»Fräulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus, als ob sie mit Haut und Haaren der Philologie verfallen wäre,« lachte der Dichter, ein wenig verlegen ob der Ungezogenheit seiner Gefährtin.
»Ich danke Ihnen für die gute Meinung,« antwortete ich und setzte mich auf einen geraden Holzstuhl, der mit ein paar anderen seinesgleichen, einigen von Zeitschriften beladenen Tischen und schlichten Bücherregalen die Einrichtung des Raumes bildete. Es schien als sei diese Einfachheit wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger und beherrschender traten die Goethe-Bilder hervor, die die Wände schmückten. »Tatsächlich habe ich gar keine Neigung zur Philologie, — sehen Sie nur, wie all der aufgehäufte papierne Wissenskram schon vor dem bloßen Abbild des lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es widerstrebt mir geradezu, ihn zu vermehren.«
»Warum tun Sie's denn?!« rief die junge Schrift stellerin, spöttisch lachend. Ich schwieg. Ich hatte die Empfindung, schon viel zu viel von mir selbst verraten zu haben. Der Dichter, bemüht, zwischen mir und dem Mädchen zu seinen Füßen eine Brücke zu bauen, lenkte ein: »Seien Sie ihr nicht böse. Sie ist viel besser, als sie sich gibt, und mit der borstigen Außenseite will sie nur das allzu Weiche ihres Inneren verstecken.«
»Sie will?!« Juliane Déry sprang auf und wühlte mit nervösen schmalen Fingern, die merkwürdig wenig zu der kurzen breiten Hand und dem vulgären Handgelenk paßten, in ihrem wirren Haarschopf. »Sie will gar nicht. Aber zuweilen muß sie. Und das Müssen widert sie an. Nicht verbergen, bloßlegen, was ihr im Innern lebt — ganz nackt und bloß —, daß Ihr guten anständigen Leute eine Gänsehaut kriegt, das will sie, — das wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben dienen, — und keinem toten Götzen.« Mir stieg das Blut in die Schläfen. Das Zimmer hatte sich gefüllt. Wie konnte man vor all diesen fremden Menschen die Pforten seiner Seele aufreißen, dachte ich, und doch beneidete ich sie, weil sie es konnte.
Sie hatte einen Funken ins Pulverfaß geschleudert. Eine allgemeine Unterhaltung über das Wollen und Können der Jungen entspann sich, bei der die scheinbar ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung gerieten, — jene Erregung, die immer verrät, daß der Kampf aufhört, objektiv geführt zu werden. Ich hörte mit steigendem Erstaunen zu. Verteidigten sie nicht im Grunde ihre persönliche Ruhe, wenn sie mit Keulen auf alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben verkündigten?
»Der Pöbelruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu Kopfe gestiegen,« eiferte Dr. Friedrich, der von vielen als zweiter Lessing gepriesen wurde, und sein schmales bartloses Gesicht rötete sich. »Man spekuliert auf die ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit natürlich die Masse auf seiner Seite. Was würde der Große hier sagen« — er wies mit einer theatralischen Gebärde auf die Bilder an den Wänden — »wenn er diese Entartung der deutschen Literatur hätte erleben müssen!«
Eine Pause trat ein. Juliane Déry stampfte mit dem Fuß und biß sich die vollen Lippen wund, aber auch sie schwieg. Die Autorität des gefürchteten Mannes wirkte lähmend auf alle. Ich allein war noch viel zu naiv, um von seiner Macht eine Ahnung zu haben.
»Ich glaube, niemand würde die Jungen besser verstehen und würdigen als er,« begann ich leise und stockend, während ängstliche, warnende und spöttische Blicke sich auf mich richteten. »Sein Werther, sein Meister, sein Faust und sein Gretchen vor allem mögen die meisten seiner Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit nicht minder verletzt haben als die Enthüllungen des äußeren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute verletzen. Mir scheint, Dichter und Künstler müssen uns die Wahrheit zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den Mut haben, sie aus eigener Kraft zu sehen.«
Man unterbrach mich; Rufe der Entrüstung wurden laut, ich wollte schon verschüchtert schweigen, als ein kühler, herausfordernder Blick Dr. Friedrichs mich traf, der jetzt dicht vor mir stand.
»Reden Sie nur weiter, gnädiges Fräulein, reden Sie! Es ist psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die Dinge auf Menschen wirken, die, wie Sie, dem Leben so fern stehen.«