Um diese Zeit erschien Eduard Bernsteins längst erwartete Broschüre: »Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie.« Sie faßte zusammen und führte aus, was er ein Jahr vorher in seiner Artikelserie über die Probleme des Sozialismus gesagt hatte. Jetzt, wo die erste Erregung hinter mir lag und ich mit ruhigem Verstand zu lesen vermochte, spürte ich den Einfluß der englischen Fabier, der Webb, der Shaw, der Burns, in deren geistiger Atmosphäre dies Buch entstanden war. Ich spürte aber auch den deutschen Ge lehrten, der der rauhen Luft Preußens seit Jahrzehnten entwöhnt war und es in seiner stillen londoner Studierstube, fern der Heimat, verfaßt hatte. Er konnte drüben nicht wissen, wie der deutschen Partei im Augenblick jede Aufnahmefähigkeit für theoretische Erörterungen gebrach, und wie der Masse der Parteigenossen, die sich von allen Seiten in ihrer physischen und rechtlichen Existenz bedroht sahen, seine Mahnung, den Liberalismus nicht zurückzustoßen, zu handeln wie eine demokratisch-sozialistische Reformpartei, als blutiger Hohn erscheinen mußte. Wo waren denn die freigesinnten Elemente der Bourgeoise, auf die es sich verlohnte, Rücksicht zu nehmen, um mit ihnen gemeinsam demokratische Forderungen durchzusetzen? Sie entflammten in schöner Begeisterung für Völkerfreiheit, — wenn es sich um den Kampf der Buren gegen die Engländer handelte. Sie empörten sich wider Unrecht und Vergewaltigung, — wenn von Dreyfus und dem französischen Generalstab die Rede war. Es kam sogar etwas wie ein Entrüstungssturm zustande, als das Zentrum die Kunst in die Ketten kirchlicher Moral zu legen drohte, — aber dem Urteil von Löbtau, das neun Maurer, die sich mit ihren über die schwer errungene zehnstündige Arbeitszeit hinaus arbeitenden Kollegen in eine Schlägerei verwickelten, mit Zuchthaus bestrafte, standen sie stumm und kalt gegenüber.

So sehr ich mich genötigt sah, der theoretischen Kritik Bernsteins zuzustimmen, so wenig seiner Auffassung von der Notwendigkeit eines Paktierens mit dem Liberalismus. »Wer nicht mit uns ist, der ist wider uns —.« Getäuschte Liebe trägt die Maske brennenden Hasses; darum urteilt der Renegat über die Klasse, die er verließ, am schärfsten. Wo waren all die, auf die ich gerechnet hatte? Ein einziger hatte seitdem den Weg zu uns gefunden: Göhre. Alle anderen starrten geblendet in die Fata Morgana deutscher Zukunftsweltmacht.

»Ich habe den Genossinnen einen Vorschlag zu unterbreiten,« begann Martha Bartels in einer unserer Frauensitzungen. »Unter uns ist kaum eine, die nicht wenigstens die Bernsteindebatten im Vorwärts verfolgt hätte. In engeren Parteikreisen haben wir wohl auch Gelegenheit gehabt, uns darüber auszusprechen und Belehrung durch andere zu empfangen. An einer großen öffentlichen Auseinandersetzung fehlt es leider noch. Ich beantrage, Genossin Orbin zu bitten, in öffentlicher Volksversammlung einen Vortrag über den Streit, der uns so nahe angeht, halten zu wollen.«

Mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit stimmte man ihr zu. Ich wußte, daß es Wanda Orbin selbst gewesen war, die ihr diesen Gedanken souffliert hatte. Sie wütete in der »Freiheit« gegen Bernstein. »Soweit es sich um die Erörterung der praktischen Vorschläge Bernsteins handelt, scheint auch mir der Antrag annehmbar,« sagte ich. »Seine Theorien aber sind doch wohl kein Thema für eine öffentliche Volksversammlung.«

»Genossin Brandt hält uns mal wieder für zu dumm,« hörte ich die schrille Stimme der rotäugigen Stickerin sagen. »Bernstein meent ja ooch, daß wir noch nich reif sind,« meinte eine andere mit einem giftigen Blick auf mich, »er is nischt als so'n verkappter Bourgeois, der uns zum St. Nimmerleinstag vertrösten will, damit's ihm nich an den Schlafrock jeht.«

Ich hielt diesem Ausbruch proletarischer Eitelkeit, die die Partei groß gezogen hatte, ruhig stand. Die apodiktische Sicherheit, mit der die Partei in ihrer Presse ihre Ansichten vertrat; die verflachende Popularisierung der Lehren ihrer Vorkämpfer, durch die sie sie den Massen mundgerecht machte; der Hohn, mit dem sie die Äußerungen »bürgerlicher Wissenschaft« überschüttete, konnten keine andere Wirkung haben.

»Wie wär's, wenn Genossin Brandt das Korreferat übernähme?« fragte Ida Wiemer, die vor allem gewerkschaftlich tätig war und infolgedessen zu einer weniger radikalen Auffassung neigte.

»Selbst wenn Sie das wünschen, müßte ich nein sagen,« antwortete ich rasch; »ich bin außer stande, theoretische Fragen zu beurteilen, die einen Mann wie Bernstein jahrelang beschäftigt haben, ehe er eine Antwort fand.« Rings um mich sah ich spöttisches Lächeln in den Mienen, Ida Wiemer senkte errötend den Kopf, als schäme sie sich für mich.

Tatsächlich hätte ich nicht törichter vorgehen können: Nur wer keck alles zu wissen und zu können behauptet, verschafft sich Ansehen in der Öffentlichkeit. Ich hatte mir eine Blöße gegeben, die mir nicht vergessen werden würde.

Luise Zehringer sprach nach mir, eine Genossin aus Hamburg, eine Zigarrenarbeiterin mit harten vermännlichten Zügen. Es fehlte ihr, auch in dem Klang der Sprache, jede Spur von Weiblichkeit. Ein ernstes Ar beitsleben von Kindheit an hatte der ganzen Erscheinung jede Weichheit genommen.