Lange lagen wir auf dem Moose im Wald, den kleinen Rosensee uns zu Füßen, am jenseitigen Ufer das traute grünumrankte Haus. Hier hatte sich nichts verändert. Und all die Bilder von Glück und Leid, die dieser Rahmen einst umschloß, zogen an mir vorüber. Die Jahre zwischen damals und heut wären mir wie ein Traum erschienen, wenn nicht das Kind neben mir mich an die lebendige Gegenwart erinnert hätte. Ich stand auf und reckte den Körper. Der Abschied von diesem Haus, diesem See, diesem Wald war der erste Schritt in das neue Leben gewesen. Ich bereute ihn nicht. Dankbar sah ich noch einmal hinüber. Trotz alledem: dieser Erdenwinkel blieb mein.

Eine weißhaarige Frau, die den schweren Körper nur mühsam am Stock vorwärts bewegte, trat aus der Tür in den Garten. Uns entgegen auf dem schmalen Steg kam hastig ein hellgekleidetes Mädchen. Dicht vor mir blieb sie sekundenlang mit weit aufgerissenen Augen stehen. Es war Jenny Kleve. Dann sah ich noch, wie sie hinüberlief, mit erregten Gesten auf die alte Frau einsprach, und wie diese dem herbeigerufenen Diener eine Weisung erteilte. Ich lachte auf: jetzt hat sie Befehl gegeben, mich nicht vorzulassen, dachte ich; — Jenny Kleve, auf diesen Triumph freust du dich umsonst!

In München erwartete uns Berta, mit der der Kleine nach Berlin zurückreisen sollte.

Hätte ich nur mit ihnen heimreisen können! All der Staub der Stadt, der meine Lunge erfüllt, der grau und schwer die Glut meines Herzens fast erstickt hatte, war vom Bergwind weggeweht worden. Mein Kind, — mein Geliebter, — waren sie nicht der Inhalt meines Lebens? Mein Geliebter, — nicht mein Gatte, an dessen Seite nichts mich zwang als ein Stück Papier. »Die geläuterte Moral der Zukunft wird die Roheit unserer Gesittung nicht verstehen,« schrieb ich an Heinrich, »die die Beziehungen der Geschlechter, wie die zwischen Unternehmer und Arbeiter, zwischen Herrn und Diener, mittelst eines formulierten Vertrages regeln wollte, die die Frau nötigte, als Symbol des Auslöschens ihrer Persönlichkeit, den eigenen Namen mit dem des Mannes zu vertauschen. Liebe sollte immer ein Geheimnis sein, eins, um das nur die Allernächsten wissen. Die Ehe schreit es in alle Welt hinaus und erzählt zynisch jedem Gassenbuben: sieh, dieses Weib gehört jenem Mann!.. Ich sehne mich nach Dir. Mit tieferer, heißerer Sehnsucht, als da die Liebe mir nur ein Traum war. Ich möchte untertauchen bis auf den Grund ihres Ozeans, denn mir ist, ich wäre bisher nur auf der Oberfläche gefahren, und in der Tiefe warteten Schätze auf mich von unermeßbarem Wert. Aber wenn ich an unsere laute Straße denke, an die engen Zimmer, in die unsere große Liebe sich sperren ließ, um Magddienste zu tun, — dann sinkt meine Sehnsucht in sich zurück, wie ein Springbrunnen, der eben in Milliarden Wassertropfen der Sonne entgegenflog und nun, da der Gärtner den Hahn abdreht, plötzlich verschwindet ...« —

»Du hast recht,« antwortete er, »tausendmal recht! Aber glauben kann ich Dir erst, wenn Du Deine Empfindung nicht nur aussprichst, sondern ihr folgst ... Komm, und wir wollen in irgend einem stillen Winkel, wo uns niemand kennt, Hochzeit feiern, wie einst ... Der Parteitag braucht Dich nicht. Dieser Augenblick jedoch ist vielleicht der einzige, der in uns beiden die Erinnerung an die Ehe auslöscht ...«

Aber ich ging nicht. Ich war unfrei. Nie hätte ich es mir eingestanden, und doch war es so: ich stand, wie die Mutter, noch unter dem kalten Gesetz der Pflicht. Ich durfte die Aufgabe nicht im Stiche lassen um meiner Wünsche willen! Am wenigsten jetzt, wo ihre Erfüllung mir widerstrebte.

Wie schön hatte ich es mir einst gedacht, wenn zu den Kongressen der Partei die Gesinnungsgenossen von Ost und West, von Nord und Süd zusammenkommen würden, ungleich nach Beruf und Alter und Geschlecht, und doch ein einiges Heer, von derselben Kraft durchdrungen, von demselben Willen beseelt, neue Kreuzfahrer, die auszogen, der Menschheit heiliges Land zu suchen. Und jetzt?

Schon im Hotel, wo die meisten Delegierten untergekommen waren, musterte man sich mißtrauisch, begrüßte sich kühl. Und Gruppen bildeten sich, die berieten, ob und wie man die Ansichten der anderen Gruppen überstimmen könne.

Dem Parteitag ging eine Frauenkonferenz voraus. Als ich in den Kreis der fünfundzwanzig Genossinnen trat, fühlte ich die abweisende Kälte, die mir entgegenströmte. Nur Ida Wiemer schüttelte mir herzhaft die Hand. »Was sagen Sie nur zu dieser Tagesordnung?!« flüsterte sie erregt.

Ich lachte spöttisch: »Sie wollen offenbar in anderthalb Tagen die ganze Frauenfrage lösen. Arbeiterinnenschutz, Kinderschutz, gesetzliche Regelung der Heimarbeit, politische Gleichberechtigung, — ein imponierendes Programm! Es ist ja aber auch eine hübsche Zahl von Jasagern beisammen. Die schlucken die Resolutionen unbesehen.«