Die Nacht darauf kam ich nicht zur Ruhe. Ich warf mich im Bett hin und her, und plötzlich wußte ich, was mir fehlte: der regelmäßige Husten unter mir war ver stummt; die Stille lastete auf mir, die unheimliche Stille. Bald danach war mir, als gingen Gespenster um: das huschte im Haus auf leichten Sohlen, das wisperte und flüsterte, — knarrend öffnete sich unten eine Tür. Ich erhob mich und trat ans Fenster: ein Leiterwagen stand im Garten; Männer waren darin, die sich durch Gebärden mit denen im Hause zu verständigen schienen; und auf einmal schwebte etwas in der Luft dicht unter mir, etwas Schwarzes, Großes, — der Regen klatschte darauf, — eintönig. Schon wollt' ich schreien, — da geriet das Schwarze in den Lichtkreis der nächsten Laterne: es war ein Sarg.

Ich schwankte ins Bett zurück und verkroch mich zitternd unter der Decke. So war er »abgereist«! —

Ich sah wieder die Glasveranda vor mir im Schneelicht, mit den Menschen, deren Körper im Sterben lagen, oder deren Seelen schon gestorben waren. Und das Badhaus fiel mir ein mit den dunkeln Holzwannen, in denen das Wasser aussah, als wäre es Schlamm. Willenlos war ich hineingestiegen, hatte mir Gesundheit holen wollen, wo Krankheit in allen Ritzen und Fugen lauernd saß. Und mein Kind hatte ich die Pestluft atmen lassen!

Noch in der Nacht fing ich an zu packen. Früh fuhr ich nach Meran und drüber hinaus nach Obermais, so hoch und so weit als möglich. Dort fand ich neben alten efeuumsponnenen Schlössern ein freundliches Haus zwischen Nußbäumen und Weinreben.

Am selben Abend zogen wir ein.

Es war, als ob der Winter uns nicht hätte folgen können. Die Berge entschleierten sich. Der Schnee, der eben erst wie ein Leichentuch die Erde verhüllt hatte, blitzte jetzt im Sonnenlicht wie eine Hochzeitskrone auf ihren Häuptern. Errötend entfalteten sich an den Mandelbäumchen die ersten Blüten. Ich lag auf der Veranda und ließ mich wie sie von der Sonne durchglühen und fühlte, daß auch mir die Lebensfarbe in die Wangen stieg. Täglich brachte mir mein Söhnchen frische Wiesenblumen.

»Ich werde dich führen, Mamachen, wenn du nicht mehr Auau hast,« schwatzte er, »zu den so vielen Vergißmeinnicht, und zu den Musikmännern auch, wo die Damen und Herren sind.« Ich lachte ihn an: wirklich, die Sehnsucht nach dem Leben regte sich wieder in mir. Liegen sollt' ich, immer liegen, sagte der Arzt, weil mein Herz noch nicht ruhig genug war. »Dann müßt' ich liegen bis ich neunzig Jahr alt bin,« antwortete ich ihm, »denn daß mein Herz so gegen alle Vorsicht klopft, ist nur ein Beweis, daß ich lebe.«

Einmal wachte ich auf nach erquickendem Schlaf, streckte und reckte mich und blinzelte in die Sonne. Mir war so wohl, — so wohl! Warum nur?! Und in mir antwortete es ganz deutlich: weil du frei bist. Ich sah mich erschrocken um, als könnte irgend jemand dies tiefe Geheimnis, daß ich kaum mir selbst gestand, erkundet haben. Ich war frei — wirklich frei; ich konnte tun, was ich wollte, ohne vorher all jene bohrenden Fragen erst beantworten zu müssen: stört es den Anderen? Verletzt es ihn? Beeinträchtigt es seine Ruhe, seine Wünsche, seine Liebe? Jetzt, zum Beispiel, konnte ich aus dem Bette steigen und lustig einen Walzer trällern, — läge Heinrich neben mir, ich würde mich aus Rücksicht auf seinen Schlaf ganz, ganz still verhalten. Und dann konnt' ich gemächlich im Wasser planschen, mich ankleiden, mir die Haare ordnen, ohne jene quälende Scham des Häßlichen, des Unästethischen, — die einzig berechtigte zwischen zwei Menschen, die einander lieb haben, und die einzig notwendige, wenn sie ihrer Liebe den Zauber des ersten Rausches erhalten wollen. Die Ehe der meisten ist ein Erwachen aus ihm, mit einem bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie wissen nicht, daß die Liebe eine zarte, kostbare Blume ist, die sorgsamer Pflege bedarf. Sie pflanzen sie in den Küchengarten und wundern sich dann, wenn sie eingeht.

Ich war frei — wirklich frei. Und ich konnte hingehen, wohin ich wollte! Ganz erstaunlich kam mir das vor, — gerade, als ob die Welt mir auf einmal ihre Tore aufschlösse. In den ersten Jahren meiner Ehe hatte Heinrich mich auf jedem Weg begleitet, — aus zärtlichster Liebe, nicht etwa aus Mißtrauen oder aus Eifersucht. Und ich hatte keinen anderen Weg machen können, als der ihm recht war. Zuweilen war ich heimlich die Hintertreppe hinuntergestiegen, nicht, weil ich ein Geheimnis vor ihm gehabt hätte, sondern nur um einmal ohne innere Hemmung in den Straßen herumlaufen zu können. Allmählich hatte unsere verschiedenartige Tätigkeit dem steten Zusammensein ein Ende gemacht; aber selbstverständlich blieb, daß ich ihm erzählte, wo ich gewesen war, was ich getan hatte. Und da ich ihn nicht unzufrieden machen, nicht ärgern wollte, so stand ich doch stets in seinem Bann. Wenn ich einmal seiner Empfindung zuwider gehandelt hatte, so kam es vor, daß ich — log.

Kaum, daß der Gedanke daran in mein Bewußtsein trat, als ich ihn auch schon, dunkel errötend, zurückweisen wollte. Aber je mehr ich mich mühte, desto klarer stand er vor mir. Ich mußte ihm Auge in Auge sehn: »Es kam vor, daß ich meinen Mann belog.« Nicht, weil ich ihn hintergehen, sondern weil ich ihn nicht ärgern, nicht erregen wollte. Aus Liebe also! Oder aus Furcht?! So lernen die Frauen lügen, weil sie des Mannes Besitztum sind, weil die Ehe ihre Persönlichkeit auslöscht wie ihren Namen. Wie vielen, die gerade gewachsen waren, hat sie das Rückgrat zerbrochen! Und sie verlieren nach ein paar Jahren der Ehe ihre Physiognomie, — sind farblos, zermürbt.