Draußen im Garten knirschte der Kies, — das Weinlaub am Fenster bewegte sich, — schlich nicht ein Schatten leise vorüber? — O, warum kommst du nicht, — sind meine Arme nicht weich, lockt nicht mein Busen wie Perlmutter glänzend in der Stille der hellen Mondnacht? Was geht mich die Welt an?! Die sanften Höhen dieses blühenden Tales umschließen die meine! Und die Menschen? Da doch niemand ist, als ich und du! Und die Vergangenheit? Sie gehört uns nicht mehr! Und die Zukunft? Nichts ist unser als dieser Frühlingsnacht zauberische Gegenwart! — —

Aus kurzem, schwerem Morgenschlaf erwachte ich müde und einsam. Wir trafen uns in der Rosenlaube, und die Spuren nächtlicher Kämpfe lagen auch auf seinen Zügen.

Der Telegraphenbote riß uns aus der Versunkenheit unserer trüben Stimmung. Eine Depesche von Heinrichs Rechtsanwalt: »Frau Brandt verlangt Schlüssel Ihrer Wohnung, kehrt nach Berlin zurück. Stimmung nach Mitteilung ihres Anwalts wesentlich verändert.« Das Telegramm war uns von Bozen nachgesandt worden und trug das Datum von vorgestern. »Ich muß nach Berlin — sofort —. Sie kann alles zerstören,« knirschte Heinrich, »und du — du Arme?!« »Zunächst begleite ich dich, — alles weitere besprechen wir unterwegs.«

In sausender Fahrt ging es bergab. Die Peitsche des Kutschers pfiff über die schweißtriefenden Pferde. Wir mußten den Schnellzug erreichen. Unterwegs be kam ich einen Herzkrampf. Als ich wieder zu mir kam, ratterte der Wagen über das Pflaster Trients, und Heinrichs angstentstelltes Gesicht beugte sich über mich. »Wirst du weiter können?« Ich nickte. Man hob mich in den Zug. Ich erholte mich soweit, um ruhig denken zu können. Dicht bei Brixen lag unter großen Nußbäumen ein kleines Dorf, Vahrn genannt; dort wollte ich bleiben, bis —. »Bis alles gut ist, mein armer Liebling,« flüsterte er; »wenn ich nur sicher wäre, daß du deiner Angst, deiner Aufregung Herr wirst, — für mich ist der Kampf ein Kinderspiel —« Der Triumph des Sieges blitzte schon aus seinen Augen. In Brixen blieben uns noch ein paar Stunden bis zum Abschied. Auf der Post fand sich ein Brief an mich von der Mutter mit einer Beilage in verstellter Schrift: »Diesen anonymen Wisch bekam ich soeben. Ich habe ihn, Gott Lob, vor Hans verstecken können. Da aber Wiederholungen, womöglich direkt an ihn gerichtete, wahrscheinlich sind, und ich von deinem Anstandsgefühl doch noch so viel erwarte, daß der Inhalt dieses Schriftstückes eine Verleumdung ist und Dr. Brandt nicht mit dir reist, so ersuche ich dich, zu veranlassen, daß er uns seine Anwesenheit in Berlin auf irgendeine Weise dokumentiert ...«

»Bereits morgen wird das geschehen,« sagte Heinrich, »du stehst, wie notwendig es ist, daß wir das Opfer dieser Trennung bringen. Es wird die letzte sein!«

Mit einem leisen Vorwurf sah ich ihn an: »Fast scheint's, als freutest du dich, daß du fort mußt!«

»Ich freue mich der Hindernisse, die sich uns in den Weg legen. Mir wäre bange geworden vor der Größe meines Glückes, wenn sein Besitz keine Opfer kosten würde.« Ich schämte mich meiner Trauer, und wir nahmen Abschied voneinander, fast als wäre es ein Willkommen.

Im Turmzimmer des Gasthofes zu Vahrn zog ich am selben Abend noch ein. Von meinem Fenster sah ich ins Schalderer Tal mit seinen dunkeln Fichten am klaren Bach. Stundenlang saß ich hier in wachen Träumen. Zuweilen folgte ich dem stillen Waldweg bis hinauf nach Schalders. Aber es mußte ein heller Tag sein, sonst fürchtete ich mich und sah, wie einst als Kind, hinter jedem Baum Gespenster lauern. Abends stieg ich nach Salern hinauf und saß zwischen dem alten Gemäuer der Ruine bis breite Bergschatten das Tal von Brixen verhüllten und die Spitzen der Dolomiten fern am Horizont aufglühten wie verlöschende Fackeln.

Des Nachts aber kamen die finsteren Gedanken. Dann las ich wieder und wieder seine Briefe und suchte zwischen den Zeilen, was er aus Schonung verschweigen mochte: »Rosalie macht Besuche bei allen Bekannten, und ich sehe an den Mienen der Leute, was sie erzählt —«, sie suchte Zeugen gegen mich; der Preis der Scheidung würde die Verhinderung unserer Heirat sein! »Sie hat neuerdings Freunde im Egidyschen Kreis« —, sie suchte eine Verbindung mit den Eltern, sie wird zum Vater gehen, ihm erzählen, — und er ertrüge es nicht, so nicht, — er würde Heinrich vor die Pistole fordern!

Noch geschah nichts dergleichen. Meines Vaters Briefe waren erregt, aber nur über die Ereignisse des Tages: die Verurteilung Hammersteins wegen Urkundenfälschung zum Zuchthaus, »ein Menetekel für den Adel, dessen junger Nachwuchs das goldene Kalb umtanzt und dabei unabweisbar dem Schwindel verfällt,« den Austritt Stöckers aus der konservativen Partei, »dieses tüchtigen Mannes, den die Sozialdemokraten mit ihrer verdammten Manier der Veröffentlichung von gestohlenen Privatbriefen auf dem Gewissen haben,« über die in seinen Jubiläumsreden stets deutlicher zutage tretenden Weltmachtgelüste des Kaisers, »die uns vom erprobten geraden Wege altpreußischer Sparsamkeit und dem bewußten Sichbescheiden auf den angestammten Boden und seine Bearbeitung in die Politik abenteuernder Seefahrer hineinreißt.« Ich mußte mein Erinnerungsvermögen immer erst mühsam auf die Welt außer mir einstellen, wenn seine Briefe Antwort heischten.