An einem Lenztag, der so reich war, als hätten alle Lieder der Sänger Weimars sich in Duft und Glanz und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf nach Belvedere. Der Großherzog hatte uns zum Frühlingsfest in sein Schlößchen geladen. In eine Laube von Maiglöckchen und Rosen war der runde Gartensaal verwandelt; durch die weit geöffneten Türbogen lachte der blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen Kristallen der Tafel glänzte die Sonne, die Zahl der Tischgäste überstieg nicht die der Musen, und ein heiteres Gespräch, das wie der Wiesenbach alle Ecken und Kanten meidet und selbst die Steine streichelt, die ihm im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine Gedanken zuweilen den Faden verloren, und der Märchenwald am grünen Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien und kühler Bergwind mir die Stirn umstrich? — der Duft der Maiglöckchen war es wohl, der den Zauber hervorrief.
In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem Diner. Er zeigte mir das Labyrinth und die Naturbühne und wies mit liebevoller Bewunderung auf die sanften waldigen Hügelketten, die sich weit bis in die Ferne dehnten. »Das ist Schönheit,« sagte er, »ruhig-vornehme Schönheit, ein reiner Rahmen für echte Kunst, wie wir sie in Weimar gepflegt haben und pflegen werden. Ich freue mich, daß Sie uns helfen wollen. — Sie werden in Weimar bleiben, nicht wahr?« Ich antwortete ausweichend. Er verstand mich falsch: »Eine Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, dürfen Sie mir überlassen,« und mit einem freundlichen Händedruck wandte er sich anderen zu. Auf dem Heimweg gratulierten mir meine Verwandten. Graf Wendland, der hinter den Allüren eines tadellosen Hofmannes einen klugen, merkwürdig freien Menschen verbarg, meinte mit einem feinen Lächeln: »Der weiße Falke wird der Hofhistoriographin nicht fehlen. Ein Ziel, aufs innigste zu wünschen, nicht wahr?!«
An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen Tanten zum Souper. Aber es war eine, die nicht wie die vielen war, — ein Original, über das die Familie die Achseln zuckte und die Köpfe schüttelte. Sie hatte sich schon in ihrer frühen Mädchenzeit Weimar zum Trotz ihr eigenes Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde unter den Künstlern und Dichtern, die sonst in Goethes Stadt doch nur zu wirksamen Dekorationsstücken der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie allmählich zur mütterlichen Freundin all der jungen Menschen geworden, die hier auf der steilen Leiter zum Ruhm die ersten Schritte taten oder künstlerische Offenbarungen suchten. Und wem der Zwang des Hofes lästig wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies Wort auf der Zunge brannte, der kam zu ihr.
Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die Alten und Jungen: Lassens jovialer Künstlerkopf tauchte neben dem schönen Schillerprofil Alexander von Gleichens auf; ein paar auswärtige Freunde, Schriftsteller und Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag schon angekommen waren, fanden sich ein; Richard Strauß stand schüchtern in einer Ecke, der blasse junge Kapellmeister, den die meisten verlachten, und der hier bei der gütigen Frau, die ihn eben in schwerer Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und schmal und blaß wie er, in altmodischem Sammetkleid und glattgescheiteltem Haar tauchte ein Mädchen — nicht jung, nicht alt — in der Türe auf, das mir die Tante schon oft als großes dichterisches Talent gepriesen hatte: Gabriele Reuter. Und eine junge Sängerin kam, eine bayerische Oberstentochter, die trotz ihrer schönen Stimme auf der Bühne nicht heimisch werden konnte und ängstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen suchte, die sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte wie ein Feldherr die bunte Gesellschaft und das Gespräch, — und warf ein geistvolles Wort hinein, wenn es auf die Landstraße allgemeinen Klatsches zu geraten drohte. Schließlich stritt man sich hitzig über Weimars Bedeutung für das geistige Leben der Gegenwart.
»Künstler bedürfen der Ruhe,« sagte Gleichen, »aber sie verkommen und versauern, wenn sie nicht immer wieder mit einer Ladung von Ideen aus der Welt draußen hierher zurückkehren.«
Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger Historiker, der im großherzoglichen Hausarchiv tätig war. »Für den Mann der Wissenschaft gibt es nichts Besseres, als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo nichts ihn von seinen Studien ablenkt.«
Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. »Alten Leuten mag das entsprechen. Euch Jungen aber muß der Sturm erst tüchtig um die Nase blasen,« sagte sie. »Ausgegangen sind viele von hier, mit Schaffenskraft gesättigt, aber etwas geworden sind sie erst außerhalb unserer milden Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, — hinaustreiben möcht ich Euch alle miteinander,« und damit nickte sie dem schmalbrüstigen Musiker und der schüchternen kleinen Schriftstellerin zu, um sich gleich darauf an mich und an Eberstein zu wenden, der neben mir saß und ihr Neffe war:
»Ihr seid beide schon in Vorschußlorbeeren eingewickelt bis an den Hals, aber trotzdem gebe ich euch noch nicht auf. Habt die Selbstverleugnung, sie abzureißen! Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der Hinterhausstuben.«
»Sie sind ganz blaß und still geworden, liebes Fräulein,« sagte Gleichen, als er mich spät in der Nacht nach Hause begleitete. »Glauben Sie, ich hätte meine verrückten Krautgärten malen können, wenn ich die Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen hätte als hier?!«
Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich ihm zum erstenmal begegnet war.