Für die Kriegserklärung, die ich heute abzugeben hatte, war es die rechte Vorbereitung: kein weiches Gefühl konnte mich überwältigen, eiserne Entschlossenheit beherrschte mich. Zu einer Riesenkraft wollte ich die schwarze Menschenmasse vor mir zusammenschweißen, von einem unbeugsamen Willen beseelt. Und ich richtete die Paläste der Unternehmer vor ihren Augen auf, die ihre Arbeit gebaut hatte, und wies auf ihre üppigen Tafeln, die ihr Hunger deckte. Ich zeigte ihnen die seidenen Kleider ihrer Frauen und ihrer Mätressen, an denen der Schweiß der Arbeiterinnen klebte, und ihre Edelsteine, in denen das Augenlicht derer gefangen war, die es in nächtlicher Arbeit verloren hatten. Ich fühlte: schon war die Luft erfüllt vor unsichtbarem Sprengstoff. Und nun sprach ich von der kommenden Schlacht, die nichts sei als ein Teil des großen Krieges zwischen unverschuldeter Armut und schuldbeladenem Reichtum; sprach von alledem, was der Preis ihres Mutes, ihrer Ausdauer sein würde, und doch nur darum von unschätzbarem Werte sei, weil es sie geistig und körperlich fähig mache, den Menschheitsfeldzug bis zu Ende zu führen. »Eure Sache ist die Sache der ganzen Arbeiterschaft. Jede Schwäche von euch ist ein Verrat an ihr ...«
»Eine demagogische Hetzrede,« sagte jemand, als ich die Tribüne verließ. »Prachtvoll« — versicherte mir ein sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter händeschüttelnd. Ich sah fragend um mich: erstaunte, bewundernde, auch tränenfeuchte Blicke begegneten den meinen, aber vom Fieberfanatismus der Kriegslust bemerkte ich nichts. Verständnislose Verlegenheit lag zum Teil auf den abgehärmten Zügen der Frauen. »Was hat sie gemeint?« hörte ich flüstern. »Was sollen wir tun?« »Und wie gerade die Damenmäntel dann bezahlt werden, sagte sie nicht« — »ob wir gleich in die Betriebswerkstätten kommen?« — Mir sank der Mut. Heinrichs Lob — er hatte sich's nicht nehmen lassen, mich zu begleiten — schien mir von Mitleid diktiert.
Zu Hause fiel ich sofort in den Schlaf der Erschöpfung. Mitten in der Nacht fuhr ich entsetzt aus dem Traum; irgendein langgezogener Ton weckte mich. Ich sprang aus dem Bett. Aus den Fenstern drüben drang helles Licht. Die Schatten vieler Menschen bewegten sich hastig hin und her. Gellende Schreie klangen über den Hof.
Jetzt — jetzt wand sich das unglückselige Weib, das ich betrogen hatte, in gräßlichen Schmerzen, — und das Kind — meines Geliebten Kind! — kam zur Welt. Kalter Schweiß trat auf meine Stirne. Das flackernde Licht von drüben malte gespenstische Gestalten in mein Zimmer. Ein großes Ungeheures beugte sich über mich, die zusammengekauert, frostgeschüttelt am Fenster hockte. Es griff mir in den Nacken mit spitzen Krallen, es wuchs — wuchs, erfüllte den ganzen Raum — die Wohnung — das Haus — die Welt. »Ich bin die Schuld — deine Schuld!« gellte es in meinen Ohren mit dem letzten Schrei des Weibes drüben ...
»Es steht gut — Mutter und Kind sind wohl —« Heinrich stand vor mir, leichenblaß; »aber du —« er sah mich erschrocken an, wie eine schwere Krankheit lag die Nacht hinter mir, — »wenn du jetzt schon zusammenbrichst, wo das Schwerste bevorsteht!«
»Nachdem ich das überstanden, gibt es nichts Schwereres —«
Ich war in der nächsten Zeit fast nie zu Hause. Wenn ich früh erwachte, müde, als hätte ich kein Auge zugetan, so schien mir's, als stünde jenes große Ungeheure hinter mir, vor dem ich unaufhörlich die Flucht ergreifen mußte. Nur wenn ich draußen war, fern dem Bannkreis dieses Hauses, wenn die Not der anderen, die der Streik aufdeckte und gebar, sich zwischen mich schob und meine Schuld, atmete ich freier.
Ich saß auf der Reichstagstribüne, als die nationalliberale Interpellation, die Lage der Konfektionsarbeiterinnen betreffend, zur Verhandlung kam und alle bürgerlichen Parteien ihr arbeiterfreundliches Herz entdeckt zu haben schienen. Was noch kein preußischer Minister zu denken gewagt hatte — daß eine Arbeitseinstellung berechtigt sein kann —, das erklärte Herr von Berlepsch vor der deutschen Volksvertretung angesichts dieses Streiks. Kein Zweifel: der Riesenkampf, den die Ärmsten der Armen kämpften, wird kein vergeblicher sein, eine neue Ära sozialer Reformen bricht an. Und dem Verdikt des Reichstags werden die Unternehmer sich beugen müssen. Ich verstand nicht, warum der Redner der sozialdemokratischen Fraktion sich angesichts dieser Kundgebungen so skeptisch äußern konnte. Im ganzen Reich wurde für die Streikenden gesammelt. Neben den Bureaus der Streikkommission, in denen Streikkarten ausgestellt und Unterstützungsgelder gezahlt wurden, richteten bürgerliche Vereine Hilfsstellen ein, wo Nahrungsmittel und Kleidungsstücke zur Verteilung kamen.
Stolz, oft übermütig in ihrer Hoffnungsfreudigkeit stellten sich in den ersten Tagen die Streikenden ein. Von Unterstützung wollten sie nichts wissen, nur ihre Karten ließen sie sich geben.
»Wir halten aus,« sagte ein junges, bleichsüchtiges Mädel, und ihre Augen blitzten dabei. »Die Unternehmer haben uns für sich hungern lassen, nun hungern wir mal für uns selber —« und, ein Liedchen trällernd, war sie wieder draußen. Selbst auf den Ge sichtern alter müder Frauen lag ein stilles Leuchten. Ein halbwüchsiger Bengel, der in Begleitung seiner Mutter kam, verkündete triumphierend: »Wir arbeeten jetzt for drei, damit Muttern feiern kann,« und lächelnd streichelten ihre zerstochenen Finger seine Wange: »Nu kommen ooch janz andere Zeiten!«