Eine mir selbst Fremde stand ich auf der Rednertribüne. Jene Glut der Leidenschaft, die allein fähig ist, den Eisenmantel zu schmelzen, den Kummer und Not um die Herzen der Ärmsten schmiedete, jene Klarheit der Überzeugung, die allein das Dunkel des Vorurteils und der Unwissenheit zu durchleuchten vermag, fehlten mir und ließen sich nicht erzwingen.

»Ich bin unfähig, zu sprechen, — erlassen Sie es mir diesmal,« bat ich einen der Genossen; »die Menschen kehren heim, ohne einen Gran Kraft und Klugheit gewonnen zu haben.«

Aber er bestand auf seinem Schein: »Ihr Name zieht, und wir brauchen einen vollen Saal.«

Eines Abends sollte ich bei den Textilarbeitern referieren. Als ich kam, war der Saal leer, und der Wirt erzählte mir, daß die Versammlung schon vor zwei Tagen stattgefunden und man mich vergebens erwartet habe. Ich zog die Einladungskarte aus der Tasche: nur das Datum war angegeben, nicht der Tag, und dieses stimmte. Der Vertrauensmann der Gewerkschaft, zu dem ich ging, mußte mir bestätigen, daß der Irrtum nicht auf meiner Seite lag. Wenige Tage später hörte ich, eine der Genossinnen habe behauptet, ich hätte das Datum gefälscht, um mich der Aufgabe zu entziehen, und habe hinzugefügt, sowas sei bei mir schon öfter vorgekommen. Auf das äußerste empört, verlangte ich eine Untersuchung der Angelegenheit. Ein Schiedsgericht trat zusammen. In endlosen Sitzungen wurden Zeugen vernommen, die Einladungskarte geprüft, verglichen. Ich ballte die Fäuste unter dem Tisch vor Erregung und konnte mich doch dem Eindruck nicht entziehen, den die ruhige Gründlichkeit all dieser Arbeiter auf mich machte. An Ernst und Objektivität, an Takt und Würde standen sie turmhoch über ihren weiblichen Klassengenossen, mit denen ich bisher zusammengekommen war. Eine formelle Ehrenerklärung, die mir schriftlich zuging, war das Resultat der Verhandlungen. Aber die Empfindung, besudelt zu sein, wurde ich lange Zeit nicht los.

Ich vertiefte mich in die Korrekturen meiner »Frauenfrage«. Und die Genugtuung über meine Arbeit wirkte wie ein stärkendes und reinigendes Bad.

Mitten in der Arbeit an den letzten Druckbogen besuchte mich die weibliche Vertrauensperson meines Wahlkreises. Für eine große Volksversammlung, die in den allernächsten Tagen stattfinden und sich mit den von der Regierung angekündigten Zollerhöhungen beschäftigen sollte, hatte man mir den Vortrag zugedacht. Ich lehnte ab. Meine Besucherin wurde immer dringender.

»Sie müssen kommen,« erklärte sie schließlich.

»Ich muß?! Warum?!« fragte ich verwundert.

»Wir haben Ihren Namen schon auf die Plakate gedruckt!«

»Das ist Ihre Schuld, — nicht die meine,« entgegnete ich; »selbst wenn ich Zeit hätte, mich binnen zwei Tagen auf ein schwieriges Thema, wie den drohenden Zolltarif, vorzubereiten, würde ich bei meiner Ablehnung bleiben und Sie die Folgen eines so unverantwortlichen Vorgehens tragen lassen.«