Einer derjenigen, von dem sie, wie sie sagte, außerordentlich gefördert wurde, war der bekannte Nationalökonom J. A. Blanqui, der sich durch seine Geschichte der politischen Ökonomie in Europa, der ersten ihrer Art, weit über die Grenzen seines Vaterlandes einen Namen gemacht hatte. Als Jenny nach Paris kam, war sein infolge eines Auftrags der Pariser Akademie der Wissenschaften entstandenes Werk über die Lage der arbeitenden Klassen in Frankreich gerade erschienen und hatte durch die rücksichtslose Enthüllung grenzenlosen Elends berechtigtes Aufsehen gemacht. Seine Vorschläge zur Abhilfe der Not, die er auf Grund der sieben Fragen der Akademie zum Schluß zusammenstellte, gipfelten in der Forderung der Beseitigung aller Zollschranken und Monopole. In Wirklichkeit aber ging er viel weiter, als er es hier im Rahmen eines offiziellen Auftrags aussprechen konnte. Wenn er auch nicht, wie sein Bruder, der Kommunist L. A. Blanqui, zum äußersten linken Flügel der damaligen Sozialisten gehörte, so war er doch als alter Saint-Simonist ein überzeugter Gegner der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung — der erste der Art, der Jenny Gustedt begegnete und bei ihr von vornherein, ihrer ganzen eigenen Entwicklung nach, ein geneigtes Ohr finden mußte. Den Briefwechsel mit ihm leitete sie durch eine Neujahrsgratulation ein, auf die er folgendes zur Antwort gab:
Paris, 18. Januar 1850.
"Gnädigste Frau!
"Im Augenblick, wo ich mir gestatten wollte, meinen Dank für Ihr freundliches Gedenken, das Prinz Jerome die Freundlichkeit hatte, mir mitzuteilen, persönlich auszusprechen, erhalte ich Ihren überaus liebenswürdigen Brief. Keine Unterstützung könnte mich mehr beglücken, als die Ihre, und ich werde sie als die wertvollste Ermutigung treu im Gedächtniß bewahren. Gewiß, gnädige Frau: es ist das parlamentarische und politische Geschwätz, das uns heute tötet und ganz Europa gefährdet. Alle unsere Revolutionen haben Millionen sogenannter Staatsmänner hervorgerufen, die sich schmeicheln, Alles zu wissen, ohne jemals etwas gelernt zu haben. In der Unkenntniß der elementaren Dinge besteht eine große Gefahr. Unsere griechischen und lateinischen Studien — und noch dazu welches Griechisch und Lateinisch! — haben aus uns kein gebildetes, sondern ein halbbarbarisches Volk gemacht, ähnlich den Griechen, die zur Beute der Türken wurden. Die Türken, die uns bedrohen, sind aber gefährlicher als die Mahomets II. Denn die Barbaren, in deren Mitte wir leben, haben es vor allen Dingen auf das Wohl des Nächsten abgesehen. In dieser groben und vulgären Form taucht die gleiche Frage überall auf: in Frankreich, in Preußen, in Deutschland. Gegenüber den wenigen gewissenhaften Männern, die aus Überzeugung für die Verbesserung der Lage der arbeitenden Klassen eintreten, giebt es so und so viele, die diese Frage nur im Interesse ihrer egoistischen politischen Passionen auszubeuten suchen. Wer aber heute den ersten Schritt auf dem Wege zum wahren Volksglück tun will, der muß jede persönliche Eitelkeit abstreifen, und zwar um so mehr, je mehr er von Geburt der Bourgeoisie angehört, sich also eigentlich zum Besten der Notleidenden in das eigene Fleisch schneiden muß. Sie werden jetzt begreifen, warum gerade Ihre Sympathie mir doppelt rührend und wertvoll ist. Sie haben mir die Ehre erwiesen, diese Korrespondenz durch Ihren liebenswürdigen Neujahrsgruß zu eröffnen, gestatten Sie mir, gnädigste Frau, das vergangene Jahr als das für mich glücklichste zu bezeichnen, weil ich in seinem Verlauf das Glück gehabt habe, Sie kennen zu lernen. Ich habe mich heute kurz gefaßt, um Sie nicht zu entmutigen, und auch infolge einer respektvollen Zurückhaltung, die mehr als Sie glauben, meine tiefe Sympathie zum Ausdruck bringt, die Ihr vornehmer Charakter mir von Anfang an einflößte. Was Sie sonst sind, konnte ich erraten, indem ich Sie sah, und ich bin stolz darauf. Es bedurfte auch nur kurzer Zeit, um in der verschleierten Tiefe Ihres Frauenherzens das zu entdecken, was Sie bescheiden vergebens zu verstecken suchen: einen gereiften Geist, stolze und großmütige Empfindungen.
"Es würde mir zu höchstem Glück gereichen, Ihnen dienen zu können und dafür das zu empfangen, was in allen Lebenskämpfen so unschätzbar ist: das Verständniß der Freundschaft, die Ermuthigung durch Sie
"In größter Verehrung bleibe ich, gnädigste Frau, Ihr ergebener
J. A. Blanqui."
Von dem Verlaufe des Briefwechsels, der bis 1854, Blanquis Todesjahr, sich ausdehnte, sind nur noch einige Stücke von Jennys Hand vorhanden. So schrieb sie ihm einmal folgendes: "Mit Ihrer schroffen Ablehnung aller kommunistischen Ideen bin ich nicht ganz einverstanden. Warum sollte, eine lange vorbereitende Entwicklung, vor allem eine gute, gleichmäßige Erziehung vorausgesetzt, nicht ein Zustand möglich sein, der eine Gemeinsamkeit des Lebens und des Besitzes zur Grundlage hat? Selbstverständlich stehe ich, was die Utopistereien der heutigen Kommunisten anbelangt, auf Ihrer Seite: mit Blut und Schrecken wird solch ein Zustand ebenso wenig erreicht werden, wie man durch Verbrennung der Ketzer das Christentum förderte. Er muß das Ergebniß des allgemeinen Fortschritts der Menschheit sein, und ich kann nicht leugnen, daß an ihn zu glauben etwas sehr wohltuendes für mich hat."
Unter den ihr durch alte und neue Freunde und durch die politischen Ereignisse zuströmenden Anregungen wuchs ihr Interesse an ökonomischen und politischen Fragen, aber soweit sie sich dabei auch, getrieben von ihrem tiefen Mitgefühl mit den Enterbten des Glücks und von ihrer religiösen Überzeugung, sozialistischen Anschauungen näherte, so blieb sie doch, soweit die Gegenwart in Betracht kam und in bezug auf politisch-rechtliche Fragen, auf dem Boden patriarchalisch-konservativer Anschauungen stehen. Wenn sie z. B. die Möglichkeit des Kommunismus anerkannte, so doch nur für eine ferne Zukunft und auf Grund allmählicher Erziehung und Entwicklung der Menschheit zu einer gewissen Höhe moralischer und geistiger Kultur. Im Unterschied aber zu der überwiegenden Mehrzahl gläubiger Christen, die wie sie die Tugend als Voraussetzung des Glücks erklärten, erkannte sie die ökonomische Lage der Menschen als Bedingung auch ihrer sittlichen Entwicklungsfähigkeit. Darum legte sie den Ärmsten gegenüber so gut wie keinen Wert auf das Predigen der Moral, den allergrößten aber auf die Beseitigung der Not in jeder Form. Erst auf dem Grunde einer gesicherten Existenz, die durch eine möglichst beschränkte Arbeitsleistung gewonnen werden soll, also auch genügend Zeit gewährt, um sich geistige Bildung anzueignen, hielt sie ein Fortschreiten der Menschheit zu ihren höchsten Zielen für möglich. Den auf tiefer Kulturstufe Stehenden gleiche politische Rechte zu geben, hielt sie jedoch für ebenso widersinnig, als wenn reife Menschen unmündige Kinder als ihresgleichen behandeln würden. Es erschien ihr angesichts des ihr so wohlbekannten armen, verrohten, scheinbar zur Freiheit unfähigen westpreußischen Volks ungeheuerlich, ihm politische Macht und damit politischen Einfluß zu gewähren. Sie übersah dabei zweierlei: daß auch in den Reihen derer, die physisch und geistig nicht Not leiden, die Herzens- und Geistesroheit überwiegt, wenn sie sich auch hinter reiner Wäsche und gewählten Formen verbirgt, und daß das Moralpredigen bei ihnen ebensowenig nützt wie bei den Armen, weil es von einer herrschenden Klasse in ihrer Gesamtheit Übermenschliches verlangen hieße, daß sie sich in der Erkenntnis der vollendeten Reife der ihnen bisher Untergebenen ihres Einflusses und ihrer Macht freiwillig entäußern sollte, indem sie die volle Gleichberechtigung gewährt. Wenn Jenny zu dieser Überlegung nicht gelangte, so ist der Grund dafür in der Tatsache zu suchen, die ihres Lebens Glück und zugleich die Bedingung seiner Beschränkung war: in der Epoche, unter deren Einfluß sie sich entwickelte. Das Kennzeichen ihrer Erziehungsmethode war besonders im Hinblick auf die Frauen die Treibhauskultur des Gefühls. Der Intellekt mußte sich in seiner Weichheit und Schwäche vor der bis zum äußeren verfeinerten Empfindung nur zu oft für besiegt erklären. So war es zuerst die Empfindung, die Jenny für die Not der Massen so hellsichtig machte — dieselbe Empfindung, die sie für die Unzulänglichkeit der eigenen Klasse nur zu oft mit Blindheit schlug. Sie empfand die Roheit des Volkes als etwas Schmerzhaftes, Peinliches, sie empfand das gesittete Benehmen ihrer Standesgenossen als etwas Wohl tuendes, Gutes, und da die schöne Form für sie persönlich nichts anderes war als ein schönes Gewand auf einem vollendeten Körper, so mußte die Häßlichkeit eines Körpers schon sehr groß sein, um von ihr auch durch die Hülle bemerkt zu werden.
Nach diesen Gesichtspunkten muß man eine Anzahl Briefe Jennys über politische Fragen betrachten, wenn man ihnen gerecht werden will. Für den Oberflächlichen müßte vieles widerspruchsvoll erscheinen, was tatsächlich von ihr vollkommen konsequent gedacht war. Lesen wir z. B., was sie im ersten Jahre der preußischen Reaktion an Gersdorff schrieb: