»Du siehst die Dinge wirklich nur von außen, lieber Hans,« rief Onkel Walter, der sich als Reichstagsmitglied fühlte und sich gern das Ansehen gab, als wäre er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht; »tatsächlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, und das um so rascher, je mehr man uns, die einzigen Stützen der Monarchie, vor den Kopf stößt. Ist es er hört, daß von einem preußischen Könige Ausdrücke wie der von der Rebellion der Junker kolportiert werden können, daß Reden gehalten werden, wie auf dem brandenburgischen Provinziallandtag, die nichts anderes sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!«
Meine Mutter stimmte eifrig zu. »Der Geist der Unzufriedenheit, von dem der Kaiser sprach, und der die Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo zu suchen!« sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne Literatur. Seitdem sie »Die Ehre« und »Sodoms Ende« gesehen hatte, schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht zu sein und schwankte zwischen der Empörung, die die traditionelle Auffassung von dem, was sich schickt, ihr auspreßte, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr Gerechtigkeitsgefühl sie zwang. Sie wünschte sichtlich ihre Empörung zu stärken, aber unsere Gäste hielten dies Thema nicht für der Mühe wert, um sich deswegen zu erhitzen. »Wie kannst du dergleichen ernsthaft nehmen,« meinte Onkel Walter achselzuckend; »eine neue Form amüsanter Schweinereien — nichts weiter.« Nur Tante Jettchen ereiferte sich: »Anständige Leute gehen in solche Stücke nicht.« Und erleichtert über die Wendung des Gesprächs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.
Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele gespielt hatte, saß ich in steigender Erregung. Plötzlich trafen mich die scharfen Augen des Familienorakels. »Ich glaube gar, das Küken möchte mitreden, wo sie nicht einmal hinhören sollte.« Ich wurde rot. Auf der faltigen Stirn der alten Frau erschienen hundert neue Runzeln. »Du erlaubst dir am Ende, eine andere Meinung zu haben?!« forderte sie mich heraus. Ver legenheit vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, Angst vor dem Skandal, den ich erregen würde, ließen mich schweigen. Aber als wir Jugend beim Abendessen, getrennt von den anderen, zusammensaßen und Hermann Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die mir in seinem Munde doppelt lächerlich vorkam, verteidigte ich die moderne Richtung in Kunst und Literatur, und zwar um so schärfer, je mehr mich die Beschränktheit und der dumme Hochmut der anderen empörte.
»Weiß Tante Klotilde um deine Ansichten?« frug unvermittelt eine der Potsdamer Kleves und streifte mich mit einem schiefen, lauernden Blick.
»Ich würde vor ihr am wenigsten Anstoß nehmen, sie zu entwickeln,« antwortete ich und warf den Kopf zurück.
»Von dir wundert mich schon gar nichts mehr,« meinte Hermann naserümpfend. »Wer sich mit jüdischen Literaten intimiert ...«
»Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im Grabe —« spottete ich.
Er warf mir einen bösen Blick zu. Die anderen, ihrer tadellosen Ahnenreihe bewußt, lächelten leise. Das reizte ihn noch mehr. Er hieb mit der riesigen, weißen, gepflegten Hand auf den Tisch, daß sein Kettenarmband klirrend unter der Manschette hervorsprang.
»Und du spiel' dich nicht auf,« zischte er zwischen den Zähnen hervor; »mit deiner Vergangenheit hast du am wenigsten Grund dazu.« Ein unartikulierter Laut ließ mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden, Fritz hatte ihn ausgestoßen. Er saß da, kreideweiß im Gesicht, mit zuckenden Lippen.
»Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten, Baron Wolkenstein,« herrschte er Hermann an. »Habe gar keine Ursache, Herr von Langenscheid,« antwortete dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurück und steckte die Hände in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig die heißen Finger meines Verteidigers. »Mach doch keine Geschichten, Fritz —, Hermann ist taktlos wie immer — bitte, mir zuliebe, beruhige dich! — das ist ja gräßlich — hier, im Hause meiner Eltern!«