»Ich las gestern in einem Brief von Hegel einen Satz, der sich mir ins Gedächtnis geprägt hat,« fuhr ich fort, »'die theoretische Arbeit bringt mehr in der Welt zustande als die praktische; ist das Reich der Vorstellung revolutioniert, so hält die Wirklichkeit nicht stand'. Gerade wir Revisionisten haben diese tiefe Wahrheit fast vergessen. Sie auch, wie ich sehe. Und doch glaube ich, hätten wir ein Programm, das alle inzwischen zweifelhaft gewordenen Theorien beiseite ließe, alle praktischen Forderungen den Entscheidungen des Tages anheimgäbe und nur den Ausgangspunkt feststellte, — den Klassenkampf, — und das Ziel, — die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln; wir würden weniger zerrüttende Kämpfe in unseren Reihen haben, und Millionen Außenstehender würden nicht Mitläufer, sondern Parteigenossen werden.«
»Ich wundere mich, daß Sie bei Ihrem gründlichen Aufräumen den Klassenkampf nicht auch zum Fenster hinauswerfen,« spottete Reinhard mit einem Anflug von Ärger.
»Sie sind hellsehend, lieber Genosse,« entgegnete ich, »denn die Form, in die er vor einem halben Jahrhundert gezwängt wurde, ist freilich unbrauchbar geworden. Leute wie ich zum Beispiel haben keinen Platz in ihr. Man redet uns ein, und wir glaubten es, daß wir aus reinem selbstlosen Edelmut in die Partei eintraten; wir blieben infolgedessen, als nicht recht dazu gehörig, unsichere Kantonisten in den Augen der geborenen Klassenkämpfer. Ich bin inzwischen schon für mich allein von dem Kothurn dieses Edelmuts herabgestiegen und habe gefunden, daß ich mit demselben Recht wie der Arbeiter im Klassenkampf stehe. War ich nicht, mittellos, auf meine Arbeit angewiesen? War ich nicht abhängig von meiner Familie, also unfrei? Der hungernde Arbeiter sucht freilich in erster Linie Brot; aber das könnte ihm auch eine vernünftige bürgerliche Sozialreform sicherstellen. Er ist Sozialdemokrat, weil er mehr will: Freiheit. Genau dasselbe, wonach ich verlangte, als es mich in die Partei trieb; genau dasselbe, wonach Hunderttausende sich sehnen, — lauter Abhängige, — lauter geborene Klassenkämpfer, die die Partei mit ihrem engen: ›die Befreiung der Arbeiter kann nur das Werk der Arbeiter selbst sein‹, mit der ›Diktatur des Proletariats‹ als notwendiges Befreiungsmittel zurückstößt, im besten Falle nur duldet ...«
Wir waren vor der Tür meiner Wohnung angekommen.
»Selbst wenn Sie recht hätten, — was ich nicht weiß —,« sagte Reinhard; »die radikale Tradition ist viel zu stark innerhalb der Arbeiterschaft, als daß solch eine Programmänderung möglich wäre. Mir scheint auch, es würde immer noch etwas fehlen —«
Ich nickte. »Es fehlt noch immer etwas, — ja —,« meinte ich nachdenklich. Dann trennten wir uns.
Als mein Vortragskursus zu Ende war, bekam ich keine Aufforderungen mehr. An meinen Zuhörern lag das nicht; ihr regelmäßiges Erscheinen, ihr wachsendes Interesse zeugte dafür. Aber der Einfluß der Zionswächter des Radikalismus war stärker als sie.
»Nun haben sie dich wieder an der Arbeit verhindert,« sagte mein Mann ärgerlich.
»Es ist vielleicht für mich das beste,« meinte ich. »Zuviel Zweifelfragen sind in mir wach geworden. Jahrelang hat das Fieber der Tagesforderungen sie immer wieder unterdrückt. Jeder denkende Mensch sollte eigentlich die Möglichkeit haben, sich hie und da von der Welt zurückziehen zu können, um zu sich selbst zu kommen. Trappistenklöster für Ungläubige, — das wäre eine erlösende Einrichtung.«
»Möchtest du den Schleier nehmen?!« fragte er, — etwas wie Besorgnis sprach sich in seiner Frage aus.