»Die Zeit war unglücklich gewählt,« meinte er schließlich zögernd.

»Warum sagen Sie nicht lieber gleich, was die linksliberale Presse zu ihrer Rechtfertigung feierlich erklärte, « rief ich empört, »daß die starke Beteiligung unserer Partei den Kongreß von vorn herein zu einem sozialdemokratischen gestempelt habe und preußische Professoren daher nicht hingehörten!«

Er unterbrach mich: »Sie wissen genau, daß der Vorwurf eines Mangels an Mut mich nicht treffen kann!« Ich dachte an das rote Buch und lenkte ein. Aber die gegenseitige Verstimmung wich erst allmählich dem Interesse am Gegenstand unseres Gesprächs.

»Die blutige Wanda hat, wie ich gelesen habe, in Zürich auch die Frauenfrage gelöst,« sagte Romberg mit einem sarkastischen Lächeln.

»Ich fürchte, jede ›Lösung‹ ist nur der Ausgangspunkt neuer Probleme,« erwiderte ich.

Romberg warf mir einen überraschten Blick zu: »Wie, — auch Sie beginnen, an der Unfehlbarkeit Ihrer Päpste zu zweifeln?! Das wird ja immer besser: Schönlank putzt den alten Liebknecht herunter wie einen Schulbuben und weist ihm nach, daß die Verelendungstheorie angesichts der gestiegenen Lebenshaltung der Arbeiter zum alten Eisen geworfen werden muß wie das eherne Lohngesetz seligen Angedenkens; Bebel tritt für die Beteiligung an den Landtagswahlen ein, was ein Preisgeben eines mit aller Lungenkraft verteidigten Prinzipes ist, und Alix Brandt wird zur Antifeministin — —«

»Wenn Ihre Zusammenstellung eine Berechtigung hat, so ist es die, daß meine Zweifel ebensowenig zum Antifeminismus führen, wie Schönlanks oder Bebels Negationen veralteter Anschauungen zum Antisozialismus.«

»Also auch hier nur eine Revision des Programmes?«

»Auf Grund der Revision der Erfahrungen, die wir durchgemacht haben, — gewiß! Übrigens fehlt es ja der Frauenbewegung noch an jedem Programm, weil es ihren Problemen an der wissenschaftlichen Formulierung fehlt.«

»Das wäre eine Aufgabe, die Sie lösen müßten,« meinte Romberg lebhaft.