Wir reisten noch am selben Tage nach Augsburg. Mich erfüllte nur ein Gefühl: daß ich ihr viel zu verdanken hatte und sie im Kummer um mich gestorben war.
In voller Sommerpracht blühte der Garten um das schöne Haus. Weinend empfing mich die Theres'.
»Warum sind's bloß nit a Wochen früher gekommen —,« sagte sie immer wieder. Ich vertraute meinen Sohn ihrem Schutz. »Du herzig's Buberl,« schluchzte sie, »wenn die Frau Baronin nur dich gekannt hätt'!« Ich fing an zu begreifen, und jetzt erst fiel mir ein, daß der Tod dieser Frau meines Sohnes ganze Zukunft sichern sollte.
Einen Augenblick lang fröstelte mich. Aber nein: wie konnt' ich nur zweifeln, — auch die alte Theres' sah in ihrer Liebe zu mir nur Gespenster. Meinem Vater hatte die Tote ihr Wort verpfändet. Ich wandte mich zur Treppe.
»Gnä' Frau wollen doch nicht —,« rief die Theres' und griff nach meinem Arm.
»Selbstverständlich,« antwortete ich und nahm den Strauß frischer Maiglöckchen vom Grainauer Wald aus ihrer Hülle.
»Sie sind alle oben, — die Herren Leutnants und das Fräulein,« flüsterte sie ängstlich.
Ich warf den Kopf zurück und richtete mich gerade auf. »Hier bin ich zu Hause gewesen, nicht sie,« sagte ich laut und schritt die Stufen empor. Hinter der Türe des Eßzimmers hörte ich Stimmengewirr.
»Sie wird nicht kommen —,« sagte einer. Ich trat ein. Wie vor einer Geistererscheinung sprangen sie von den Stühlen, meine Vettern und Basen, die sich hier häuslich niedergelassen hatten. Ich ging ohne Gruß an ihnen vorüber, durch die Flucht der Zimmer mit ihren kostbaren Teppichen und seidenen Möbeln, die mir alle so lebendig schienen, so vollgesogen von Vergangenheit. Im Musiksaal, vor der letzten Türe zögerte ich. Mir klang in den Ohren, was die Tote vor Jahrzehnten aus diesem Flügel hervorgezaubert hatte. Ich war ein Kind gewesen damals; die Töne waren an mir vorbeigerauscht; jetzt erst verstand ich sie: wieviel Leidenschaft, wieviel ungestillte Sehnsucht hatte das Herz der Frau bewegt, die nun auf immer verstummt war.
Sie lag aufgebahrt, vom betäubenden Duft unzähliger Blumen umgeben, auf ihrem Lager. Ich stand wie erstarrt. Ich konnte nicht in die Kniee sinken und nicht den Blick losreißen von ihr: das war sie doch gar nicht, — das war eine Fremde! Nie hatte ich um ihren Mund diesen grausamen Zug gesehen und auf ihrer Stirn diese vielen finsteren Falten. Die ich gekannt hatte, die mich liebte, war eine andere gewesen. Ich hielt den Strauß Maiglöckchen noch in der Hand, als ich das Haus verließ.