Er hatte die Türe zu unserer neuen Wohnung mit Blumen bekränzen lassen. Daß ich sie nicht abriß, geschah nur, um ihm nicht wehe zu tun. Drinnen empfingen uns schon die stummen vertrauten Gefährten unseres Lebens. Aber an dem großen Schreibtisch stand jetzt nur noch ein Stuhl. Ich hatte ein eigenes kleines Zimmer.

»Das ist der erste Schritt zur Ehetrennung,« lächelte mein Mann, mit einem Blick auf mich, in dem eine ernste Frage lag. Ich blieb ihm die Antwort schuldig.

»Freust du dich denn gar nicht, daß all der Kram dir nun doch erhalten blieb?!« sagte er nach einer Pause in einem erzwungen leichten Ton. »Wie hast du darum gezittert, du armer Angsthase du!« Und wieder stieg mir das Blut ins Gesicht. Ich schämte mich, daß ich so hatte empfinden können.

»Dem, der mir dazu verhalf, werde ich immer dankbar sein,« sagte ich leise, — es war keiner der alten Freunde, keiner der offiziellen Vertreter der »Brüder lichkeit« gewesen! — »Aber mehr darum, weil ich doch noch einen Menschen mit warmem Herzen gefunden habe, als um der Stühle und Schränke und Kisten und Kasten willen ...«

Heinrich drückte mir die Hand. Dann nahm er eine der letzten Nummern der Neuen Gesellschaft aus dem Bücherschrank.

»'Solchen Menschen, welche mich etwas angehen, wünsche ich Leiden, Verlassenheit, Mißhandlung, Entwürdigung, — ich wünsche, daß ihnen das Elend der Überwundenen nicht unbekannt bleibt: ich habe kein Mitleid mit ihnen, weil ich ihnen das einzige wünsche, was heute beweisen kann, ob Einer Wert hat, oder nicht, — daß er standhält ...'« las er. »Diese Worte Nietzsches habe ich abgedruckt, weil sie meine eigene tiefe Überzeugung aussprechen.«

Seine Kraft verletzte mich fast. Ich wollte nicht überwinden. Es kam mir wie ein Verrat an meinem Kinde vor, wenn auch mich ein Gefühl ergriff, als ginge ich gestärkt einem neuen Leben entgegen. Ich pflegte mein Leid mit selbstquälerischer Wollust. Ich liebte es.

Aber — seltsam —: Je länger es neben mir herging, desto mehr wandelte sich sein gräßliches Medusenhaupt in das stille, ernste Antlitz eines Freundes. Es nahm mich bei der Hand und führte mich langsam, Schritt vor Schritt, — mein Herz ertrug es nicht anders, — einen hohen Berg hinauf. Und von da oben sah ich in das Tal meines Lebens. Ich erkannte seine großen Umrisse und geraden Linien, aber all die Hindernisse auf den Wegen — den Unrat auf den Straßen — sah ich nicht mehr.

Eines Tages trat mein Mann mit einem großen Strauß duftender Rosen in mein Zimmer.

»Zum Zeichen, daß ich dir wieder Blumen bringen kann,« sagte er lächelnd. Nun erfuhr ich erst von seiner Arbeit, von den Plänen, die ihrer Verwirklichung entgegengingen, — rein geschäftlichen Unternehmungen, denen er neben seiner literarischen Tätigkeit all seine Kräfte widmete, ohne sich eine Stunde der Ruhe, eine Pause der Erholung zu gönnen, — nur das eine Ziel im Auge: die drückenden Schulden zu zahlen, uns eine Existenz zu gründen und — er sprach es so leise aus, als ob er sich scheue, daran zu rühren — »dir dein Kind zurückzugeben.«