»Können Sie mich mit ihm bekannt machen?« Mein rasch entstandener Wunsch formte sich ebenso rasch zur Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.

»Er ist Atheist und Sozialist,« kam es mit harter Betonung über seine Lippen.

Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht wehren, der mir zitternd über den Rücken lief. Aber mein Wunsch wurde nur noch stärker.

»Stellen Sie mich vor,« bat ich dringend. Er sah mich von der Seite an: »Aber die Verantwortung tragen Sie allein!«

Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: »Fräulein von Kleve möchte dich kennen lernen, Georg, — sie ist Schriftstellerin.«

Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. »Dann freue ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft,« sagte er, und seine Hand umfaßte die meine mit einer kräftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut hätte. »Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn für unsere Gesellschaft.«

»Auch ein Gewinn für die Kunst und die Wissenschaft?« meinte ich zweifelnd.

»Gewiß! Sobald alle Universitäten und Akademien ihnen offen stehen, wie den Männern!« Ich sah ihn verwundert an. Nur aus Witzblättern hatte ich bisher vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir eine russische Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem Rock und kurz geschorenen Haaren begegnet, die meine tiefe Abneigung gegen die Verleugnung der Weiblichkeit nur steigerte. Zögernd äußerte ich meine Ansicht. Der Professor lächelte. Die Witwe mit den angejahrten Töchtern ging gerade vorüber.

»Sind diese armen alten Mädchen, die nun schon seit Jahren hier auf den Heiratsmarkt geführt werden, vielleicht würdigere Vertreter der Weiblichkeit?« sagte er, »die russische Studentin ziehe ich ihnen jedenfalls vor; und so arm sie sein mag, — sie selbst würde keinenfalls mit ihnen tauschen mögen. Denn sie hat ihre Freiheit, ihre Arbeit und ist tausendmal reicher als jene.« Er schwieg, aber da ich nicht antwortete — das was er sagte war mir in seiner einfachen Selbstverständlichkeit doppelt überraschend —, fuhr er nach einer Pause fort: »Stellen Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, — wie unglücklich müßte sie sich fühlen, weil sie nicht nur von vielen Freuden des Lebens ausgeschlossen, sondern vor allem, weil sie nutzlos, weil sie überflüssig ist. Ich aber bin vollkommen glücklich!«

Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zurück, legte die Hände übereinander auf die schwarze Pelzdecke und sah mit einem Ausdruck der Verklärung über die Menschen hinweg in die gelben tanzenden Blätter, in die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich war keines Wortes mächtig und dankbar, daß die Eltern, die mich suchten, mich jeder Antwort überhoben.