»Nach Pirgallen?!« frug die kleine Rokokogräfin erstaunt. »Man rechnet doch auf dich für Wilhelmstal!« »Ich werde ablehnen müssen, — mein Buch soll zum Herbst fertig werden, — ich brauche den Sommer zur Arbeit,« antwortete ich ein wenig zögernd. Es war ein paar Augenblicke still in dem weißen, von der Morgensonne hell durchfluteten Speisesaal. Nur der Teekessel sang, und draußen über das holprige Pflaster rasselte eine Hofequipage.

»Überlege es dir reiflich,« begann Graf Wendland langsam und sah mit gerunzelter Stirn auf seine blanken Fingernägel. »Es ist vielleicht eine Lebensentscheidung, die du triffst«, — ein langer prüfender Blick traf mich, — »du weißt wohl noch nicht — Prinz Hellmut hat am Mariental das Schloß seiner eben verstorbenen Tante übernommen ...«

Wieder war es still. Ich hörte das Summen einer Biene am Fenster und sah, wie schwarz und schwer das alte eichene Buffet sich von der weißen Wand abhob. Mein Herzschlag setzte aus, um im nächsten Moment atemlos zu toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut — —! Er hatte mich gehen heißen, als ich mich ihm geben wollte — —! Aber hatte er nicht, wie ich, unter dem Zwang großer, selbstverleugnender Liebe gehandelt — —? Doch warum kam er nicht wieder — jetzt, da er ein freier Mann war? — Ich strich mir mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der Stirn:

»Mein Entschluß steht fest, — ich gehe nach Pirgallen!«

Und nun saß ich in Großmamas stillem, grünem Zimmer unter dem weißen Marmorbild ihres Vaters, und aus dem Garten grüßten die Jasminsträucher mit großen, süß duftenden Blüten. Niemand störte mich in dieser Einsamkeit. Onkel Walter fürchtete die Räume der Toten, als ginge ihr Geist darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der Vater ritt mit dem Schwesterchen durch die Wälder, wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten wollen. Bücher und Notizen lagen in großen Stößen auf dem Tisch der Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften mir alle Gedanken ein. Tot und leer waren all die vielen Papiere, — wie sollte je etwas Lebendiges aus ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde die fremden Dinge und Menschen an? Was würde die Welt davon haben, wenn ich des langen und breiten von denen erzählte, die im Dunkel geblieben wären, wenn nicht ein ganz Großer sie in seine Nähe gezogen hätte?

In Großmamas Bücherschrank standen Goethes Werke in langer Reihe mit grünen Einbänden und weißen runden Schildern auf dem Rücken. Ich begann zu lesen — stundenlang, tagelang, wochenlang —. Und je mehr ich las, desto mehr zog ich mich in die Räume zurück, die eine stille Insel waren mitten im Weltgetriebe. Täglich schmückte ich sie mit frischen Blumen, wie Großmama es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln Sammetportieren vor Türen und Fenster und steckte die Ampel an mit der großen Flamme unter dem sonnengoldnen Seidenschirm. Wenn ich dann halb die Augen schloß, sah ich das Zimmer erfüllt wie von einem flimmernden Nebel, aus dem die Statue Goethes immer größer und lebendiger hervorwuchs.

»Rede zu mir, Meister!« flehte meine Seele. Und er redete.

»Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem Werke gleich,« zürnte er.

»Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?!« schrie meine Seele.

»Bleibe nicht am Boden haften — frisch gewagt und frisch hinaus,« hörte ich die Stimme des Mahners, »dem Tüchtigen ist diese Welt nicht stumm, — tätig zu sein, ist seine Bestimmung!«