Und sie war da. Glühend in junger Liebe, als küsse sie die Erde zum erstenmal. In der heißen Umarmung ihrer Strahlen ward die keusche Braut zum Weibe, das sich dem Geliebten schrankenlos hingibt. Sie warf die dunkeln Schleier von sich, in die sie sich eben noch scheu gehüllt hatte, und auch die letzten weißen duftigen Hüllen zerriß sie. In ihrer prangenden Schöne stand sie vor ihm, die schimmernde weiße Stirn stolz gen Himmel gehoben, den schneeigen Busen rosig überhaucht von dem Gruß dessen, der sie erlöste.
Wir standen ganz still und schauten uns an und lasen einander die Gedanken von den stummen Lippen. Auf dem Weg durch die Nacht und empor bis hierher, hatten wir die Vergangenheit noch einmal durchlebt, zusammengedrängt in wenige Stunden. Nun aber war es vorüber. Der Gipfel war unser. Und über das Schneefeld hinab, der Sonne zu, lag eingebettet in grüne Matten ein kleines, helles Haus. Mit dem Bergstock, dessen Spitze rote Alpenrosen schmückten und weiße Edelweißsterne, wies ich hinab. »Dort will ich Hochzeit halten,« flüstere ich. Da hob mich der Liebste jubelnd hoch empor, und miteinander sausten wir über den Schnee in die Tiefe.
»Arg verliabt san's,« brummte der Führer gutmütig, als wir aufatmend unten standen.
Zitherspiel und Gesang empfing uns in der Dominikushütte. Ein paar junge Männer, Studenten mit blondem Kraushaar und blitzenden Augen, saßen um den Tisch, und ihre Stimmen füllten den Raum mit lauter Frohsinn. Seil, Steigeisen und Eispickel lagen neben ihnen; die verstaubten Stiefel und die braunen Gesichter bewiesen: sie waren echte Höheneroberer. Solche Söhne will ich haben —, zog es mir durch den Sinn, als spräche es aus unbekannter Tiefe meines Wesens.
Feierlich, mit Millionen goldenen Sternen am Himmel, senkte sich die Nacht in das Tal. Von Wiesen und Wäldern ein starker Duft füllte unsre braune Kammer. Und leise Winde, die von den Gipfeln kamen und noch keinen Staub getragen hatten, flüsterten in den Fichten vor dem Fenster. Da bin ich sein Weib geworden ...
Fünftes Kapitel
Warme Augustsonne flutete durch alle Zimmer und brütete unten in gewitterschwangerer Hitze auf den jungen Anlagen des Lützowplatzes. Unruhig wanderte ich von einem Raum in den anderen, rückte auf dem mächtigen Doppelschreibtisch, den wir uns zu gemeinsamer Arbeit hatten machen lassen, die Bilder der beiden Buben, die nun meine Stiefsöhne waren, noch ein wenig in den Vordergrund, ging in ihr Zimmer mit dem blumengeschmückten Balkon, von dem aus der Blick geradeaus weit über die dichtbelaubten Bäume am Kanal schweifen konnte und rechts die Straße hinauf bis in die grüne Tiefe des Tiergartens, strich mechanisch die Bettdecken glatt und steckte den Kanarienvögeln, mit denen ich die Kinder überraschen wollte, ein paar Kuchenkrümel zu, die ich nebenan vom reichbesetzten Vespertisch geholt hatte. Immer wieder zog ich die Uhr: gleich mußten sie kommen, schon eine Stunde fast war Heinrich fort, um sie am Anhalter Bahnhof in Empfang zu nehmen. Ich lief durch unser Schlafzimmer mit seinen hellen Möbeln und meergrünen Vorhängen auf die breite Loggia hinaus: von hier würde ich sie zuerst entdecken, wenn sie vom Lützowufer auf den Platz einbiegen würden. Ich musterte erwartungsvoll alle Menschen. Von der luftigen Höhe meines vierten Stockes glichen sie aufgezogenen Puppen, wie sie die Händler um Weihnachten auf dem Asphalt laufen lassen. Und der Herkules auf der Kanalbrücke sah wie ein Knabe aus, der mit seinem Pudel spielt.
Wehte dort nicht jemand grüßend mit einem weißen Tuch? Richtig: es war der kleine, schwarze Hans, der dem Vater und dem Bruder voranlief. Ich hatte doch rechtes Herzklopfen. »Du wirst sie lieb haben, meine Kinder,« hatte Heinrich gesagt, ehe er ging. Und mein »Ja« war aus vollem Herzen gekommen. Nun aber war mir bang. Sie waren bei ihrer Mutter gewesen —, würden sie der jungen Frau ihres Vaters nun nicht wie einer Feindin begegnen? Würde all meine Liebe, die ich ihnen entgegenbrachte, weil sie Heinrichs Söhne waren, ihr Mißtrauen besiegen können?
Sie stürmten die Treppe hinauf. »Fein, daß du jetzt die Mama bist!« rief Wölfchen. Hans sah mich nur groß an und kramte in seinem Rucksack nach einem halbverwelkten Alpenrosensträußchen, das er mir mitgebracht hatte. »Ihr müßt recht brav sein, damit Ihr so eine gute Mama verdient,« sagte Heinrich. Ich warf ihm einen flehenden Blick zu. Er sollte mich nicht loben, — jetzt, da sie von der eigenen Mutter kamen. Aber ich hatte ihnen wohl tiefere Empfindungen angedichtet, als sie besaßen. Sie waren vergnügt, selbst Hans wurde gesprächig; und als ich sie zu Bett brachte, waren sie ganz von selbst zärtlich zu mir geworden.
»Ich danke dir, Alix,« sagte Heinrich mit warmer Betonung. »Noch hast du zum Dank keine Ur sache,« antwortete ich. Mir war seltsam beklommen zumute.