Hans geht es schlecht, kommt bitte gleich —« Meine Mutter schickte diese Zeilen. Wir fuhren in die Ansbacherstraße. Auf seinem Lehnstuhl saß der Vater, halb angezogen, mit blaurotem Gesicht und blutunterlaufenen Augen. Gepackte Kisten standen umher, öde starrten uns die vorhanglosen Fenster entgegen, grauer Staub lag auf den abgeräumten Tischen.
»Ich will nicht zu Bett, — ich will nicht,« stöhnte der Kranke. Der Mutter liefen die Tränen über die abgehärmten Wangen.
»Er stößt mich zurück, wenn ich ihm helfen will,« flüsterte sie. Der Arzt trat ein. Mit gewaltsamer Anstrengung erhob sich der Vater, stützte sich mit beiden Händen auf den Tisch vor ihm und schrie, während die Augen ihm aus den Höhlen zu treten schienen: »Hinaus — hinaus! Ich mag keinen Quacksalber!« —
Dann brach er zusammen, krallte die Hand in die linke Seite, — langsam wich die Farbe aus seinen Zügen; willenlos ließ er sich ins Schlafzimmer führen, den Kopf tief gesenkt, schwankend, mit kleinen, unsicheren Schritten. Im Bett lag er ganz still. Nur die Augen, die merkwürdig groß und klar geworden waren, sprachen, was die Lippen nicht sagen konnten.
Während Heinrich und Erdmann von den neuen Mietern der Wohnung, die sich zu einem Aufschub des Einzugs nicht verstehen wollten, zum nächsten Krankenhaus fuhren, um die Übersiedlung dorthin vorzubereiten, und die Mutter mit Ilsens Hilfe draußen das Notwendigste zusammenpackte, war ich allein bei dem Kranken.
Wir redeten miteinander. Seine Augen bohrten sich forschend in meine Züge. »Du kannst ruhig, — ganz ruhig sein, lieber Papa. Ich bin vollkommen glücklich —,« versicherte ich. Sie leuchteten auf, um sich gleich darauf in jäher Angst, halb geschlossen, wieder auf mich zu richten. »Ich liebe dich, Papa, ich habe nie aufgehört, dich zu lieben,« antwortete ich mit tränenerstickter Stimme. Um seine blassen Lippen zuckte ein leises Lächeln, seine schwache Hand versuchte, die meine zu umschließen, die Lider deckten sekundenlang die stahlblauen Pupillen, — dann zuckten sie schreckhaft wieder empor. Eine einzige, ungeheure, verzweifelte Frage starrte aus diesen Augen, in die das ganze Leben sich zu einer letzten Zuflucht zusammendrängte. Ich verstand. Vorsichtig löste ich meine Hand aus der seinen und ging hinaus — »Mama!« rief ich leise. Sie kam. Ich sah noch zwei Hände, die sich zitternd ihr entgegenstreckten, — dann zog ich die Türe hinter mir ins Schloß ...
Als der Krankenwagen vorfuhr, trat sie aus dem Zimmer, bleich, regungslos, wie versteinert. »Er schläft,« sagte sie. Ich beugte mich über ihn: wie ein Hauch schwebte der Atem nur noch von seinen Lippen. Die Augen waren geschlossen, das Gesicht weiß und still, beherrscht von einem Ausdruck feierlichen Ernstes.
Zu Hause lief mir mein Kind entgegen. »Apapa dehn!« schrie es ungeduldig. Es war die Stunde seiner täglichen Ausfahrt. Ich schüttelte traurig den Kopf. Da fing es an herzbrechend zu schluchzen.
Noch zwei Tage atmete der Sterbende. Mit einer Ruhe, von der ich nicht wußte, ob ich sie bewundern oder mich vor ihr entsetzen sollte, ordnete die Mutter alles an, als wäre er schon gestorben.
Angstvoll sah ich hinüber zu dem starren Gesicht in den weißen Kissen. »Er ist ohne Bewußtsein,« hatte der Arzt versichert. Zuweilen aber schien mir, als hörte er noch, als sähe er mit geschlossenen Augen, als ginge ein Beben durch seinen Körper.