»Schon gut —,« unterbrach ich sie hastig und warf die Türe hinter mir ins Schloß.
Was nun?! Sie durfte nicht fort. Wirklich nicht?! Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. War es Furcht? Oder nicht vielmehr Freude — Freude, die wie ein orkangepeitschtes Meer alle Dämme überflutete, alles Denken begrub?! Allein — allein mit ihm — tage-, wochen-, monatelang! Ein ganzes Leben der Entsagung war kein zu teurer Preis dafür! Wenn sie wiederkam, würde ich gehen, — aus seinem Gesichtskreis still ver schwinden, — und zu ihr würde er zurückkehren, — zu ihr — und dem Kinde ...
Es klopfte. »Frau Dr. Brandt läßt gnädige Frau zum Abendbrot bitten —« »Ich komme —«
Wir saßen um den gedeckten Tisch: Brandt schweigsam, mit gerunzelten Brauen, die beiden kleinen Knaben — seine Söhne aus seiner ersten Ehe — verschüchtert und ängstlich von einem zum anderen blickend, ich, eine Unterhaltung mühsam aufrecht erhaltend; sie allein schien lustig, fast übermütig, ihre Augen flimmerten, ihre großen weißen Hände, die mir immer vorkamen, als hätten sie ein eigenes Leben, als wären sie junge Raubtiere, — bewegten sich ruhelos, streichend, klopfend, sich dehnend, um sich gleich wieder zur Faust zu ballen, auf dem Tisch. Das Mädchen kam und brachte einen Eiskübel mit einer Flasche Champagner. Brandt sah mißbilligend auf seine Frau. »Wie kannst du, Rosalie, — in deinem Zustand!«
Sie lachte.
»Nur heute, — wo wir ein Fest miteinander feiern und ihr dasitzt wie Ölgötzen und nicht lustig seid, — lustig wie ich! — Trinkt, Kinder, trinkt, so ein Abend kommt nicht so leicht wieder!« Sie stürzte das erste Glas in einem Zug hinunter. Und dann sprach sie unaufhörlich, fieberhaft. Von der Reise, die sie machen werde, von den Herrlichkeiten, die sie dafür schon eingekauft habe — »drei seidene Kleider und Hüte dazu, und einen Rohrplattenkoffer für zweihundert Mark, — mach' keine entsetzten Augen, Heinrich; ich weiß ja, du bezahlst es gern, — so gern!« —, von ihren Träumen. »Ich sehe immer denselben Mann, der mir winkt, zu dem ich hin muß,« — ihre Stimme sank und ihre Augen weiteten sich, daß das Weiße unheimlich groß um die dunklen Pupillen stand — »und der mir helfen wird.«
»Trinken Sie nicht mehr —,« bat ich erschüttert und legte meine Hand auf die ihre, die eiskalt war. Sie schüttelte sie ab wie eine lästige Fliege.
»Sie glauben, ich spräche im Rausch?!« sagte sie. »Sie irren. Ich bin nüchtern, ganz nüchtern, — ich weiß nur mehr als Sie, viel mehr, und — und ich glaube an Träume!«
»Bist du denn nicht eifersüchtig auf deinen Rivalen, zu dem ich reise?« Damit wandte sie sich mit einem lauernden Blick aus halb geschlossenen Augen an ihren Mann.
»Rosalie!« stöhnte er gequält. Rasch stand ich auf. Ich konnte die Blicke der Kinder nicht mehr ertragen.