Nun galt es, statt alle Kräfte auf den Kampf für die gemeinsame Sache zu konzentrieren, sich für den eklen Streit im eigenen Lager stets gewappnet zu halten.

Wenn ich mich abseits stellen, einer jener Eigenbrödler werden könnte, mit Scheuklappen vor den Augen, immer nur ein Teilchen des allgemeinen Zieles verfolgend?! Daß ich unfähig dafür war, bewies mir die Erfahrung mit meinem eigenen Plan. Hätte ich das Talent und die Zähigkeit des Organisators gehabt, ich würde ihn in jahrelanger steter Arbeit, unbekümmert um die Spötter, haben durchsetzen können. Und nun stand ich da und sah erschrocken auf meine Hände, die so leer geworden waren und so kraftlos.

Die Sonne brannte auf dem Asphalt, braun und verdorrt hingen die Blätter an den armen Bäumen, zu ihren steingepanzerten Wurzeln drang keine Luft und kein Tau. Grauer Staub deckte die Büsche wie mit Trauerschleiern. Wer draußen im Wald den Sommer suchen ging, den empfingen die Kiefern schwarz und ernst und die blumenlosen Felder. O, daß ich empor auf einen Berg steigen könnte zu reiner Luft und klaren Quellen! Heimweh packte mich, — Heimweh nach den schmalen Pfaden zwischen duftenden, buntblühenden Wiesen, nach dem stillen See im Buchenwald, wo zwischen Moos und Gestein Märchenblumen ihre Kelche öffnen. Heimweh nach der großen Einsamkeit!

Ob nicht der Geist der Frauen verkümmert und ihr Gemüt verdorrt, weil sie nicht einsam sein dürfen?

»Geh, — erhole dich, — ruh' dich aus, und wenn es nur ein paar Tage sind, — es wird dir gut tun,« sagte mein Mann, dem meine Schlaflosigkeit, meine Blässe anfiel; »ich und die Berta hüten den Jungen.«

Es bedurfte keiner Überredungskünste, meine Sehnsucht, allein zu sein, ganz allein, war zu groß. Ich fuhr nach dem Harz. Aber schon unterwegs packte mich die Unruhe: was konnte dem Kleinen inzwischen nicht alles geschehen! Tausend Fragen und Sorgen schreckten mich am Tage, ängstliche Träume verfolgten mich bei Nacht. Und die Berge hier, die mir fremd waren, blieben mir stumm, und die rauschenden Quellen sprachen eine fremde Sprache.

Da erreichte mich ein Brief meiner Mutter aus Heidelberg. »Erdmann ist aufgegeben,« hieß es darin, »und Ilse hat Lungenentzündung, deren Ausgang unabsehbar ist. Sie spricht oft von Dir ...«

Am selben Abend schrieb ich an meinen Mann: »Liebster! Ich halte es nicht aus ohne Dich, ohne Otto. Aber ehe ich zurückkehre, muß ich Ilse wiedersehen. Nach den Andeutungen meiner Mutter ist alles zu fürchten. Du hast mich ausgelacht, als ich Dir einmal sagte, daß ich mich ihr gegenüber schuldig fühle. Es kommt ja aber auch nicht darauf an, ob eine Schuld im Sinne landläufiger Moral besteht, sondern darauf, ob ich sie empfinde. Ich muß das gut machen, — damit ich mich nicht quäle, wenn das arme Kind sterben sollte, und damit sie mir wieder vertraut, wenn sie lebt und meiner bedarf ...«

Ich reiste am selben Abend noch ab. Meine Mutter empfing mich am Bahnhof.

»Es geht zu Ende,« sagte sie auf meinen fragenden Blick. »Und Ilse?« »Sie fiebert noch immer! Meine Ahnung betrog mich nicht. Diese unglückselige Ehe!«