»Sollten Sie etwa noch den alten Glücksbegriffen huldigen?« fragte er dagegen.

»Jeder hat seine persönlichen,« antwortete ich ausweichend.

»Und sollte nur einen haben, aus dem sich alle anderen entwickeln: leistungsfähig zu sein,« ergänzte er. War ich schon so alt, daß er mir solch einen Glücksbegriff zumutete, der mir nur mit äußerster Selbstverleugnung Hand in Hand zu gehen schien?

»Sie mißverstehen mich,« meinte er. »Ich begreife darunter die stärkste Selbstbehauptung: die Entwicklung aller Fähigkeiten zum äußersten Maß ihrer Leistungskraft ...« Wir wurden unterbrochen; es war gut so, denn um so stärker prägten sich mir seine Worte ein.

Nun blieb mir noch übrig, ehe ich heimfuhr, zu erreichen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich verhandelte mit verschiedenen Redaktionen wegen der Übernahme einer deutschen Korrespondenz. In den Briefen meines Mannes spürte ich immer deutlicher den schweren Atem der Sorgen. Um irgend eine ihrer Lasten erleichtert, mußte ich nach Hause kommen. Aber so oft ich auch durch die glutheißen Straßen Londons von einem Bureau zum anderen ging, meine Abreise immer wieder aufschiebend, weil eine neue leise Hoffnung mich festhielt, das Ergebnis blieb ein negatives. Inzwischen war auch die bürgerliche Presse Deutschlands meiner Reise wegen über mich hergefallen, — die vereinzelten Stimmen der Verteidigung waren im Chor der Schreier verhallt, — das mochte die höflich ablehnende Haltung mit verursachen. Ich mußte mich entschließen, mit leeren Händen zurückzukehren. Nur einer Einladung wollte ich noch Folge leisten.

In Warwick, einem Städtchen am Avon, das von den dicken Türmen einer uralten Burg überragt wird, fand eines jener historischen Festspiele statt, an denen sich alljährlich in den verschiedenen Gegenden Englands die ganze Bevölkerung beteiligt. Ich fuhr hin und sah im Park des Schlosses die Darstellung jenes glanzumflossenen Teiles der englischen Geschichte, von der seine Mauern noch erzählen. Auf der weiten, von mächtigen Bäumen zu beiden Seiten abgeschlossenen Rasenfläche, mit dem Fluß in der Mitte, der zwischen blühenden Rosenbüschen und hängenden Weiden lautlos vorüberzieht, und dem Hintergrund einer sanft verschwimmenden Hügellandschaft zogen Jahrhunderte vorüber. Und zuletzt vereinigten sich noch einmal zweitausend Menschen zu Fuß und zu Pferde in den Rüstungen und Gewändern aller Zeiten. Nun kommt die Schlußapotheose, dachte ich, mit der Büste des Königs und einem »Rule Britannia« aus allen Kehlen. Ich erhob mich, um zu gehen.

Aber da sah ich, wie die Ritter und Edeldamen, die Fürsten und Könige langsam und leise hinter Bäumen und Büschen verschwanden. Nur einer blieb zurück, allein, weltbeherrschend, als wäre die jahrhundertelange Entwicklung nur notwendig gewesen, um diesen einen hervorzubringen, der größer ist als alle: William Shakespeare.

Der Wille zur Macht, — die höchstmögliche Entwicklung der Persönlichkeit als Ziel des einzelnen, — der Übermensch als Ziel der Menschheit —: zu einem einzigen vollen Akkord vereinigten sich plötzlich die Klänge, die mir diesmal in England entgegengetönt hatten. Mein Herz schlug zum Zerspringen wie das eines Gefangenen, dem die Ketten vom Fuße gelöst werden und die Pforten sich öffnen zur freien Wanderschaft. Er sieht nichts wieder als die alte vertraute Welt seiner Jugend, und doch erscheint sie ihm wie ein Wunder so neu. Ein halbes Kind war ich gewesen, als ich aus Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft den ersten Ruf persönlicher Befreiung vernahm: »Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; sondern dir! sondern dir!« — Galt nicht derselbe Ruf heute der Menschheit?

Am letzten Tage meines londoner Aufenthalts traf ich auf der Straße eine Kapitänin der Heilsarmee, die mich herzlich begrüßte.

»Sie kennen mich wohl nicht mehr?« fragte sie lächelnd; »aber der Nacht in Whitechapel vor elf Jahren erinnern Sie sich gewiß.«