»Du bist erstaunt?« lächelte sie. »Du wirst es noch selbst erfahren, wie die Pflicht für andere zu leben uns Frauen fast bis zur Selbstvernichtung treiben kann.« Ich fand keine Antwort. Wie unglücklich mußte sie gewesen sein, — und wie unglücklich gemacht haben, da sie fünfunddreißig Jahre lang nur aus Pflichtgefühl die Ketten der Ehe getragen hatte!

»Im nächsten Winter werde ich mich hier in einer Pension etablieren,« fuhr sie fort, »du glaubst nicht, wie allein der Gedanke mich beruhigt, alle Haushaltsquälerei los zu sein!« Und sie war scheinbar in ihrem Haushalt aufgegangen!

»Was geschieht aber dann mit den Möbeln?« fragte ich, um nur irgend etwas zu sagen.

»Ich habe heute das letzte verkauft — —«

»Verkauft?!« Ich starrte sie entgeistert an. Wie?! Ohne uns, ihren Kindern, auch nur eine Mitteilung da von zu machen, hatte sie all die hundert lieben Dinge, die ein Stück Heimat für mich gewesen waren, achtlos in alle Winde verstreut?! Des Vaters Schreibtisch mit den geschnitzten Eulen, — den alten Stuhl davor, — die Reiterpistole! Ich strich mir mechanisch mit der Hand über die heiße Stirn, um den bösen Traum zu verscheuchen, — denn es war doch nur ein Traum!

»Auch die grünen Lehnsessel — und das alte Sofa, das in meinem Zimmer stand?« murmelte ich.

»Gewiß!« antwortete sie mit heller Stimme, aus der der scharfe ostpreußische Akzent mehr als sonst hervortrat. »Ihr alle habt, was ihr braucht, — das Gerümpel hätte kaum noch einen Umzug ausgehalten; — nur Silber, Glas und Porzellan ließ ich bei Ilse auf den Boden stellen. Ich habe lang genug all dies Schwergewicht mit mir gezogen.«

Mir schoß das Blut in die Schläfen: So strich sie Jahrzehnte ihres Lebens aus und mit ihnen die Erinnerung! Schon hatte ich bittere Worte auf der Zunge. Ich hob den Blick: Der Ausdruck ihrer Züge entwaffnete mich. Mir war, als sähe ich plötzlich bis zum Grunde ihres Herzens. Dem Götzen der Pflicht hatte sie ihr Leben geopfert und wußte nun nicht einmal, wie groß ihre Sünde gewesen war. Jetzt erst trat sie aus dem Dämmerdunkel seines Tempels ans Tageslicht und grüßte es, als sähe sie es zum erstenmal. Arme Mutter! Keinen Strahl deiner schon leise sinkenden Sonne will ich dir verdunkeln, dachte ich, und bat ihr im stillen ab, was ich an heimlichem Groll gegen sie im Herzen getragen hatte. Als ich sie zum Abschied küßte, liebte ich sie, — mit jener mitleidigen Liebe, die eine einzige Trennung ist.

Es war gut, daß sie ging, — für sie und für mich. Der Glaube, daß ihre Kinder keine materiellen Sorgen hatten, gehörte zu dem Glücksgefühl, mit dem sie die späte Freiheit genoß. Hätte ich sie zurückgehalten, ihr in meine Häuslichkeit Einblick gewährt, er wäre doch erschüttert worden. Ich mußte selbst mit mir und den Verhältnissen fertig werden.

»Eine Villa im Grunewald, —« wie oft hörte ich in den Kreisen der Parteigenossen mit einem mißtrauisch-hohnvollen Blick auf mich diese vier Worte flüstern. Sie wußten nicht, daß uns kein Stein von ihr gehörte, daß sie aber mit dem Gewicht aller ihrer Steine auf uns lastete. Die Zinsen, die wir zu zahlen hatten, waren schließlich doch höher, als die Miete gewesen; Haus und Garten erforderten mehr Arbeitskräfte, als die kleine Etagenwohnung, und das Leben hier draußen war auf Rentiers und Millionäre zugeschnitten, die den Grunewald allmählich bevölkert hatten. Noch mehr als früher war jeder Erste des Monats ein Schreckenstag für mich. Und wenn ich am Schreibtisch saß und meine Gedanken auf das Buch, an dem ich arbeitete, konzentrieren wollte, kamen die Sorgen grinsend aus allen Winkeln gekrochen und bohrten ihre Knochenfinger in mein Gehirn und zerdrückten meine Gedanken zwischen ihnen. Dann lief ich zu meinem Sohn hinauf oder spielte im Garten mit ihm, — denn über seinen Zauberkreis wagten sich die grauen Gespenster nicht.