Ich nickte eifrig und meinte lächelnd: »Wie stark muß die Liebe sein, um sie auszuhalten!«
»Die besten Freunde müssen einander unerträglich werden, wenn sie Tag und Nacht in denselben Käfig gesperrt sind,« ergänzte er.
»Ich glaube, es ist Zeit, daß wir für ein paar Wochen in Freiheit gesetzt werden,« wagte ich zögernd auszusprechen; — ich erwartete jeden Tag die Antwort von Tante Klotilde auf meinen Brief, in dem ich sie gefragt hatte, ob es ihr recht wäre, wenn ich mit dem Kleinen nach Grainau käme. Ich würde mir eine eigene Wohnung nehmen, — natürlich, — und sie nur besuchen, wenn sie uns sehen wollte. Mein Mann runzelte zwar noch die Stirn, aber er meinte dann doch lachend: »Mach, daß du wegkommst, damit ich die Gattin los werde und die Geliebte wiederfinde.«
Die Antwort kam, — eine kühle, glatte Ablehnung. »Die Welt ist groß,« schrieb sie, »Du brauchst Deine Sommerferien nicht gerade in Grainau zu verleben, wo die Situation für dich, — ganz abgesehen von der meinen, auf die Du ja keine Rücksicht zu nehmen scheinst —, eine wenig gemütliche wäre. Die Bauern würden Dir fremd, wenn nicht feindlich gegenüberstehen. Seit der Dienstbotenbewegung, die Du mit soviel Lärm in Szene setztest, hast Du ihre Sympathie verloren. Deine ständigen Angriffe auf unseren allverehrten Kaiser« — hier hörte ich die Stimme der Kleves, die nur in der Potsdamer Hofluft zu atmen vermochten — »haben den vielleicht noch vorhandenen Rest vollends zerstört ... Ich bin eine alte, kranke Frau und brauche innere und äußere Ruhe. Im übrigen wird meine Liebe zu Dir durch die räumliche Entfernung eher erhalten, als beeinträchtigt werden ...«
Was nun? Gab es nichts mehr, das mir den Weg zu ihr bahnen könnte? »Gehen Sie ins Gebirge,« hatte der Arzt gesagt. Wenn ich nun doch reisen würde, — mit dem Kleinen, — irgend wohin nicht allzuweit von Grainau, wo der glückliche Zufall eine Begegnung ermöglichen könnte! Ich war überzeugt: sah sie mein Kind, ihr ganzes Herz würde gewonnen werden!
In Mittenwald, dicht unterm Berg, fand ich bei einem Bauern ein Giebelzimmerchen und die große, bunte Wiese, die ich meinem Liebling versprochen hatte. Den ganzen Tag spielte er dort mit dem kleinen Sohn des Hauses, dem Hansei, und seine weiße Stadthaut bräunte sich, und seine Muskeln wurden straff. Ich saß indessen auf der Altane und schrieb alle möglichen Artikel und freute mich, wenn das Honorar immer wieder eine Woche längeren Aufenthalt möglich machte. Von fernher glänzte und lockte die Zugspitze bis zu mir herüber. Ich sah sie bei Nacht im Mondschein, wenn die Sterne am dunkeln Himmel sich bewundernd um sie scharten. Ich sah sie bei Tage, wenn die Sonne sie inbrünstig küßte und ihr doch nichts zu rauben vermochte von ihrer jungfräulichen Reinheit. Ihr zu Füßen war das Stückchen Erde, das ich liebte, wie keins in der Welt. Wo ich mein Jugendglück fand und — begrub. Ich verstand, daß es Menschen gibt, die vor Heimweh krank werden.
Auf unseren Spaziergängen suchte ich immer die Wege, auf denen ich dem weißen Berge näher kam, und erzählte dem aufhorchenden Kleinen von ihm als der verzauberten Prinzessin und ihrem grauen finsteren Wächter, dem Waxenstein. Dabei wurden mir wohl auch die Augen feucht. »Sei nich traurig, Mamachen,« tröstete mich mein Kind. »Ein großer Held wird kommen und die Prinzessin befreien!«
Einmal, als wir wieder zu dem stillen See aufwärts gingen, plauderte er lustig von den Kühen und den Blumen. Dann wurde er plötzlich still, ein grübelnder Zug trat in sein rundes Kindergesichtchen, und seine Wangen färbten sich dunkler.
»Der Hansei will Kutscher auf'n Stellwagen werden,« begann er unvermittelt; »ist das nicht dumm?!«
Ich nickte zerstreut. Er schwieg wieder.