Das Erbe meiner Großmutter befreite mich von einem gut Teil äußerer Sorgen. Und jetzt erst, da die Not, dieser Sklavenhalter, nicht mehr hinter mir stand, fühlte ich alle Striemen, mit denen ihre Peitschenschläge meinen Körper gezeichnet hatten. Ich sah die Blässe meiner Wangen, die Falten um meinen Mund, die müden Augen. Und doch wollte ich nicht alt sein, denn noch lag ein Leben vor mir, und ich wollte nicht häßlich sein, denn eine tiefe, tiefe Sehnsucht trieb mir heißes Blut durch die Adern.
Ich ging in ein Sanatorium in die Nähe von Dresden, um gesund zu werden. Unter dem Menschenschwarm aus der alten und neuen Welt, der sich dort ein Stelldichein zu geben schien, traf ich auch einen Bekannten: Hessenstein. Meinen alten Tänzer, einen der glänzendsten Kavaliere der Westfälischen Gesellschaft, hätte ich in dem grauhaarigen Mann mit dem gebeugten Rücken kaum wiedererkannt.
»Merkwürdig,« sagte er nach der ersten Begrüßung, »Sie sind immer noch Alix von Kleve! — Eben las ich Ihr Buch. Daraus erfuhr ich, daß Sie auch innerlich noch Alix von Kleve sind, oder — besser gesagt — daß Sie heimkehrten.«
»Wie meinen Sie das?« fragte ich lächelnd. »Ich brauchte nicht heimzukehren, denn ich war immer bei mir!«
»Auch als Sie noch zu den Singer, Stadthagen, Luxemburg, und wie die Zierden der Partei alle heißen mögen, gehörten?!«
»Ich war und bin Sozialdemokratin, — damit gehöre ich meiner Überzeugung, nicht den Menschen,« antwortete ich merklich kühler werdend.
»Wie, Sie sind nicht aus der Partei ausgetreten und konnten dies schreiben —,« er zog das Buch von der Großmutter aus der Tasche, »— das Werk eines vollendeten Aristokraten —«
»Sie haben einmal andere Ansichten gehabt, Herr von Hessenstein,« unterbrach ich ihn.
»Wer von uns hätte nicht törichten Träumen nachgehangen?!« meinte er.
Wir sahen einander oft, und es tat mir wohl, einem teilnehmenden Menschen von meinem Leben zu erzählen.