Zur Madeleine schritten wir die breite Steintreppe empor und traten aus der heidnischen Pracht ihrer Säulenhalle in das Dämmerdunkel ihres Inneren. Eine wunderschöne Nonne kniete regungslos am Eingang, die Sammelbüchse vorgestreckt in schmalen weißen Händen. Und als wir uns wieder zum Gehen wandten, schweifte der Blick über die zu unseren Füßen sich dehnende Straße und die majestätische Größe der Place de la Concorde, wo Menschen und Wagen sich verloren wie Spielzeug, bis weithin zur Kuppel des Invalidendoms. Er hütete, was sterblich war an dem korsischen Riesen, der die Welt formte nach seinem Willen, und der, ein Lebender, noch heute die Stadt Paris erfüllt.
Durch Alleen breiter Kastanienbäume, deren dunkle große Blätter schwarze Schatten auf die hellen Wege warfen, gingen wir langsam hinauf, wo der Triumphbogen des Etoile sich, von weichen Morgennebeln umspielt, mit den Wolken zu verschmelzen schien. Und in den Gärten der Tuilerien verloren wir uns. Zarte Kinder mit künstlich geringelten Locken spielten auf feinen Plätzen, alte Herren, mit dem roten Bändchen im Knopfloch, fütterten die Vögel, von einer Schar Zuschauer umgeben, deren Interesse fast wie Andacht war. Von den Bäumen tanzten leise die gelben Blätter; eine träumerisch süße Luft, die Geräusche und Farben dämpfte, spielte zärtlich um den grauen Königspalast des Louvre und streichelte sanft die Gesichter der Vorübergehenden, als wollte sie sie trösten, weil es schon Herbst geworden war. Und selbst die Bettler auf der Brücke, und die schmutzigen Savoyardenknaben, die ihre Ware feil boten, und die alten Buchhändler, die ihre stockfleckigen Schartäken auf den Quaimauern aufbauten, lächelten leise. Der Fluß aber wälzte sich lautlos vorüber; seine Wasser schimmerten in gebrochenen Farben wie müde Opale.
»Eine vornehme Frau ist Paris,« sagte ich nachdenklich, als wir von unserem ersten Ausgang zurückgekehrt waren, »eine vornehme Frau, deren schöne Züge die Wehmut des Alterns umflort ...«
Am Abend verließen wir wieder das Hotel. Jetzt brauste die Weltstadt: rauschende Kleider, rollende Wagen, girrendes Lachen, wüstes Geschrei —, zu einem einzigen Ton verschmolz das alles. Zwischen den Bäumen der Boulevards strahlten die Laternen wie endlose Lichterketten, breit quoll das Licht aus den Cafés über wippende Federhüte und spiegelnde Zylinder. Nur auf dem riesigen Concordienplatz wirkten die Bogenlampen wie Brillanten auf dem dunkelgrauen Samt der Nacht.
Da plötzlich leuchtete jenseits zwischen den Bäumen ein Wunder auf: ein schimmerndes Tor aus Juwelen erbaut, eine Märchenstadt dahinter, deren Mauern Kristall, deren Türme Feuerbrände waren; die Weltausstellung. Wir folgten dem wimmelnden Menschenstrom, dessen Rauschen sich aus allen Sprachen der Welt zusammensetzte. Es war ein einziger Traum aus Tausendundeine Nacht. Ein Turm, aus strahlenden Goldfäden gewoben, trug auf seiner diamantenen Spitze die schwarze Kuppel des Himmels. In tiefdunkle Teiche ergossen sich Kaskaden von Licht. Der stille Fluß spiegelte Paläste wieder, die allen Glanz der Welt an seinen Ufern vereinigt hatten. Die Brücken spannten sich über ihn wie lauter glückverheißende Regenbogen. Und wer sie überschritt, den empfing jenseits ein Lachen, ein Singen, ein Jubeln, — als gäbe es nirgends Tränen mehr. Ein Taumel erfaßte die Menschen: von den Terrassen herunter, — aus den weit geöffneten Türen bunter Häuser lockte die Freude in sehnsüchtigen Geigentönen, in wilden Trompetenstößen. Dort tanzte Loie Fuller, die lebendig gewordene Flamme: wenn sie sich aufwärts schwang, züngelten die Schleier über ihrem Haupte, wenn sie sich neigte, leuchtete sekundenlang ihr schneeweißer Busen. Drüben trippelte auf Stöckelschuhen Sada Yacco, die Japanerin; aus ihren geschlitzten Augen sprühten Blitze fanatisierter Kunst, auf ihren Gewändern leuchteten Blumen der Hölle und Vögel des Paradieses. Und unter dem bunten Zeltdach ringelten sich Schlangen um den halbnackten Leib der Indierin, züngelten zärtlich um ihre braune Haut, während ihre kleinen Füße, von goldenen Ringen umklirrt, sich im Takte bewegten und ihre Arme sich ausstreckten — eine einzige Gebärde verlangender Lust ...
Mitten im Gewühl trafen wir Geier, der zum Sozialistenkongreß nach Paris gekommen war. »Ein Riesenvarieté, — nichts weiter,« brummte er, »im Grunde widerwärtig.« Ich erwachte wie aus einem Traum: die Gesichter der Tänzerinnen erschienen mir plötzlich fratzenhaft; wo die Schminke sich verwischte, grinste hinter dem Lächeln der Freude die rohe Sucht nach Gewinn. Und der lichtgewobene Turm, der den Himmel trug, war aus Eisen; Menschlein kletterten selbstbewußt bis in seine Spitze, und hoheitsvoll wich die Sternenkuppel weit, weit zurück vor ihnen. Kulissen aus Gips und Leinwand waren die Paläste, Glas die Juwelen im Portal.
»Man soll einen Mondsüchtigen nicht anreden,« sagte ich. »Schon glaubt ich mich wirklich auf dem Wege zur Erfüllung einer Sehnsucht, die mit mir geboren zu sein scheint —«
»Und die wäre?« fragte Heinrich. Ich zögerte; ich wußte, wie falsch ich verstanden werden könnte.
»Bacchantische Lust zu sehen, überströmende, jauchzende Lebenswonne, — die dabei eines Gottes würdig wäre. Immer ist Freude so etwas Armseliges, — Mutloses.«
»Dann sind Sie jedenfalls in Paris am rechten Ort. Übrigens hätte ich Ihrer norddeutschen Prinzessinnenwürde nicht so exotische Phantasien zugetraut,« spottete Geier. »Aber immerhin, — ich, als alter Pariser, kann Ihnen vielleicht heute noch dienen.«