"Halberstadt, den 16. Oktober 1864.

"Mein liebes teures Minele!

"Was ich damals zu verstehen glaubte, verstehe ich erst jetzt — deinen Schmerz. Daß du nach Jahren noch Tränen hast, ist die Erleichterung, um die ich dich jetzt beneide; seitdem der geliebte Sarg meinen Augen entschwunden ist, kann ich selten weinen, und es ist mir, als versteinere etwas in mir. Nur dafür kann ich Gott nicht genug danken, daß er mir Frieden gibt, Frieden in mir, Frieden in der Erinnerung — Frieden im Gedanken an meinen Werner, dessen heiliges teures Totenbett von lauter lieblichen Bildern und Gefühlen umgeben war. — Gottlob, daß ich ihn pflegen, lieben, bedienen konnte bis zuletzt! Seine Krankheit lag eigentlich zwischen zwei Reisen für mich — ich kam eben von Heringsdorf und wollte im November zu Otto und meiner lieben Schwiegertochter nach Straßburg, wo sie ihre erste Entbindung erwartet. Mein armer Otto mußte den bittern Kelch des 'zu spät' ohne sein Verschulden leeren; am Sonnabend früh um halb ein Uhr war sein lieber Vater entschlafen, und am Abend um 7 Uhr kam er an. — Die andern Kinder standen um sein Bett; mich traf sein letzter Blick, ich hatte 13 Stunden um, mit, durch ihn gelebt, ohne von mir selbst etwas zu wissen — vorher glaubte ich an keine Gefahr. Wie du, mein Minele, gehört der Rest meines Lebens meinen Kindern, wenn ich aber übersehe, daß ich nur noch wenige Jahre Arbeit für sie habe, denke ich, dann wird mich der Herr im Frieden abrufen — wie gern beschlöß ich mein Leben in Weimar, aber meiner Kinder Schicksal will sich da nicht einschichten lassen, und so weiß ich jetzt noch nicht wohin. Mein liebes Jennchen und ihr vortrefflicher Mann nehmen meinen Sohn Werner in Leitung und Obhut — ihr Beruf ist, oft umherzuziehen, Otto hat noch keine feste Häuslichkeit, so daß ich wirklich nicht sagen kann, wo ich wieder eine finden werde ..."

"Ich muß mich selbst erst wieder finden," heißt es in einem anderen Brief aus Straßburg, wo sie zwei Monate später der Niederkunft ihrer Schwiegertochter entgegensah, "muß Vergangenes und Gegenwärtiges mit dem Zukünftigen zu verknüpfen suchen, muß lernen, allein zu sein. Wer sich so lang und so fest wie ich auf den Arm des Lebensgefährten stützte, den überfällt ein Gefühl des Schwindels, wenn er plötzlich selbständig vorschreiten soll. Ich brauche Stille und weiß, daß ich sie nirgends sicherer finde als bei meiner lieben Nonne, zu der ich von hier aus reise, und bei der ich bleibe, bis meine Tochter mich braucht ..."

Als die schwere Türe der Deersheimer Familiengruft sich hinter Werner Gustedts Sarg geschlossen hatte, schien auch das Leben hinter ihr leise die Türe zuzuziehen. An ein neues, das Wert und Inhalt für sie haben konnte, glaubte sie nicht mehr. Zu intensiv hatte sie für Mann und Kinder gelebt — er war tot, sie gingen ihre eigenen Wege — sie vermochte nicht zu begreifen, daß sie für sich selbst noch zu leben vermöchte.

An einem grauen Januartag klopfte eine schwarz verschleierte Frau an die Pforte des stillen Klosters in der brausenden Weltstadt Paris. Keine der Jungfrauen, die hier um Einlaß gebeten hatten, um eine Zuflucht wider die Verführungen und Schmerzen der Welt zu finden, war so voller Sehnsucht nach Ruhe hierhergekommen wie diese Frau, in deren Seele und in deren Herzen Ehe und Mutterschaft ihre unvergänglichen Zeichen hinterlassen hatten. Weit öffnete sich ihr die Pforte, unhörbar schloß sie sich hinter ihr.

Wieder im Strom der Welt

Im Frühling 1865 kehrte die Witwe nach Halberstadt zurück. Niemand von der Familie kannte den Tag ihrer Ankunft. Wie sie es gewünscht hatte, empfing sie die tiefe Stille des vereinsamten Hauses, in dem seit dem Tode Werners noch nichts verändert worden war. Doch nicht, um "dem größten und abstoßendsten Egoismus, den es gibt, dem des Schmerzes", zu leben, war sie heimgekommen. "Eine Lebensberechtigung hat nur, wer nützen kann," schrieb sie, "solange ich irgend Jemanden weiß, dem ich durch mein Dasein eine Last abnehmen, eine gute Stunde bereiten, einen Schritt zum Ziele der inneren Vollendung weiter helfen kann, solange bin ich nicht im Wege, nicht überflüssig und habe noch immer Grund zur Dankbarkeit gegen Gott." Und sie empfand es mit Freuden, daß ihre drei Kinder ihrer bedurften.

Da der Aufenthalt in Halberstadt fern von ihnen für sie keinerlei Anziehungskraft mehr hatte, so beschloß sie, nach Berlin überzusiedeln. "So wenig sympathisch Berlin mir ist, so sehr ich darauf gefaßt bin, durch die natürlichen Ansprüche der Freunde und der Verwandten, durch die Unbequemlichkeiten des Hoflebens viel von der Ruhe, die meinem Alter not tut, opfern zu müssen, Otto ist derjenige unter meinen Kindern, der im Augenblick meiner am meisten bedarf." Vorher aber hatte sie noch eine andere, willkommene Mutterpflicht zu erfüllen: ihre Tochter sah ihrer Niederkunft entgegen, und da ihr Schwiegersohn kurz vorher von Magdeburg nach Neiße versetzt worden war und seiner Frau die Mühen des Umzugs ersparen wollte, so sollte das stille Halberstädter Haus, in dessen weiten Räumen der Frohsinn der Kinder so hellen Widerhall gefunden hatte, nicht eher verlassen werden, als bis es die ersten Lebensäußerungen des Enkels erfüllten.

An einem glühendheißen Julisonntag — Jenny war gerade aus der Kirche gekommen — gab ihre Tochter einem Mädchen das Leben. "Daß dieses Enkelchen in meinem Hause geboren ist," schrieb sie nach Weimar, "ist mir wie ein Fingerzeig Gottes, daß es mir doppelt ans Herz gelegt wurde. Mutter und Kind sind gesund und munter. Mein Jennchen hat meiner alten, viel erprobten Überzeugung Recht geben müssen, daß Kinderkriegen angenehmer ist als Zähneziehen: das Kleine hat seine Mutter gar nicht gequält und hatte es sehr eilig, in die Welt zu kommen, als ob es das Leben gar nicht erwarten könnte. Möchten seine Hoffnungen es niemals täuschen." Vierzehn Tage später hielt sie das Enkelkind über die Taufe und gab ihr den Namen, der an die ihr liebste Gestalt des Goethe-Lebens erinnern sollte, an die Mutter ihres Onkels Türkheim: Lily.