Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spät: in der Nacht vor ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.

Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich mehr und mehr der Angst. Ich be obachtete Papa: er vermochte seiner Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein Brief von Mama. Er öffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer und schloß sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dünnen Wand: ein Stuhl fiel zu Boden — ein unterdrücktes Stöhnen — ein bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefühl zu folgen. Als Papa nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so müde, so zerfallen und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt worden war.

Eine Woche später kehrte Mama zurück. Ihre Schläfen waren grau geworden, und noch fester als sonst preßten sich die schmalen Lippen aufeinander. Mit einem kühlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns flüchtig die Hand und hatte nur für Ilschen einen zärtlichen Kuß. Zu Hause übergab sie mir ein großes Packet. »Ihren schriftlichen Nachlaß hat Mamachen dir hinterlassen,« sagte sie, »du kannst damit machen, was du willst.« Mir traten die Tränen in die Augen. Die liebe, gute Großmama! Nun würde sie doch für mich eine Lebendige bleiben! So rasch wie möglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurück. Aber ich hatte kaum die Siegel gelöst, die vielen Bänder geöffnet, als ein heftiger Wortwechsel zu mir herübertönte. »Hinter meinem Rücken hast du mein Erbteil verbraucht,« sagte Mama, »und daß auch meine Mutter mir verschwieg, was mich doch wohl am nächsten anging, — das verbittert mir noch die Erinnerung an die Tote ...«

»Habe ichs etwa für mich gebraucht?!« brauste Papa auf, »oder nicht vielmehr für dich, deinen Haushalt, deine Toiletten, und für die Kinder —«

»Und für deine Pferde, und die überflüssigen Geschenke, und dein ganzes großspuriges Auftreten!« setzte sie heftig hinzu. »Warum hast du mich behandelt wie ein unmündiges Kind, und mir nicht gesagt, daß wir von deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich hätte mich, weiß Gott, auch an größere Einschränkung gewöhnt — wie an so vieles andere!«

»Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben schaffen wollte! — Aber beruhige dich, liebe Ilse — beruhige dich. Ich hatte zwar gerade gehofft, daß wir nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben miteinander führen würden, — aber du erinnerst mich beizeiten daran, daß ich auch jetzt nichts weiter bin, als dein Portemonnaie....«

»Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, — sie täuschen mich über die Tatsache nicht hinweg, daß es doch nur mein Geldbeutel war, den du — angeblich in meinem Interesse! — geleert hast.«

Ich erwartete zitternd eine wütende Antwort, — statt dessen hörte ich, wie des Vaters Stimme umschlug und weich und flehend wurde.

»Ilschen — sei doch nicht so grausam — siehst du denn nicht, wie mich die Selbstvorwürfe schon gemartert haben? — Im Grunde hast du ja recht — ganz recht — aber es war doch nur meine große Liebe zu dir — die stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all das verschweigen ließ, die immer wieder — in jeder Form — um deine Gunst werben mußte, — ich würde auch Millionen für dich ausgegeben haben, wenn ich sie gehabt hätte...«

Das konnt ich nicht mehr mit anhören, — wie gejagt lief ich in den Garten hinunter.