Ich dachte an meinen Vater: mit welch verächtlichem Naserümpfen hatte er früher über Künstlerehen gesprochen. Sollten für seine Töchter keine seiner heißen Wünsche in Erfüllung gehen?
»Du wirst dich auf harte Kämpfe gefaßt machen müssen, —« sagte ich, und mein Blick haftete auf ihren kleinen, kraftlosen Händen. »Ich laufe davon, wenn Papa es nicht zugibt,« rief sie.
Noch am selben Tage besuchte ich Erdmann. Mein Schwesterchen war einmal mein Kind gewesen, sie war es mir von dem Augenblick an wieder, wo sie schutzbedürftig vor mir stand.
Als der Mann, den sie liebte, mir in seinem Atelier entgegentrat, war mein erstes Gefühl das des Schreckens: wie bleich war er, wie groß und schmal, wie seltsam durchsichtig waren seine schlanken, langfingrigen Hände. Aber die Art, wie er mit mir sprach, ließ mich über den Menschen seine Erscheinung vergessen.
»Ich liebe Ihre Schwester und werde sie heiraten,« antwortete er auf meine Frage. »Freilich: Ilse stellte mir eine Bedingung, —« fügte er lächelnd hinzu, »du mußt Alix gefallen, sagte sie.«
»Das dürfte weniger schwer sein, als daß Sie ihren Eltern, vor allem dem Vater, gefallen müssen,« meinte ich.
»Gegen den härtesten Schädel hat sich noch immer der meine als der härtere erwiesen,« entgegnete er.
»Aber Ilse ist weich; ob sie schweren Kämpfen gewachsen sein würde?!«
»Gerade weil sie so zart ist, liebe ich sie, und nehme alle Kämpfe auf mich, — nur ihrer Treue muß ich sicher sein.« Dabei funkelten seine Augen. Ein starkes Temperament schien sich hinter den leichten Formen zu verstecken; würde die kleine Ilse es ertragen können?
»Sie ist noch sehr jung,« warf ich noch einmal ein. »Um so besser,« — ein warmer Glanz echter Freude verschönte seine Züge, — »wir Künstler brauchen leere Leinwand und unbehauenen Stein.«