Der junge Student, der vor mir stand, blickte mich vorwurfsvoll an. Er war gekommen, mir beim Ordnen der philosophischen Bibliothek meines verstorbenen Mannes behilflich zu sein.

»Mit wenigen Ausnahmen, — ja!« antwortete ich mit erzwungener Ruhe. »Sie sehen selbst: in der neuen Wohnung fehlt es an Platz für sie, — und außerdem werde ich sie kaum je benutzen. Ich werde mit Überlegung einseitig!« Dabei wies ich lächelnd auf die dickleibigen Fabrikinspektorenberichte, die vor mir lagen. Er begab sich stumm, gesenkten Kopfes an die Arbeit. Wie herzlos, daß ich Georgs geliebte Bücher verkaufte, dachte er jetzt gewiß. Durfte ich ihm sagen, daß ich sie verkaufen mußte? Daß ich gestern mit dem letzten, was ich besaß, Georgs Grabdenkmal bezahlt hatte, — einen schönen hohen Marmorblock, auf dem in großen goldenen Lettern sein Wahlspruch stand, der nun auch der meine war: »Wir leben durch die Menschen, laßt uns für die Menschen leben.«

Mama hatte mir eben aus Pirgallen entrüstet über meine Verschwendung geschrieben: »Ein schlichter Stein mit Georgs Namen wäre ausreichend gewesen.« Ich lächelte unwillkürlich. Arm sind doch nur die Menschen, die niemals verschwenden können! Ich war ja sonst so schrecklich vernünftig. Treppauf, treppab war ich seit meiner Rückkehr aus England gelaufen, um eine Wohnung zu finden, die meinen Mitteln entsprach. In einem Hof der Kleiststraße, drei Treppen hoch, hatte ich sie endlich gefunden: zwei Zimmer mit dem Blick auf eine Mauer, die eine riesige gemalte Schweizer Landschaft schmückte. Zu allerhand öder journalistischer Tagesarbeit hatte ich mich verpflichtet, um in der übrigbleibenden Zeit meiner Aufgabe leben zu können. In vier Wochen zog ich um, bis dahin mußte auch sie festere Gestalt gewinnen.

Ich hatte mich zunächst schriftlich an eine Anzahl hervorragender Politiker und Sozialpolitiker gewandt, bei denen ich ein Interesse für die Sache voraussetzen konnte, und ihnen meinen Plan eines Zentralausschusses für Frauenarbeit auseinandergesetzt. Sehr höflich, sehr zuvorkommend hatten sie mir geantwortet. »Ihr Plan hat meine volle Sympathie,« schrieb mir eben Theodor Barth. »Ich habe nur Bedenken, ob er sich in seinem vollen Umfang in absehbarer Zeit durchführen läßt. Nach meinen Erfahrungen scheitern sehr viele an sich vortreffliche Reformbestrebungen gerade daran, daß das Ziel von vorn herein zu weit gesteckt ist. Meines Erachtens sollte man zunächst einmal an eine Sammlung und Sichtung von Material, die Bedingungen der Frauenarbeit betreffend, herangehen, wie das sub 1 Ihres Programms ja auch in Aussicht genommen ist. Unternehmer und Arbeiter müßten allerdings zusammenwirken und Vorurteile — speziell auch gegen die Sozialdemokratie — dürften keine Rolle spielen ... Leider ist meine Arbeitskraft schon anderweitig so stark in Anspruch genommen, daß ich wohl mitraten, aber nicht mittaten kann ...«

Diesen Satz enthielt noch jeder Brief, den ich erhalten hatte. Warnungen vor der Gefahr sozialpolitischer Dilettantenarbeit, Besorgnisse, Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie zu treiben, bedenkliche Fragen nach der finanziellen Fundierung des Unternehmens wiederholten sich oft. »Auf alle Fälle ist der Zeitpunkt schlecht gewählt,« hieß es in einem Schreiben, das Dr. Jacob, mein alter Gegner aus der Ethischen Gesellschaft, an mich richtete, »jetzt, im Jubiläumsjahr, wo das unverantwortliche, antipatriotische Verhalten der Sozialdemokratie selbst solche Kreise erbittern muß, die vielen ihrer Forderungen sympathisch gegenüberstanden, ist nicht der Augenblick, um zu gemeinsamer Arbeit aufzurufen. Ich bezweifle auch, daß Sie Kapitalien finden, die Ihnen zu solchem Zweck die immerhin recht erheblichen Mittel zur Verfügung stellen werden.« Und Frau Schwabach, die einzige unter den Frauenrechtlerinnen, der ich ein ernsteres Verständnis der Sache zutraute, war gleichfalls voller Bedenken gewesen. »Wir müssen zuerst die Peinlichkeiten ausbilden, die zu solcher Arbeit fähig sein sollen,« hatte sie gesagt. Das alte Lied, das die Gewissen einlullt, das Selbstvertrauen betäubt und die Schuld trägt, wenn vor lauter Vorbereitung zur Tat die Tat selbst von einem Tage zum andern verschoben wird.

Heute nun erwartete ich Martha Bartels mit zwei ihrer Freundinnen — Arbeiterinnen wie sie —, um ihr Urteil zu hören und ihren Rat, der mir der weitaus wichtigste erschien, zu erbitten.

»Sie müssen für heute aufhören, mein lieber Schmidt,« wandte ich mich an den Studenten, der vor den letztem Regalen des Bücherschranks hoch oben auf der Leiter stand, »es ist unverantwortlich von mir, daß ich Ihre Kraft und Zeit schon so lange in Anspruch nehme.«

Er fuhr, wie aus einem Traum erwachend, zusammen und strich sich die dichten schwarzen Haare aus der heißen Stirn.

»Muß ich wirklich schon fort?« Hastig wandte er sich um und rieb die roten, knochigen Hände wie fröstelnd aneinander. Ich nickte, denn schon hörte ich draußen die Klingel. Langsam stieg er die Leiter hinab.

»Ach, — wenn ich doch wirklich etwas für Sie tun könnte —,« damit senkte er den Kopf tief auf meine Hand.