»Gewiß freue ich mich, — aber im Grunde ist doch das alles selbstverständlich und macht das Geschehene nicht ungeschehen,« antwortete ich und dachte an die Zeitschrift, mit der wir unsere Aufgabe, wie mir schien, geopfert hatten, an die ungesühnte Kränkung, die noch immer wie eine schwärende Wunde an mir fraß, an das verstümmelte, beschmutzte Bild der Partei, das einst in so leuchtenden reinen Farben vor mir gestanden hatte, an die große Flamme meiner Liebesleidenschaft, die über dem Aschenhaufen nur noch leise glimmte.
Aus meines Mannes Wahlkreis wurde ich wieder zu Vorträgen aufgefordert. Seltsam genug: es gab noch Genossen, die mir vertrauten, obwohl der erste unter ihnen mich für ehrlos erklärt hatte! In diesen Kreisen schien das Verständnis für eine Empfindung zu fehlen, die eine Reminiszenz an meine aristokratische Herkunft sein mochte, und offenbar zu jenen »Eierschalen der Vergangenheit« gehörte, über die in der Partei so oft gespottet wurde. Aber wenn auch die anderen alle darüber hinwegsehen konnten, ich konnte es nicht. Ich lehnte ab. Meine Zurückhaltung wurde falsch gedeutet. Meine Bemerkung über den Austritt aus der Partei mochte irgendwie durchgeackert sein. Ich sah, daß ich die Stellung meines Mannes, die trotz des Vertrauensvotums eine schwierige geblieben war, noch mehr erschwerte. Und ich hatte mir vorgenommen, ihm nach wie vor ein treuer Kamerad zu bleiben.
»Sie können wieder über mich verfügen,« schrieb ich nach Frankfurt und stürzte mich in die Arbeit, von der ich hoffte, daß sie sich als Morphium für die Schmerzen meiner Seele erweisen würde. Und so lange ich am Schreibtisch über den Zeitungen und Broschüren saß, hielt sie, was ich von ihr erwartet hatte.
Die Ereignisse schienen mit besonderem Eifer dafür zu sorgen, daß wir nicht im Bruderzwist aufgehen konnten. Der Riesenstreik der Textilarbeiter von Crimmitschau, die nun schon seit Wochen mit einer Ausdauer ohnegleichen um den Zehnstundentag kämpften und dem lockenden Gold der Unternehmer ebenso standhielten wie den Verfolgungen der Polizei, ließ uns fühlen, daß wir gegen den Feind so einig waren wie immer. Und die russische Revolution, die wie ein vom Sturm gepeitschter Brand von einem Ende des Riesenreichs zum anderen übersprang, entzündete in uns allen eine Hoffnung, als ginge der Stern der Menschheitserlösung nun wirklich im Osten auf. Daß Preußen-Deutschland sich zum Schleppenträger des Zarismus erniedrigte, daß russische Polizisten im Verein mit den unseren die russischen Gäste der Hauptstadt verfolgen konnten, daß ein Minister die Reichstagstribüne benutzte, um die russischen Studenten der Berliner Universität samt und sonders als Anarchisten zu verdächtigen und ihre weiblichen Kollegen der Unsittlichkeit zu zeihen, daß der Reichskanzler von ihnen als von »Schnorrern und Verschwörern« sprach, — das löste einen Schrei der Entrüstung aus. Die Partei stand wieder auf dem Posten als die einzige, die leidenschaftlichen Protest erhob. Und wenn die politischen Ereignisse nicht auszureichen schienen, um das Bewußtsein ihrer Zusammengehörigkeit in den Genossen aufs neue zu festigen, so sorgten unsere Gegner dafür. Sie schufen den Reichsverband zur Bekämpfung der Sozialdemokratie, aber die Kette, die sie schmiedeten, um uns damit zu fesseln, verband uns nur.
Ich sah das alles. Ich schöpfte Hoffnung daraus nicht nur für den Kampf nach außen, sondern auch für die innere Entwicklung, die um so kräftiger zu sein pflegt, je unbeachteter sie ist.
Aber als ich zum erstenmal wieder in Frankfurt auf die Rednertribüne trat und all die vielen Augen sich auf mich richteten, da versagte meine Kraft. Das Blut brannte mir in den Wangen; — sahen die Menschen mir den Schlag nicht an, den ich empfangen hatte?! Und ich fühlte feindselige Blicke, spöttisches Lächeln, ich sprach wie gegen ein Tor von Erz. Meine Zuhörer blieben kalt.
»Was fehlte dir nur?« fragte Heinrich mich kopfschüttelnd. Ich gab eine ausweichende Antwort.
Noch ein paarmal machte ich ähnliche Versuche. Von nervöser Aufregung geschüttelt, die mir sonst fremd gewesen war, trat ich schon vor die Versammlung. Und dann sprach ich, daß ich mich selbst nicht wieder erkannte.
»Laß mich eine Zeitlang irgendwo zur Ruhe kommen,« bat ich eines Tages, mit den Tränen kämpfend, meinen Mann, der in mich drang, ihm die Ursache meiner tiefen Verstimmung anzuvertrauen. »Das alles war ein wenig viel für mich ...«
Er stimmte mir ohne Besinnen zu. »Wenn es nichts weiter ist, als daß du Ruhe brauchst!« sagte er aufatmend und entwarf mir die schönsten Reisepläne. »Ich würde dir den Weg auf den Mond bahnen wollen, wenn ich sicher wäre, daß meine Alix wieder gesund und froh würde.« Und in alter Zärtlichkeit zog er mich an sich.