»Die Regierung würde auf unsere schönsten sozialpolitischen Kongresse pfeifen, und die Folge wäre nur eine Verwischung des Klassencharakters der Bewegung« — Adolf redete sich in steigende Erregung hinein; jede Unterhaltung schien sich in der Familie Brandt zum Streit auszuwachsen; — »selbst einen verlorenen Streik, der sie trotz alledem stärkt, weil er die Erbitterung steigert, ziehe ich einem Liebäugeln mit bürgerlicher Sozialreformerei vor. Und was den Alten betrifft —, ich möchte sehen, was du tätest, wenn du mit ihm in der Redaktion säßest!« — »Mich zanken — höchst wahrscheinlich! Aber nicht vor der Öffentlichkeit!« Ich hielt den Augenblick für kritisch und stand auf. »Übrigens habe ich noch was für dich, Schwägerin,« sagte Adolf und begann seine sämtlichen mit Papieren vollgestopften Taschen vor uns auszuleeren. Endlich fand sich der Zeitungsausschnitt, den er suchte.
Ich las: »Zur Palastrevolution im Vorwärts — cherchez la femme! Wir erhalten von authentischer Seite folgende interessante Aufklärung über die tieferen Beweggründe der Empörung der Vorwärtsredaktion gegen ihren Chef, Wilhelm Liebknecht. Frau von Glyzcinski, alias Fräulein Alix von Kleve, heiratete kürzlich Dr. Brandt, einen der Vorwärtsredakteure. Ihr brennender Ehrgeiz, der das Ziel verfolgt, das Zentralorgan der Partei in die Hand zu bekommen, ist es, der die Intrige an zettelte. Eine Dynastie Brandt dürfte die Dynastie Liebknecht nunmehr ablösen.« »Verlogenes Pack!« knirschte Heinrich. Adolf lachte. »Beruhige dich,« sagte er zu ihm, »wir bringen heute schon eine Berichtigung —« »Und wir gehen sofort zu Liebknechts, um der Geschichte die Spitze abzubrechen.«
Adolf hielt uns noch einmal zurück: »Ich rate euch dringend, den Besuch zu unterlassen. Der Alte kümmert sich freilich um keinerlei Geklatsch, aber Frau Natalie erzählt in allen Parteikaffeekränzchen Räubergeschichten über euch, die sie von deiner geschiedenen Frau gehört haben will. Sie ist euch noch feindseliger gesinnt als Leo.« »Leo?!« wiederholte Heinrich überrascht. So hieß jener Freund, auf dessen enthusiastische Schilderung hin er die Bekanntschaft Rosaliens gesucht hatte. »Das weißt du nicht?!« staunte Adolf. »Jedem, der es hören oder nicht hören will, zählt er haarklein deine Sünden auf: daß du Rosalie gezwungen habest, nach England zu gehen, um hier — na, sagen wir: ungestört zu sein, daß du sie selbst im Wochenbett nicht geschont, sondern ihr die Einwilligung zur Scheidung durch unaufhörliche Quälerei erpreßt hättest und sie, kaum daß sie aufstehen konnte, mit dem Säugling aus dem Hause getrieben hast.« Heinrich war außer sich. Einer seiner besten Freunde war Leo gewesen, und er verurteilte ihn, ohne ihn gehört zu haben!
Wir gingen schweigsam nach Hause. Auf dem Lützowplatz sah ich Frau Vanselow uns entgegenkommen. Sie bemerkte uns, stutzte und bog hastig in einen Nebenweg ein. Heinrich sah mich forschend an und zog, wie zum Schutz, meinen Arm durch den seinen. »Mach dir nichts draus, Schatz. Es ist alles Gesindel! Du stehst zu hoch, als daß es dich verletzen könnte.« — »Und dich?!« fragte ich und zwang mich zum Lächeln. Er biß sich die Lippen und schwieg.
Fast immer, wenn ich ausging, hatte ich ähnliche Begegnungen: Kein Zweifel, meine alten Gefährtinnen aus der bürgerlichen Frauenbewegung wollten mich nicht mehr kennen. Frau Schwabach ging mit hoch erhobenem Kopf vorüber, wenn sie mich sah, und ich erfuhr aus den Zeitungen von den Vorbereitungen zum internationalen Frauenkongreß, den einzuberufen ich im Frühjahr noch mit beschlossen hatte. Man lud mich zu keiner Sitzung mehr ein, es fehlte nur noch, daß man mir das Referat über die Arbeiterinnenfrage fort genommen hätte, das mir seit Monaten übertragen worden war. Ich schrieb an Frau Morgenstern, um sie daran zu erinnern. Sie antwortete in sichtlicher Verlegenheit: »Wir glaubten nicht, daß Sie noch Wert darauf legten, geschieht es dennoch, so können wir Sie natürlich nicht hindern.«
Nach all diesen Erfahrungen sah ich dem Besuch bei Bebels nicht ohne Herzklopfen entgegen, obwohl wir zu unserer Hochzeit ein Glückwunschschreiben erhalten hatten. Vielleicht war das nichts als eine Höflichkeit gewesen; ich fing an, mißtrauisch zu werden, und etwas wie Verbitterung bemächtigte sich meiner. Um so freudiger war ich überrascht, als die gute Frau Julie uns herzlich willkommen hieß. Vor Rührung und Dankbarkeit wäre ich ihr fast um den Hals gefallen. Und wenn ich in Bebel bisher den Vorkämpfer des Sozialismus bewundert hatte, — von dem Augenblick an, wo er mir mit einem freundlichen: »Nun sind Sie ganz die unsere« kräftig die Hand schüttelte, verehrte ich ihn um seiner Menschlichkeit willen.
Ich beklagte mich über die Behandlung durch die vielen anderen, — selbst durch Parteigenossen. »Sie wundern sich noch, daß Ihre Geschichte so viel Staub aufgewirbelt hat?!« sagte Bebel. »Da kennen Sie unsere männlichen und weiblichen Philister schlecht! In der Theorie läßt man sich allerlei bieten, aber in der Praxis — nein, das geht doch nicht! Wo bliebe da die Moral!! Meine Frau und ich haben schon schwer für Sie kämpfen müssen —«
»So laß doch, August, — das erzählt man doch nicht!« wehrte Frau Julie errötend ab, während ich ihr dankbar die mütterlich-weiche Hand drückte.
»Warum denn nicht?« meinte er. »Es ist besser, Brandts sind orientiert, als daß sie täglich aufs neue unangenehm überrascht werden.«
»Ich hörte, daß Leo sich sehr feindselig benimmt?« fragte Heinrich.