»Wie ist wissenschaftlicher Sozialismus möglich?« lautete die Frage, auf die Bernstein die Antwort geben wollte. Er trat an das Rednerpult. Hinter den Brillengläsern sahen seine kurzsichtigen Augen mit einem verlegen-erstaunten Blick auf die Menge der Zuhörer. Dann sprach er. Mit einer Stimme, die brüchig klang. In abgehackten Sätzen. Ein Mann, der an die Enge der Studierstube gewohnt war, nicht an die Volksversammlung. Schon zog der Schatten der Enttäuschung über den hoffnungsfrohen Glanz auf den Gesichtern. Schüchtern und leise tauchte hie und da schon die Frage auf: »Was hat er eigentlich? — Was will er?«
Daß der Sozialismus von spekulativem Idealismus erfüllt und darum nicht Wissenschaft sei, die im voraussetzungslosen Streben nach Erkenntnis bestehe; daß die Arbeiterbewegung vom Wollen eines bestimmten Zieles, vom Glauben an ein bestimmtes Zukunftsbild getragen sei und nicht vom Wissen, — es war kaum möglich, aus der langen Rede etwas anderes herauszuhören, als diese wenigen, für den Ausgangspunkt einer neuen Bewegung viel zu negativen Gedanken.
Zuweilen schien es, als ob der Vortrag nichts wäre als das laut gewordene Grübeln eines Menschen über Dinge, die ihn selbst noch als Probleme quälen. Er war so mit sich beschäftigt, daß er nicht fühlte, jener elektrische Strom, der ihn zuerst mit den Zuhörern verband, sich mehr und mehr verflüchtigte, statt daß er ihn benutzt hätte, um die unerschütterten, befreienden Gedanken des Sozialismus diesen offenen Seelen einzuprägen, ihnen den Willen zur Tat zu vermitteln, nach dem ihre junge Kraft sich sehnte.
Wir hatten einen Künder neuer Wahrheit erwartet, und ein Zweifler war gekommen, dem des Pontius Pilatus Frage Geist und Gewissen bewegte.
Ein feiner durchdringender Regen rieselte hernieder, als wir den Saal verließen. Mich fröstelte. Ich wäre am liebsten still nach Hause gegangen.
»Nun?! In diesem zweieinhalbstündigen Redefluß sind Ihnen wohl alle Felle weggeschwommen?« sagte eine sarkastische Stimme neben mir. Ich sah in Rombergs lächelndes Gesicht und machte eine abwehrende Bewegung; mir war nicht zum Scherzen zumute. »Und nun rasch, kommen Sie beide mit, in irgend einen gemütlichen Winkel. Wir haben uns eine Welt zu erzählen;« damit versuchte er, einen Weg durch die Menge zu bahnen. Seine aufrichtige Freude über unser Wiedersehen tat mir in diesem Augenblick, in dem ich so viel verloren zu haben glaubte, doppelt wohl.
»Lassen wir's heute,« meinte mein Mann mißmutig, »wir würden nur Ihre gute Laune verderben.«
»Oder ich Ihre schlechte, da meine die dauerhaftere ist,« lachte Romberg.
Wir gingen zusammen in eins der zunächst gelegenen Restaurants, aber der »gemütliche Winkel«, den wir uns aussuchten, wurde rasch zum Kriegsschauplatz, denn eine ganze Gesellschaft Versammlungsbesucher fand sich allmählich ein, und jeder hatte das Bedürfnis seinem Herzen Luft zu machen. Es zeigte sich nun erst recht, wie unklar Bernstein gesprochen hatte: je nach der politischen oder philosophischen Richtung, der der einzelne zugehörte, gab er seinen Worten eine andere Deutung.
»Das Todesurteil des Marxismus!« triumphierte der Nationalsoziale.