Ihres wahrhaft ergebenen Freundes

Weimar, am 8. Juli 1878.

Carl Alexander."

Die nächsten Jahre verflossen, nur von Reisen zu ihren Kindern und nach Karlsbad unterbrochen, still und friedlich. Meine Korrespondenz mit meiner Großmutter drehte sich mehr und mehr um religiöse Fragen und Zweifel, die mich um so stärker beschäftigten und quälten, als ich durch einen ultraorthodoxen Geistlichen für meine Einsegnung vorbereitet wurde, dessen Ansichten mit denen meiner Großmutter in schroffem Widerspruch standen. Ihre aus diesem Anlaß an mich geschriebenen Briefe bilden in ihrem Zusammenhang ihr religiöses Glaubensbekenntnis, das sie in den letzten Jahren ihres Lebens nur noch wenig modifizierte. In einem ihrer ersten Briefe schrieb sie: "Alle meine Gedanken sind bei Dir, mein liebes, liebes Kind, nicht blos weil die Bestrebungen unserer Seelen sich gleichen, sondern weil ich Dich vor allen Klippen, Rückfällen und Kämpfen bewahren möchte, die auf meinem Wege lagen und einen langen Teil meines Lebens recht rauh gemacht haben ... Das Erforschliche erforscht zu haben und das Unerforschliche ruhig zu verehren, giebt Goethe als des Menschen würdigste Seeleneinrichtung an, und bei der Umarbeitung seiner morphologischen Studien ein Jahr vor seinem Tode schrieb er: 'Man muß ein Unerforschliches voraussetzen und zugeben, alsdann aber dem Forscher selbst keine Grenzlinien ziehen. Muß ich mich denn nicht selbst zugeben und voraussetzen, ohne jemals zu wissen, wie es wirklich mit mir beschaffen sei, studiere ich mich nicht immerfort, ohne mich jemals zu begreifen? Und doch kommt man frisch und fröhlich weiter!' Du siehst daraus, daß der größte Geist, den seit Jahrhunderten die Welt gesehen hat, nicht wie jetzt die naseweisen Schulbuben, ein letztes Unerforschliches zugab. Die ganze Welt ist ja voller Materien, von der Eichel an, die zur Eiche, bis zum Kinde, das zum Propheten, zum Dichter, zum Helden wird. Für den klügsten Menschen bleibt also stets unendlich viel, was sein Verstand nicht erreicht, was entweder zur Glaubenssache wird, oder was dahingestellt bleiben muß. Unerkennbares zu glauben wird gegeben, aber nicht ergrübelt. Es kommt aber auch gar nicht auf dies 'Glauben' im Sinne eines Fürwahrhaltens an. Laß Alles dahingestellt. Folge Christus nur auf dem Wege, den er vorgeschrieben hat: 'Tut nach meinen Worten und ihr werdet sehen, ob es Gottes Worte sind oder ich aus mir selber rede.' Beten und arbeiten, mit den Menschen Frieden halten, Alles fröhlich genießen, was sich ohne Sünde genießen läßt, barmherzig, wahr, liebevoll sein — das ist des Weges Anfang ... Das erste aller Geheimnisse — das Leben — hat noch niemand ergründet, obwohl wir es sehen, fühlen, haben; es ist auch ganz gleichgültig, wie wir uns seine erste Entstehung denken — einen allerallerersten Anfang uns denken zu wollen, bleibt so wie so unmöglich — aber darauf kommt es an, was wir daraus machen. Christus ist mit seinen Jüngern auch nicht den Weg des Grübelns gegangen, sondern den der Tat, die unter der ganz schlichten, ganz begreiflichen Weisung stand: Liebe deinen Nächsten als dich selbst. Er brauchte gar nicht existiert zu haben, wir brauchten gar nichts von ihm zu wissen und dieses einzige Gebot — 'darinnen hänget das ganze Gesetz und die Propheten' — würde die höchste Richtschnur sein ... Niemals dürfte die Idee von der Erlösung von der Sünde so verstanden werden, als ob etwa ihr bloßes Fürwahrhalten uns los und ledig spräche von allem Unrecht, das wir begehen. Wir müssen sie uns vielmehr täglich und stündlich im Kampf gegen das Böse, Selbstsüchtige in uns erringen. Ist unser Wille darauf gerichtet, ist nicht das Glücklichsein im Sinne einer Anhäufung materieller Genüsse, sondern das Gutsein, im Sinne des Freiwilligendienstes der Menschheit, unser Ziel, so werden wir auch glücklich sein, weil Schmerz und Unglück uns nicht mehr bitter, trotzig, menschenverachtend machen, sondern milde, ergeben, liebevoll, stark." In einem anderen Briefe heißt es: "Mit all meinen Gedanken bin ich bei Dir, mein Kind, und es bekümmert mich tief, daß Du, wie es scheint, mehr von einem Theologen als von einem Christen unterrichtet wirst. Es ist der Fluch der Theologie, daß sie Glaubenssätze aufstellt und daran festhält, wenn der wirkende Geist Gottes längst darüber hinausging, wenn sie erklären will, was nur erfahren werden kann, und wenn sie oft so alberne Erklärungen giebt, die sie Glauben nennt. Nicht nach dieser vorgeschriebenen Weise glauben zu können, ist kein Unglauben, aber in Hochmuth und Übereilung die Glaubenslehren wegwerfen, das führt zum Unglauben, weil es verhindert, daß Geist und Herz nach dieser Seite hin thätig sei, innere Erfahrungen machen und auf diesen weiter bauen kann. Ich glaube jetzt an Christus als an den geistigen Sohn Gottes, an sein liebevolles Werk, an sein Einssein mit dem Vater, an das großartige Erziehungswerk, wodurch nach Aeonen alle Menschen selig werden; ich glaube jetzt an den heiligen Geist als an die schaffende Kraft Gottes, die das Universum erfüllt, in Menschen, Kunstwerken, Erkenntnissen der Wissenschaft zu Form und Gestalt sich bildet ... Du fragst, wie es möglich sei, eine Entscheidung zu treffen, wenn Glaube und Wissenschaft einander widersprechen. Handelt es sich um echte Wissenschaft, um das Ergebniß sorgfältiger Untersuchung, so ist sie Wahrheit, und der Glaube, das Fürwahrhalten, wird ihr selbstverständlich weichen, wie er vor der Erkenntniß der Kugelgestalt der Erde weichen mußte. Sagt dir aber jemand im Namen der Wissenschaft, daß es z. B. eine Seele nicht geben könne, weil er sie nicht unter dem Mikroskop gefunden habe, so fordere ihm den Beweis für das Leben ab, denn alles Sichtbare ist todt, eigentliches Leben ist unsichtbar. Das entflohene Leben des Körpers hast Du nie gesehen, der todte Körper ist ja als Leiche derselbe, der Dir sichtbar war. Liebe, Dankbarkeit, ja, sogar die unedlen Empfindungen sind unsichtbar, und wo sie sichtbar sind, werden sie es nicht durch Form, sondern durch Ausdruck und Gefühl. Der eben abgehauene Baum ist das, was Du vom Baume siehst, sein Leben siehst Du nicht, den Duft der Rose siehst Du nicht, die gewaltigsten Naturkräfte, Magnetismus, Electricität, siehst du nicht ... Das Christenthum verlangt von seinen Anhängern gar keinen Wunderglauben, es bekämpft nur den geistigen Hochmut — der übrigens auch menschlich ein Zeichen der Unbildung ist —, der alles zu wissen und erklären zu können behauptet. Nicht Wunder als Ausschreitungen der Natur brauchst Du anzunehmen, bekenne Dich nur in Demuth, daß Deine Intelligenz noch nicht bis zur Erkenntniß aller göttlichen Gesetze reicht, durch die diese Wunder erklärt werden. Hätte Christus vor fast 2000 Jahren gesagt: 'Wahrlich, ich sage euch, wenn ihr ein Mikroskop hättet, ihr würdet Tausende von lebenden Geschöpfen in einem Wassertropfen sehen, oder wenn ihr ein Fernrohr hättet, ihr könntet Millionen Welten entdecken, wenn ihr ein Telephon hättet, ihr würdet die Sprache eurer fernen Freunde hören,' sie hätten den Herrn ebenso verspottet, als da er sprach: 'Wahrlich, ich sage euch, so ihr Glauben hättet, ihr könntet Berge versetzen!'"

Auf meine Frage, ob ich nach ihrer Auffassung gezwungen wäre, an Gott zu glauben — mein Lehrer hatte mir mit allen Strafen der Hölle gedroht, wenn ich die drei Artikel des Glaubensbekenntnis nicht eidlich zu bekräftigen vermöchte — antwortete sie: "Zum Glauben zwingen wollen ist ein Verbrechen an der Menschenseele und kann nur zum Bösen führen, wie es nur zum Bösen führt, wenn man einen Menschen dadurch zum treuen Arbeiter machen will, daß man ihn in Sklavenketten legt. Gott wird die Seelen nicht fragen: glaubst Du an dies und das? sondern: wie war Dein Herz, was hast Du gethan? Dann wird Mancher, der sonntäglich in die Kirche ging und den Morgen- und Abendsegen nicht vergaß, wohl aber die thätige Menschenliebe, vor dem zurücktreten müssen, der sagte: wer darf ihn nennen, wer ihn bekennen? und der betete: gieb mir große Gedanken und ein reines Herz ...

"Beängstigend, einengend ist mir immer so Vieles gewesen, was aus dem Christenthum herausgequält und als Glaubensartikel hingestellt wird, wie z. B.: 'Gottes Gerechtigkeit fordert ein Opfer, deshalb stirbt der Sündlose für den Sünder,' was aber die größte Ungerechtigkeit wäre. Oder: 'Meine Sünden haben den Herrn ans Kreuz geschlagen,' was auch unverständlich ist, fast 2000 Jahre nach Christus. Oder das Allerschwerste: 'Das ist mein Leib, das ist mein Blut,' während das neue Testament so einfach und erklärend hinzufügt: 'Solches thut, so oft ihr es thut, zu meinem Gedächtniß ' ... Da ich demnächst bei Euch zu sein hoffe, so wollen wir vor Deiner Einsegnung uns noch gründlich aussprechen. Es soll Dir in keiner Weise Gewalt angetan werden. Das Eine aber laß Dir jetzt noch sagen und halte daran fest: Es kommt nicht auf das Glauben an Gott, sondern auf das Handeln im Sinne Gottes an. Der Glaube, jenes unerschütterliche Vertrauen in Gott, das uns seine Wege nicht nur tapfer gehen läßt, sondern auch die härtesten zu denen macht, die uns am meisten vorwärts führen, ist ein Geschenk höherer Seelenentwickelung, eine Gnade, ein Glück, aber kein Sittengesetz ..."

Ich weiß nicht mehr, warum, aber Großmama kam nicht. Ich blieb allein, auch innerlich, denn in der tiefen Zerrissenheit meines Gemüts — einer Folge des Religionsunterrichts, den ich genoß — blieben ihre Worte ohne tieferen Eindruck, und ich wagte ihr nicht zu schreiben. Erst am Tage meiner Einsegnung, als die Kirchenglocken mir wie die Stimmen des ewigen Gerichts in die Ohren gellten und ich das Glaubens bekenntnis sprach in der Überzeugung, einen Meineid zu leisten, sah ich sie wieder. Mit den Sorgen um ihren ältesten Sohn und das Ergehen ihrer Tochter mehr denn je beschäftigt, hatte sie für die blasse, stille, vierzehnjährige Enkelin wohl Worte zärtlicher Liebe, aber sie pochten nur an die Türe meines Herzens, die eine fremde Gewalt in das Schloß geworfen hatte und darin festhielt. Wir reisten zusammen nach Ostpreußen, aber ich ging dem Alleinsein mit ihr aus dem Wege. Dann kam ich aus dem Hause, und die Korrespondenz schlief ein, weil die gestrenge Tante, bei der ich mich zur Erwerbung des letzten Erziehungsschliffs aufhielt, die Briefe las, die ich schrieb oder zu bekommen pflegte. Aber die Erinnerung an Weimar, an Großmama war um so lebendiger in mir und steigerte sich um so mehr zur Sehnsucht, je schroffer der Gegensatz zwischen dort und hier mir fühlbar wurde, und ich ergriff schließlich die erste Gelegenheit, die sich mir bot, um wieder in die alte Verbindung mit ihr zu treten. "Du wirst vor all dem Neuen an Menschen und Dingen, die Dir begegnen, Deine alte Großmutter wohl fast vergessen haben," schrieb sie mir, "aber sie denkt um so mehr an Dich, mein Herzenskind. Deine Mutter teilte mir nur Gutes von Dir mit und schickte mir einige Deiner neuesten Gedichtchen, die in der Form sehr hübsch, im Inhalt aber gar zu einförmig sind. Liebe und Frühling sind sehr schöne Dinge und können ein junges sechzehnjähriges Herz wohl ausfüllen, aber mein Enkelkind kenne ich zu gut, als daß ich nicht wüßte, daß sie mehr zu sagen hat. Die hauswirtschaftlichen und gesellschaftlichen Talente, die Deine Tante bei Dir pflegt, sind sehr nützliche, aber die wertvolleren sind die des Geistes. Weder darfst Du das Große und Gute von Dir werfen, noch über die Gaben stolpern, die Gott Dir vor die Füße legte, Du mußt sie aufheben und pflegen.

"Ich sehe jetzt gerade die preußische Geschichte von Voigt; selten ist ein Werk so treu, so vollständig und so langweilig geschrieben worden. Ich möchte Dir nur raten — als Anregung zu poetischer Gestaltung — die ungeheuer poetische und und brillante Episode aus der Ritterzeit in Marienburg nachzulesen, wo Johann von Bendorf wegen Bruchs der Ordensgesetze vom Kriegszug der Ritter nach Livland ausgeschlossen wird und aus Rache und Verzweiflung den Hochmeister Winrich von Kniprode ermordet im Augenblick, da dieser die Kapelle verläßt. Johann wird im Hof der Burg enthauptet, während die Ritter an ihm vorüber in den Krieg ziehen. Was meinst Du dazu? Wage Dich an große Stoffe, spanne Deinen Bogen so stark Du kannst, damit die Pfeile Deines Geistes weitgesteckte Ziele erreichen! ... Und dann habe ich ein anderes Büchlein wieder gelesen, das mir mein armer, lieber Wolf Goethe wortlos übergab, ehe er auf immer von hier Abschied nahm: seine Erlinde. Sie hat mich sehr ergriffen, und ich schrieb ihm darüber nach Leipzig, wo er jetzt lebt. Da sein rechter Arm durch furchtbare neuralgische Schmerzen beinahe gelähmt ist, antwortete er mir nur diese wenigen Zeilen: 'Rühre die Wunde nicht an, denn nur dünn ist die Haut, die darüber wuchs; daß meine Erlinde einen lebenskräftigen Keim hatte, glaube auch ich, aber es war niemand da, der sie pflegte.' — Hier hast Du das Buch, mein Herzenskind. Wenn es Dir etwas sagt, wird doch vielleicht, auch ohne es in Worte zu kleiden, ein warmes Gefühl das Herz des einsamen Unglücklichen berühren, dessen letztes, tragisches Bekenntniß er in diesen Versen niederlegte:

Alle Blumen sind gepflückt,
Alle Lieder sind verstummt,
Und ich geh einher gebückt
In mein dumpfes Leid vermummt.

Ich stehe stets daneben,
Ich trete niemals ein;
Nur einmal möcht ich leben!
Und Mensch nur einmal sein! ..."