»Unsere Ärmsten schämen sich, — das ist vielleicht der letzte Rest Menschlichkeit in ihnen,« meinte er; »seit Wochen mache ich fast nichts anderes als Besuche bei den Heimarbeitern. Eben erst war ich bei einem alten gelähmten Weibe, das hier im Westen, fünf Treppen hoch, ein einfenstriges Zimmer und eine fensterlose, winzige Küche mit ihrer Tochter und deren vier kleinen Kindern bewohnt. Von früh fünf bis nachts um elf trampelt die Tochter die Nähmaschine, um bestenfalls neun Mark in der Woche zu verdienen. Vor wenigen Tagen war ich in einem engen Kellerloch, wo eine Witwe mit zwei Kindern wohnt; auf den schimmeligen Möbeln, auf dem einzigen wackeligen Bett, liegen elegante Damenblusen, für die sie ganze fünf Mark wöchentlich einnimmt.« Reinhard erhob sich, rote Flecken brannten auf seinen Backenknochen, und während er weitersprach, humpelte er im Zimmer aufgeregt hin und her. »In einem anderen Keller, wo die Dielen faulen und die Fenster tief unter der Erde liegen, arbeiten zwei Schwestern, — junge, bleichsüchtige Dinger, — für die, die oben in Luft und Sonne lachend vorübergehen. Ist die Ehre, die ihr bewahrt habt, das elende Leben wert, — hätte ich ihnen am liebsten zugerufen. Dicht unter dem Dach, in zwei kleinen Löchern, sah ich ein Ehepaar mit fünf Kindern und einem Schlafmädchen; den Mann zerfrißt auf dem Lager voll Lumpen der Kehlkopfkrebs, die Frau näht Knopflöcher für ganze vier Mark in der Woche,« — klipp — klapp — klipp — klapp, — rascher und rascher schlug Reinhards Krücke den Takt zu der grausen Melodie —; »eine arme Mutter fand ich in einem sonnenlosen Winkel im Norden, sie nähte Hemden, halbfertig lagen sie auf dem Bett, wo zwei diphtheritiskranke Kinder mit dem Tode rangen. Und, denken Sie nur«, — er blieb stehen und lachte grell auf, »— einen schneeweißen Mantel, bestimmt für nackte Schultern schöner Frauen, sah ich einmal in den Händen einer Syphilitischen —«
»Um Gottes willen — hören Sie auf!« Auch ich erhob mich. »Warum schreien Sie diese Tatsachen nicht auf öffentlichem Markte aus? Warum kleben Sie Ihre Berichte nicht an alle Straßenecken? — Kein Reichskanzler würde mehr wagen, den Stillstand der Sozialreform zu verteidigen.«
»Wir sind dabei, es zu tun,« antwortete er, und seine Sprechweise nahm wieder den Ton der alten sachlichen Ruhe an. »Eine Broschüre, an der ich arbeite, wird allen maßgebenden Persönlichkeiten zugeschickt und unserem diesjährigen Parteitag vorgelegt werden; wir haben außerdem, wie Sie wissen, die Unternehmer vor die Alternative gestellt, Betriebswerkstätten einzurichten, oder einer allgemeinen Arbeitseinstellung gewärtig zu sein. Kommt es dazu, so wird die Öffentlichkeit sich mit uns beschäftigen müssen. Übrigens: —,« er dachte einen Augenblick nach, »wie wär's, wenn Sie die Tätigkeit Ihres Zentralausschusses auf eigene Faust beginnen und mich bei meinen Recherchen zuweilen begleiten würden?«
Dankbar nahm ich sein Anerbieten an. In der nächsten Zeit brachte ich fast täglich ein paar Stunden mit ihm zu. Wir kamen in Stadtteile, die ich noch nie gesehen hatte, lange, nüchterne Straßenzeilen, die Häuser regelmäßig aufgereiht, gleichmäßig grau getüncht; die Öde des Anblickes nur noch erhöht durch die äußere Ordnung und Reinlichkeit. Wir schritten durch enge Höfe in dunkle Hinterhäuser, die das Licht der Straße nicht mehr fürchteten und ohne Scham die Blößen ihrer Not enthüllten. Nach Osten, nach Süden führte uns der Weg, wo mitten im kahlen, der Stadt schon preisgegebenen Boden hohe Mietskasernen an zerwühlten, werdenden Straßen standen. Hier, zwischen den feuchten Wänden, hauste das Elend und starrte uns an mit den glanzlosen Blicken erloschenen Lebens, die grausamer in die Seele schneiden als die wildesten Schreie der Verzweiflung.
Oft, wenn wir aus dem Dunkel sparsam verteilter Laternen kamen und das Licht der Friedrichstadt uns blendend empfing, haftete mein Auge staunend an den glänzenden Spiegelscheiben der Läden und der Restaurants. Prahlend breiteten sich hinter den einen all die Herrlichkeiten aus, die den Gaumen laben, den Körper schmücken, das Leben bereichern; lachend, scherzend, mit vollen Taschen und glänzenden Augen saßen hinter den anderen die reizenden Frauen, deren einziger Daseinszweck ihre Schönheit zu sein schien, und die Männer, die ihnen huldigen. Wie war es nur möglich, daß die von draußen, aus den grauen Häuserzeilen und den werdenden Straßen, nicht dicht gedrängt, auf leisen Sohlen, wie Nachtgespenster, hierher sich schoben, um all die Pracht zu zertrümmern, das Lachen erstarren zu machen?!
Und in meinem Herzen nistete der Haß sich ein für alle die, die nicht mehr hassen konnten.
Am frühen Morgen des 18. August war es. Eine arme Frau hatte ich besucht, die ich auf einem unserer Wege gefunden hatte. Sie war sterbenskrank, — ach, und wie gern wollte sie sterben, wenn nur die Kinder nicht gewesen wären, die sie fester als alle Arzeneien der Welt ans Leben ketteten. Die durchsichtigen Finger durften sich nicht zum Schlafen friedlich ineinanderfalten, sie hielten krampfhaft die weiße Leinwand fest, um zierliche Namenszüge, stolze Freiherrn- und Grafenkronen hineinzusticken. Ein wenig Hoffnung hatte ich ihr gebracht, — Hoffnung, daß sie bald ruhig werde sterben dürfen. Nun ging ich nach Hause, den Kopf gesenkt; die Sonne tat mir weh. An der Königsstraße geriet ich in einen Menschenschwarm, der mich mit sich riß: geputzte Frauen mit jenem aus Neugierde, Aufregung und Nervenspannung gemischten Ausdruck in den Zügen, der gewöhnliche Menschen bei allen großen Ereignissen, — seien es Feuersbrünste oder Hochzeitsfeiern, — charakterisiert, Männer im Sonntagsstaat, irgend eine Medaille oder ein Kreuz auf der Brust, das in diesen Tagen der Freibrief für alles war: Betrunkenheit — man nannte sie Begeisterung —, Roheit gegen Nichtdekorierte, — man nannte sie Vaterlandsliebe. Ich sah um mich: Fahnen flatterten von den Häusern, Straßenverkäufer boten mit krähender Stimme Kaisermedaillen aus, von ferne klang Trommelwirbel, Pferdegetrappel. Richtig: die Grundsteinlegung des Nationaldenkmals war heute.
Mit liebevoller Wehmut, wie die Greisin vergilbte Liebesbriefe, hatte der Vater gestern die Generalsuniform aus ihren Seidenpapierhüllen herausgeholt, hatte die Stickerei, die Knöpfe und die vielen Orden selbst mit einem Lederläppchen abgestaubt und war gewiß heute früh, voll Erregung, zum Schloß gefahren.
Jetzt waren wir selbst bis dicht hinter die Schutzmannsketten vorgedrungen. Ein Vorwärts gab's nicht mehr, ein Zurück noch weniger. Es galt, auszuhalten. Die Galawagen der deutschen Fürsten rollten vorüber in ihrer altertümlich schwerfälligen Pracht, dröhnenden Schrittes rückte die Garde auf den Schloßplatz, hinter ihr mit wehenden Fahnen Ulanen, Dragoner und im blitzenden Küraß die Gardedukorps.
Von hinten hauchte mir ein heißer Atem in den Nacken, der nach klebrigem Biere roch; aus dem Halsausschnitt der dicken, kleinen Frau neben mir stieg ein süßlicher Schweißgeruch. Mich ekelte vor der Erregung der Menge; eindruckslos rauschte sogar die mich sonst elektrisierende Musik an meinem Ohre vorüber; wie ein schlechtes Ausstattungsstück empfand ich das bunte Schauspiel vor mir. Unwillkürlich fiel mir das Modell des Nationaldenkmals ein: wie gut paßte es hierher mit seinen unruhigen Tier- und Menschengestalten, seinen Fahnen, Kanonen, Gewehren und Säbeln und dem theatralisch daherschreitenden Engel, der des alten Kaisers vierschrötiges Schlachtroß führt. Von seinem künftigen Standort, dem Winkel vor dem Schloß, den man noch dazu dem Wasser hatte abringen müssen, tönten Hammerschläge, Kanonendonner fiel ein, die Luft erschütternd, von tiefen Glockenklängen untermischt.