Wir brachen ein Gespräch ab, das uns nur voneinander entfernen mußte. Aber einen Gedanken hatte es wachgerufen, der sich von nun an nicht mehr einschläfern ließ. Wenn er mich quälte und ich ihn abschütteln wollte, so bohrte er sich nur noch tiefer in Hirn und Herz. Hörbarer, als da die Völker wanderten, um sich neuen Heimatboden zu erobern, dröhnte die Erde unter den Tritten der Millionen, die sich in Bewegung gesetzt hatten, um dem Elend zu entfliehen. Aber ihrem Wollen fehlte die einheitliche Formel. Im Dreigestirn der Revolutionsideale lag sie nicht. Und was Marx ihnen gegeben hatte, das waren wissenschaftliche Erklärungen über die Art, das Tempo und das Ziel der Bewegung gewesen, die nur so lange über den Mangel hinwegtäuschen konnten, als sie unerschüttert waren.
Ein Ereignis bestärkte mich in meiner Idee. Mitten im Wahlkampf, der all unsere Kräfte auf ein Ziel, — die Niederwerfung des Gegners, — hätte konzentrieren müssen, entspann sich ein wüster Krieg zwischen den Parteigenossen selbst. Er wäre unmöglich gewesen, wenn nicht jenes Fehlen der inneren Einheit gegenseitiges Mißtrauen zur Folge haben mußte. Was der eine ruhigen Gewissens tat oder ließ, das erschien dem anderen als ein Verstoß gegen die Partei.
Ein halbes Dutzend Parteigenossen, — ich gehörte zu ihnen, — hatten seit Jahr und Tag an einer bürgerlichen Wochenschrift mitgearbeitet, die eine Tribüne war, auf der alle Richtungen ungehindert zu Worte kamen. Die literarischen und künstlerischen Kritiken, die ich darin veröffentlicht hatte, — Augenblicksarbeiten, denen ich gar kein längeres als ein Augenblicksinteresse beimaß, — hatten oft weniger dem Bedürfnis nach Aussprache, als dem Erwerbszwang ihr Entstehen zu verdanken. Die Parteipresse stand mir nur selten zur Verfügung, und um so seltener, je mehr ich des Revisionismus verdächtig war. In ähnlicher Lage wie ich waren die meisten derer, die mit mir ›gesündigt‹ hatten. Zwei von ihnen standen als Reichstagskandidaten im heftigsten Feuer der Wahlkampagne. Aber das hinderte einige radikale Wortführer nicht, uns in breitester Öffentlichkeit als Schleppenträger der gegnerischen Presse zu verdächtigen.
Kaum hatte ich den betreffenden Artikel gelesen, als ich schon am Schreibtisch saß, um uns dagegen zu verteidigen. Die Ansicht, daß wir jede Tribüne benützen müssen, von der aus wir gehört werden können, hatte sich in mir seit der Zeit, wo ich sie, von Wanda Orbin beeinflußt, angesichts des Frauenkongresses verleugnet hatte, nur befestigt. Unsere Presse, unsere Versammlungsreden erreichten immer nur dieselben Kreise, und abseits standen Hunderttausende, die uns nur aus den Darstellungen der Gegner kennen lernten. Ich legte meine Erklärung den Mitbetroffenen vor. Sie sollte in derselben Zeitung erscheinen, die uns angegriffen hatte. Ich wurde daran verhindert; man wünschte die Ausdehnung des Zwists zu vermeiden, indem man die öffentliche Antwort, wie ich sie beabsichtigt hatte, in eine Zuschrift an den Parteivorstand verwandelte. Dieser aber sah sich nicht mehr imstande, auf eine interne Auseinandersetzung einzugehen, — die ganze Presse hatte sich schon der Sache bemächtigt, unsere politischen Gegner schlachteten sie gegen uns aus —, er veröffentlichte seine Entscheidung: kein Parteigenosse darf an einer Zeitschrift mitarbeiten, die die Sozialdemokratie in hämischer oder gehässiger Weise kritisiert. Die ganze Provinzpresse druckte natürlich die lapidaren Sätze des Vorstands ab. Wir waren gebrandmarkt vor den Genossen, in deren Mitte wir wirken sollten; den Gegnern waren die Waffen in die Hand geliefert, um uns vor ihnen zu diskreditieren. Darüber verging uns das Lachen, das im Grunde die richtigste Antwort gewesen wäre. Wir sahen in der Entscheidung, die es jedem Parteiführer an die Hand gab, mißliebige Blätter auf den Index zu setzen, einen weiteren Schritt zum Papismus, wir empörten uns, daß gerade diejenigen, die in der Partei in Amt und Brot waren, den freien Schriftstellern, die dem Verdienst nachgehen mußten, die Zugehörigkeit zur Partei unmöglich zu machen suchten, und eine ihrer Grundlagen schien uns in dem Angriff auf die Freiheit der Meinungsäußerung verletzt. Wir Überläufer aus der Bourgeoisie, die im Kampf gegen alle Autoritäten, — die der Familie, der Bildung, der Religion, des Staats —, den Weg zur Sozialdemokratie gefunden hatten, wären die letzten gewesen, eine neue Autorität, — die des Parteivorstands, — anzuerkennen. Und mein Mann, der seine Frondeurnatur am wenigsten verleugnen konnte, wurde unser Wortführer gegen ihn: in einem geharnischten Artikel verteidigte er die Freiheit der Meinungsäußerung. Nun erst entbrannte der Kampf, der seit dem Münchener Parteitag schon im stillen die Geister erhitzt hatte, auf der ganzen Linie, — mit all jener Bitterkeit, die entsteht, wenn Freunde zu Feinden werden.
Im stillen fürchteten wir, was unsere politischen Gegner hofften: daß die Wahlen dadurch zu unserem Nachteil beeinflußt werden könnten.
Am ersten Mai, dem Weltfeiertag der Arbeit, sollte ich in Frankfurt a. O. die Festrede halten. Mir war im Augenblick wenig festlich zumute: mit so viel Hoffnungsfreudigkeit hatte ich die Agitation begonnen, — sollte sie vergebens gewesen sein?! Sollte ich am Ende an ihrer Erfolglosigkeit mitschuldig sein, weil ich — es klang wie der dumme Witz eines Possenreißers — in einer bürgerliche Zeitschrift über Halbes Theaterstücke und Laura Marholms Frauenbücher geschrieben hatte?! Aber schon als der Zug die letzte berliner Bahnhofshalle verließ und statt der hohen grauen Häuser sich draußen Laube an Laube reihte, von dem ersten jungen Grün überhaucht, mit bunten Fähnchen lustig bewimpelt, und Menschen in Festtagskleidern auf der Chaussee zwischen den jungen Birken, die grüßend die grünen Schleier ihrer Äste bewegten, den Versammlungen entgegeneilten, in denen ihres Frühlingsglaubens Auferstehungsbotschaft gepredigt werden sollte, verschwanden all meine törichten kleinlichen Ängste. Was hatten die dogmatischen Zän kereien der Priester mit der Religion der Massen zu tun?
Zwei kleine Mädchen empfingen mich am Bahnhof, mit blauen Bändern in den Zöpfchen und frisch gewaschenen weißen Kleidern, die sich um sie bauschten, so daß sie aussahen wie Riesenglockenblumen. Sie führten mich hinunter in die Stadt über den Platz mit seinen geharkten Wegen, seinen artigen Rasenfleckchen und den kleinen dürftigen Beeten darauf, an Häusern vorüber mit nüchternen Fassaden und ablehnend verhangenen Fensterscheiben. Die Glocke der Elektrischen wirkte hier wie erschreckender Lärm. Als wir aber um die Ecke bogen, wo die Kastanien über das holprige Pflaster schon breite Schatten warfen, da schien das Leben der träumenden Stadt erwacht: in Trupps zu vieren und fünfen, mit weißen und braunen und gelben Kinderwägelchen dazwischen, die Männer im Sonntagsrock, die Frauen mit nickenden Blumen auf hellen Hüten, so zogen sie durch die Straße. Und an jeder Gassenmündung gesellten sich andere hinzu, und wo die Gärten größer und die Häuser kleiner wurden, kamen Landleute mit Stulpenstiefeln, Mädchen mit Kopftüchern über die Feldwege. Alles grüßte einander mit dem Blick frohen Erkennens. Weit hinunter bis zu dem silbernen Band der Oder dehnten sich, von alten Weiden umrahmt, üppige Wiesen; in goldgelben Flecken, wie auf die Erde gebanntes Sonnenlicht, glänzten Butterblumen daraus hervor. Von der anderen Seite des Wegs, wo der Boden sich hob, nickten über Weißdornhecken rosig blühende Bäume; darüber klang der langgezogene Sehnsuchtston der Stare, das Kwiwitt der Rotkehlchen, das vielstimmige Zwitschern buntgefiederter Meisen.
Nun hatten sich die Wandernden zu einem Zuge zusammengeschoben, und eins war ich mit ihnen. Aus dem Garten, durch dessen laubumwundene Pforte wir zogen, tönte Musik. Auf der Bühne der Festhalle, die wir betraten, warteten schon die Sänger. Ich stieg die Stufen hinauf. »... Ein Sohn des Volkes will ich sein und bleiben...« sang der Chor. Durch die hohen weit geöffneten Fenster strömte die Sonne in breiten Wogen; ihre Strahlen trugen den Duft des Frühlings mit herein und berührten all die braunen und blonden Scheitel der andächtig lauschenden Menge.
Dicht unter der Bühne hatten sich die Kinder zusammengeschart, die kleinsten in ihren bunten Kleidchen, wie ein Beet farbenfroher Sommerblumen, am weitesten nach vorn. Ein kecker kleiner Kerl war bis auf die Rampe geklettert, ein strohblondes Mädchen schmiegte sich schüchtern an sein Knie, und die beiden Augenpaare — ein schwarzes und ein blaues — hingen an mir wie eine große verwunderte Frage.
Sehr feierlich war mir zumute, als stünde ich, ein geweihter Priester, zum erstenmal auf der Kanzel. Aber es war nicht die Religion der Liebe, die ich predigte, — jener Liebe, die den Haß der Welt in sich trägt, es war nicht die ewige Seligkeit, die ich verkündigte, — jene Seligkeit, in die nur Eingang findet, wer zu kriechen und den Kopf zu bücken gelernt hat. Was als unklare Empfindung in den Herzen unserer Väter lebte, die die Sonne anbeteten, deren Feste Sonnwendfeiern waren, die dem steigenden Licht im Lenz die Neu geborenen weihten, — das ist die Grundlage unserer Religion. Nicht wer am nachhaltigsten seine Sinne abtötet, sondern wessen Augen am klarsten sind, wessen Ohr am feinhörigsten ist, um alle Schönheit der Welt in sich aufzunehmen, der ist der Heiligste unter uns. Und ein Anrecht auf unser Himmelreich gewinnt nicht, wer leidet und duldet, sondern wer handelt und genießt. Dulden und leiden kann jeder, aber nur der Sohn einer reifen Kultur vermag zu genießen, nur der Wissende handelt.