Wieder, wie vor vier Jahren, saßen wir am Abend der Wahl im Gewerkschaftshaus zu Frankfurt. Und wieder hatte die Gärtnersfrau den Korb voll roter Nelken neben sich, und die Fahne lehnte eingerollt an der Wand. Aber die Genossen, die sich allmählich hereindrängten, machten ernste Gesichter, und die Boten, die kamen, brachten lauter Hiobsposten. Kein Ort, ohne einen Rückgang unserer Stimmen! Dazwischen die Depeschen aus anderen Kreisen: Verlust um Verlust. Noch ehe die letzten Nachrichten gekommen waren, leerte sich die Straße unter unseren Fenstern, und aus dem Saal schlich sich leise einer nach dem anderen. Es schlug Mitternacht, — die Nelken welkten schon im Korbe. Wir waren nur noch ein Häuf lein in dem großen öden Raum, — wir wollten uns nichts ersparen: die Schlacht war endgültig verloren.
Wenige Tage später — in der Nacht nach den Stichwahlen — gingen wir durch die Straßen Berlins: da kamen sie in langen Zügen, unsere Überwinder — kein Polizeisäbel, kein Schutzmannskordon hielt sie auf. Vor dem Königsschloß sammelten sie sich in schwarzen Massen. »Heil dir im Siegerkranz —« brausend stiegen die Töne durch die klare Winterluft zu dem hellen Fenster empor, an dem der sich zeigte, der heute in Wahrheit der Sieger war: der Kaiser.
Siebzehntes Kapitel
Vor einem halben Menschenalter war's. Ich stand allein auf Bergesspitze im Gewittersturm. Dicht über mir hingen die Wolken, aus denen das Wasser brausend in die Tiefe schoß, unter mir ballten sie sich zusammen und verdeckten jeden Ausblick auf stille Dörfer und freundliche Heimstätten. Der Donner rollte; die Berge antworteten ihm, — ein Gelächter der Riesen über das kleine Menschengeschlecht. Jeder Blitz öffnete die Wolkenwand; das Himmelsgewölbe dahinter stand in Flammen.
Ich aber konnte nicht vor, — nicht zurück. Ich mußte mich dem Wetter preisgeben, — und ich fürchtete mich — —
Wir lagen nächtelang wach. Jeder tat, als schliefe er, aus Schonung für den anderen. Unsere Arbeit lähmte Hoffnungslosigkeit. Wir lächelten, als wären wir froh, um dem anderen nicht wehe zu tun.
»Ilse meldet sich an —,« sagte Heinrich, als er eines Morgens die Post durchsah.
»Jetzt?!« rief ich erschrocken. Sie kam schon am nächsten Tage, hatte einen seltsam verängstigten Zug im Gesicht und ein erzwungen leichtsinniges Lächeln um die Lippen.
»Ich muß einmal wieder Großstadtluft atmen,« meinte sie; »die Stille bei uns ist oft schaurig.«
Mir schien, als zittere sie dabei. Von nun an war der Telegraphenbote unser häufigster Gast. Zuerst glaubte ich, ihres Mannes besorgte, sehnsüchtige Liebe käme in diesem Depeschenwechsel zum Ausdruck. Warum hatte sie denn nur jedesmal rote Augen, wenn ein Telegramm gekommen war?