belohnte ihn Napoleon, die bei Belle-Alliance den äußersten linken Flügel der Armee bildete, und aus deren Reihen die ersten Schüsse fielen, das Signal zur furcht baren Schlacht. Gegen den Wald und das Schloß von Hougoumont stürzte Jerome tollkühn mit den Seinen, und überall, wo das Gewühl am dichtesten war, wehte sein weißer Mantel.[40] Als es zu Ende ging, blieb er in nächster Nähe Napoleons. "Zu spät, mein Bruder, hab' ich dich erkannt," soll der Kaiser im Augenblick, da sein Stern auf immer verlöschte, zu ihm gesagt haben.[41] Die Sage meldet, daß sie beide der erlösenden Kugel warteten. Wer aber zu so schwindelnder Höhe stieg, muß bis zum tiefsten Abgrund niedersteigen: zu Tausenden fielen die alten Krieger um sie her, ihnen aber war bestimmt, Schlimmeres zu ertragen als den Tod: die Verlassenheit.
Jeromes Leben war von da an, wie das aller Bonapartes, ein unstetes Wanderleben, unter ständigen, quälenden Sorgen. Wo er hinkam, war er ein Gefangener, von den Kreaturen Metternichs bewacht, der ihn in einem Bericht an die deutschen Souveräne für "einen der gefährlichsten und unruhigsten Köpfe der Bonaparteschen Familie" erklärte, und auf dessen Veranlassung die Mächte den Vertrag von Fontainebleau, durch den die Bourbonen verpflichtet worden waren, den Mitgliedern der Familie Bonaparte bestimmte Revenuen zukommen zu lassen, umstießen, weil es zu gefährlich sei, "den verwegensten der kaiserlichen Brüder, Jerome, mit Geldmitteln zu versehen."[42] Erst als der einsame gefesselte Adler auf fernem Felsen die große Seele ausgehaucht hatte, als sein junger Sohn der langsamen österreichischen Seelenvergiftung erlegen war und die Überreste des Welteroberers in der Erde des Landes ruhten, das sein Geist und sein Schwert zwei Jahrzehnte lang zum ruhmreichsten der Erde gemacht hatte — erst dann war es dem alternden Jerome, dem letzten der großen Napoleoniden, vergönnt, in Frankreich auszuleben. Zum Gouverneur der Invaliden ernannt, hütete er den toten Bruder, wie er dem lebenden gedient hatte, und starb, ein Greis, im Schatten des Titanen, unter dem sein Leben verflossen war.
Ist das das Bild des "Königs Lustik", das uns von allen Moralpredigern und guten Patrioten von klein auf als abschreckendes Beispiel verderblicher Sündhaftigkeit vor Augen geführt wurde? Haben in diesem Leben, vor allem in den sechs Jahren des westfälischen Königtums, von denen ein Jahr immer reicher war an Kämpfen nach innen und außen als das andere, alle jene schwülen Geschichten Platz, die die lange Regierungszeit eines Ludwig XV. kaum ausfüllen könnten? Es scheint, daß der Bruder des Mannes, den der Ruhm zu den Größten der Erde erhob, ein Opfer der historischen Legende werden mußte, weil Haß und Neid nicht emporreichte bis zu Napoleon selbst; die Ehre, den Namen dieses Halbgottes zu tragen, mußte er mit Verfolgung und Verbannung bezahlen.
Jerome war ein lebensfroher Mensch, mit einem empfänglichen, leicht zu entflammenden Herzen; der antike Schönheitskultus von Florenz, der Stadt seiner Ahnen, schien vor allem in ihm wieder lebendig geworden zu sein. In seiner Freigebigkeit kannte er keine Grenzen, und Freude zu bereiten, war für ihn die größte Freude. Seine erste Jugend, seine ganze Erziehung, in der die Frage nach dem materiellen Wert der Dinge nie eine Rolle spielte, unterstützten die Entwicklung dieser Seiten seines Wesens. Er war ein grandseigneur, — es gibt keine deutsche Bezeichnung dafür. Mit dem Maßstab des Kleinbürgers gemessen, war er ein Verschwender. Daß er es in einem anderen Sinne nicht sein konnte, dafür zeugt die finanzielle Lage seines Königreichs, der ständige Kampf mit den durch die Forderungen der Napoleonischen Politik entstehenden großen pekuniären Schwierigkeiten. Gewiß: sein Hof, der eines jungen strahlenden Fürsten, war ein glänzender, die leeren Räume der Schlösser von Kassel und Napoleonshöhe füllten sich bald nach seinem Einzug mit den schönsten Erzeugnissen der feinen Kunst der Empire; er und die Königin —, deren tatsächlich vorhandene Neigung zur Verschwendung zwar von Reinhard wiederholt getadelt und noch im Exil von Jerome selbst im Zügel gehalten werden mußte, aber von den Sittenrichtern Jeromes, die den Franzosen, den "Erbfeind" treffen wollten und die deutsche Prinzessin daher schonten, sorgfältig verschwiegen wurde[43] —, hatten immer eine offene Hand für ihre Freunde. Gewiß: Jerome erwies sich oft als allzu gutmütig, indem er Unwürdige mit Geschenken überschüttete; noch für die Kinder seiner Freunde oder seiner im Kriege gefallenen Offiziere sorgte er in einer Weise, die seine Kräfte überstieg, und den Wünschen derer, die er liebte, konnte er niemals widerstehen. Aber der finanzielle Ruin Westfalens war zum geringsten Teil seine Schuld: er war schon vorhanden, als er die Regierung übernahm, und mußte durch die furchtbaren Erfordernisse der Napoleonischen Kriegszüge notwendig zum Äußersten führen. Was aber die Berichte über Jeromes wahnsinnige Verschwendungen noch sicherer in das Bereich der Märchen verweist, ist die Tatsache, daß Jerome, der beschuldigt worden ist, ein großes Vermögen aus Westfalen mitgenommen zu haben, schon auf dem Wege von Kassel nach Köln gezwungen war, seine letzten Pferde, ein herrliches Gespann von sechs Schimmeln, für neunzehnhundert Frank zu verkaufen, und daß er schließlich nur ein bares Vermögen von 80000 Frank besaß. Er und die Königin waren genötigt, alles, was sie an Wertsachen ihr Eigentum nannten, — Brillanten, Perlen, Silber, Kunstgegenstände —, zu verkaufen, um überhaupt existieren zu können.[44]
Aber wenn er schon kein verbrecherischer Verschwender war, so ist er doch ein Wüstling gewesen, sagen die Tugendhaften, die zwar das "Austoben" ihrer eigenen Jugend für selbstverständlich halten, aber an den korsischen König von 23 Jahren den strengsten Maßstab der Moral anlegen zu müssen glauben.
Seine Zeitgenossen erzählen von ihm, wie schön und verwegen, von welch bestrickender Liebenswürdigkeit er gewesen ist. Noch als Greis wußte er die Menschen zu faszinieren. Küster rühmte von Kassel aus seine große Güte für hoch und niedrig, und sein strahlendes, alle mit sich fortreißendes Temperament;[45] Reinhard, der ihm kritisch genug gegenüberstand, schrieb: "Nichts ist der Leichtigkeit und Würde zu vergleichen, mit der der König repräsentiert; nichts erscheint angelernt, nichts studiert. Man sieht, daß ihn die Krone nicht drückt, die er trägt, weil er sich würdig fühlt, sie zu tragen."[46] Und diese Krone fiel ihm in den Schoß, da er kaum 23 Jahre alt war! Zu gleicher Zeit aber fesselten ihn politische Rücksichten an ein Weib, das sein Herz nicht begehrt hatte, das er erst nach und nach zu lieben lernte.
In Kassel strömte ein buntes Gemisch von Abenteurern und alten Aristokraten seinem Hofe zu. Viele, die sich später als Freiheitskämpfer ihrer Vaterlandsliebe nicht laut genug rühmen konnten, umschmeichelten ihn und empfingen dankbar Geld und Orden und Würden aus seinen Händen. Die Frauen vor allem, ehrgeizige und leichtsinnige, solche, die den König beherrschen, und solche, die von dem schönen Manne geliebt sein wollten, drängten sich in seine Nähe. Und er war kein prinzipienfester Tugendbold, — korsisches Blut ist wild und heiß —, er liebte die schönen Frauen. Es bedurfte keiner Verführungskünste, um sie zu besitzen; wie der Prinz im Märchen vom Rosengarten war er: die Rosen schmiegten sich ihm von selbst zu Füßen, er brauchte sie nicht zu brechen. Die Gräfin Truchseß-Waldburg, geborene Prinzessin von Hohenzollern, kam mit der Absicht, ihn zu gewinnen, an den Hof, die Gräfin Bocholtz war ihre Rivalin in diesem Kampf.[47] Reinhard, der in seinen Berichten nach Paris jedes Detail eines Maskenballes sorgfältig registrierte, allen Hofklatsch der Schilderung für wert befand, weiß wohl von denen zu erzählen, die das Herz des Königs entflammten, aber von den wüsten Orgien, die jene übel duftende, gleich nach dem Sturz des Königs anonym erschienene "Geheime Geschichte des ehemaligen westfälischen Hofes zu Kassel"[48] behaglich und weitschweifig darstellt, weiß er nichts. Auch der kleine Page von Lehsten, dessen Erinnerungen Otto von Bolten stern kürzlich veröffentlichte, weiß nichts davon. Von schönen Frauen und frohen Festen erzählt er, auch davon, daß der König die Liebe genoß, aber zu gleicher Zeit erklärt er, daß die geringste Verletzung des Anstands, daß zweideutige Äußerungen und öffentliche Galanterien am Hofe vom König selbst auf das strengste bestraft wurden und "kein Beispiel bekannt war, wonach die Unschuld eines jungen Mädchens von gutem Ruf durch Verführungskünste untergraben worden wäre".[49] Neuerdings schien dagegen ein Buch Moritz von Kaisenbergs über Jerome dem alten Klatsch neue Nahrung zu geben. Bei näherer Prüfung aber zeigt es sich, daß ein großer Teil der veröffentlichten Briefe fingiert ist und dem romanhaften Charakter des Ganzen entspricht. Die darin erzählten Schauergeschichten sind vielfach wörtlich jener ominösen "Geheimen Geschichte" entnommen, die auch vielen ebenso wertlosen wie tendenziösen Romanen das Material geliefert hat.[50] Kein Patriotismus ist ja auch wohlfeiler wie der der Beschimpfung des Feindes, und durch nichts fühlt die eigene gemeine kleine Seele sich wohltuender erhoben, als wenn sie Hochgestellte im Schmutze findet. Ohne diese fatale menschliche Eigenschaft würden Klatsch und Verleumdung es nicht so leicht haben, an Stelle der Wahrheit zu treten. Auch nicht angesichts der Person des Westfalenkönigs, dessen Charakter eine unumstößliche Rechtfertigung gefunden hat. Für ihn gilt, wie für Faust: das Ewig-Weibliche zieht uns hinan.
Katharina von Württemberg war ihm ohne Liebe vermählt worden. Bald nach der Hochzeit schon schrieb sie an ihren Vater: "Ich bin die glücklichste der Frauen und kann der Vorsehung nicht genug danken, daß sie mein Schicksal mit dem der besten der Männer vereint hat."[51] Reinhard berichtete von Kassel aus an den Kaiser: "Das Leben der Königin ist nur von der der Anbetung gleichkommenden Liebe zum König beherrscht."[52]
Das Tagebuch der Königin bringt auf jeder Seite die rührendsten Beweise ihrer Liebe und ihres Vertrauens.[53] Während der häufigen Trennungen korrespondierten die Gatten täglich miteinander, und über einen langen Zeitraum verstreut finden sich in den Briefen der Königin folgende Stellen: "Ich habe nur Dich in der Welt" — "Lieber nehme ich alle Unannehmlichkeiten auf mich, als das Unglück, Dir zu mißfallen" — "Du weißt, daß nichts mich so zur Verzweiflung bringt und mich so unglücklich macht, als von Dir getrennt zu sein."[54]
Nach dem Sturze des Kaiserreichs, als Katharina für sich und ihr Kind einer vollkommen unsicheren Zukunft entgegensah, bot ihr ihr Vater ein Schloß in Württemberg und eine gesicherte, ihrem Rang entsprechende Existenz an für den Preis ihrer Trennung von Jerome. Aber während Napoleons Gattin den vom Glück Verlassenen ruhig verriet und seinen und ihren Sohn um ihres Wohllebens willen an Österreich auslieferte, schrieb Katharina ihrem Vater: "Durch die Politik gezwungen, den König zu heiraten, hat das Schicksal es doch gefügt, daß ich die glücklichste Frau wurde, die es geben kann. Alle meine Gefühle gehören ihm: Liebe, Zärtlichkeit, Bewunderung," und sie erklärte zum Schluß: "Der Tod oder mein Gatte, das ist die Devise meines Lebens!"[55]