Einmal war ein kleiner sächsischer Husar mein Tischnachbar — »Herr von Egidy«, hatte man ihn mir vorgestellt, — und ich hatte die gedrungene Gestalt mit dem runden Schädel kaum im Gedächtnis behalten. Jetzt fielen mir plötzlich ein paar große blaue Augen auf, die mich mit einem so reinen Ausdruck anstrahlten, wie er mir bei einem Manne selten begegnet war. Wir kamen in ein Gespräch, das mich, je überraschender sein Inhalt wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor hatte andere Gedanken hinter seiner breiten Stirn als die über Schwadronsexerzieren und Jagdreiten. Man hatte sich gerade über die jüngsten Verordnungen des Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller Wahrung der Form war doch der Ausdruck des Unmuts ein allgemeiner.
»Mich haben die Worte Sr. Majestät geradezu beglückt,« sagte Egidy. »Wir nennen uns Christen, und verleugnen die Lehre Christi fast täglich.«
Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen Austern und Mocturtle-Suppe über die Lehre Christi mit mir gesprochen. War das ein schlechter Witz? Ich begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung Lügen strafte.
»Wir sollen doch Christen sein, nicht heißen!« fuhr er fort »und der Heiland saß mit den Zöllnern bei Tisch. — Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein — ich vergaß — das ist kaum ein Dinergespräch mit einer jungen Dame — aber meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben Punkt —«
»Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von Egidy,« antwortete ich, »Sie warfen meine ganze gesellschaftliche Erfahrung über den Haufen, — und das verblüffte mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken, besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, für uns zu behalten. Ich wenigstens —«
»So haben Sie welche und verschweigen sie nur?!« Er lächelte — sein ganzes Gesicht leuchtete auf dabei, »Meinen Sie denn nicht auch, daß nur einer öffentlich auszusprechen braucht, was alle an — wie Sie sagen — ketzerischen Gedanken in sich tragen, um jedem die Zunge zu lösen?! Wie ein großes befreiendes Aufatmen würde es durch die Menschheit gehen —«
In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: »Das höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, und am Herzen des Weibes — —« Es gab ein allgemeines Stühlerücken — Anstoßen — Gelächter. Alles umringte mich und forderte von mir eine Antwort. Ohne viel Überlegung brachte ich auf die lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover wieder zu Leutnants geworden wären, einen Trinkspruch aus. Und wieder klangen die gefüllten Gläser aneinander, und alle Rosen, die die Tafel geschmückt hatten, häuften sich vor mir. Aber ich lächelte nur mechanisch über die Huldigung. »Wie ein großes befreiendes Aufatmen wird es durch die Menschheit gehen, wenn nur einer auszusprechen wagt, was alle an ketzerischen Gedanken in sich tragen,« — das ließ mich nicht los. In meinem Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, — war es wirklich meine höhere Pflicht, das Schwesterchen zu unterrichten, der Mutter die Haare zu kämmen und mit schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu verdienen — statt das erlösende Wort in die Welt zu rufen? Denn felsenfest glaubte ich daran, daß es ein erlösendes Wort sein würde.
Am nächsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte ein Manuskript bei sich, mit den klaren, großen Schriftzügen des Soldaten bedeckt, wie ich sie bei meinem Vater gewohnt war. »Ernste Gedanken« nannte er es. Wir waren ungestört, und er begann mir daraus vorzulesen, — eine Kritik der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis zu einem Christentum Christi ohne Dogmen, ohne Wunder, in einfachen lapidaren Sätzen geschrieben, durchglüht von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, an ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war das alles vertraut, und ich konnte mich einer leisen Enttäuschung, daß es nicht mehr war, nicht erwehren. Er schien meine Gedanken zu erraten.
»Ihnen ist das nichts Neues,« sagte er, »das freut mich. Neu daran ist doch nur, daß es jemand ausspricht.«
»Aber das haben schon viele vor Ihnen getan,« wandte ich ein, »Strauß, Renan, die Protestantenvereinler —«