Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die mich den fernen Freund schon mit geschlossenen Augen und erblaßten Lippen auf dem Totenbette sehen ließ. Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu be nutzen, — aber konnte — durfte ich den Kranken durch meine überraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht doch vielleicht nach einem unwürdigen Sichaufdrängen aus? Ich errötete unwillkürlich. Auf dem Bahnhof bat ich ihn telegraphisch um Nachricht über sein Befinden und kündigte meine Rückkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf in die stille Tragheimer Kirchenstraße mit ihrem ausgefahrenen Pflaster und ihren altersgrauen Häusern. Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies Königsberg, dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an den Ernst des Lebens erinnert und ihre Bürger zwingt, still in sich selbst Einkehr zu halten. Wäre ich hier aufgewachsen, vielleicht hätte meine Sehnsucht nie über ihre Wälle und Gräben hinaus verlangt!
Im phantastischen Kostüm einer Zarewna, Augen und Wangen glühend vor Eifer, empfing mich Lisbeth. So — gerade so hatte ich sie einmal in Schwerin auf der Bühne gesehen. Was sie spielte, vergaß ich oder wußte es nie. »Wie schön sie ist!« hatte ich damals bewundernd geflüstert »Du — du bist viel tausendmal schöner —« war mir aus dem Dunkel der Loge heiß ins Ohr geklungen ...
Ein Wortschwall zärtlicher Begrüßung entriß mich dem Taumel der Erinnerung. Still — ein bißchen verlegen, die Augen in offenbarer Bewunderung auf seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der typische deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden Äuglein und linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. In eine Laube von blühenden Sommerblumen war das Wohnzimmer verwandelt, grüne Girlanden hingen von der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen. Und plötzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster ein weißes, goldhaariges Geschöpfchen lächelnd auf mich zu. Lisbeths sprudelndes Plaudern brach ab, ihr erhitztes Gesicht nahm einen Ausdruck still-seliger Verklärung an; — »mein Kind!« sagte sie leise und legte die Hand auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen Tränen, brennendheiße, in die Augen: Ihr Kind! — Wie reich mußte sie sein!
Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen Buben; seine rosigen Füßchen, seine runden Ärmchen, die Grübchen in den Händen und in den Knieen mußte ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrünstig-fromme Beter, die selbst der Ungläubigste nicht zu stören wagt. In diesem Augenblick lag es um mich wie ungeheure Einsamkeit.
Noch war ich zerstreut und bedrückt, als Sindermann kam.
Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren Erlebens nur die Allernächsten, und seine Erscheinung wirkte völlig fremd. Ein » bel homme « — es gibt keinen deutschen Ausdruck, der denselben Sinn hätte — mit liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen Allüren, großen breiten Händen und runden fleischigen Fingern daran.
Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung reservierter Verschlossenheit, die zu der phantastischen Umgebung und dem romantischen Kostüm der Hausfrau in demselben peinlich-komischen Gegensatz stand wie die Nüchternheit aller Ostelbier zum Karnevalstrubel. Nur einem Gegner pflegt sie allmählich zu weichen: dem Wein. Als in Lisbeths von dem gedämpften Kerzenlicht bunter Lampions erhellten künstlichen Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und Armen der falschen Zarewna leuchteten und glänzten wie Perlen und Brillanten, verschwand nach und nach jener erste Eindruck der Fremdheit.
Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von der Kunst der Moderne, von der Frauenfrage, von der Sozialdemokratie. »Ich bin Sozialist,« sagte Sindermann, »weil ein denkender Mensch heute nichts andres sein kann, —« schon klopfte mir das Herz höher vor Freude — »aber ich glaube nicht, daß die Ideen des Sozialismus sich in absehbarer Zeit erfüllen werden.« Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die Zukunftshoffnungen der Ethischen Bewegung und führte all meine Gründe ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu machen. Er lächelte; in dem rötlichen Dämmer des Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es das Lächeln des Spötters oder das tragisch-resignierte des Pessimisten war. »Wir Deutschen sind vorläufig unfähig, uns zu würdigeren inneren und äußeren Zuständen aufzuschwingen,« meinte er dann, »und so sehr ich alle Ihre Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, daß Sie unter den Künstlern Proselyten machen werden. Nicht viele fassen ihre Aufgabe auf wie ich —« er schwieg und betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen. Dann warf er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.
»Und Ihre Auffassung wäre?!« frug ich gespannt.
»Der Dichter muß das Leben wiedergeben, wie es sich ihm darstellt; das vermag er nur dann, wenn sein Herz weit genug ist, um das ganze Leid der Gegenwart mit zu fühlen. Während die Dichter der Vergangenheit Tugend und Laster auf die Bühne brachten und den Zuschauer dadurch befriedigten, daß eine vergeltende Gerechtigkeit den Schluß herbeiführte, zeichnet der moderne Dichter das wahre Bild des Lebens und ruft den Zuschauern zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will mein Publikum nicht amüsieren, ich will ihm nicht die Zeit tot schlagen helfen, ich will es aufrütteln, will es zur Erkenntnis von Wahrheiten führen, denen es im Leben aus dem Wege geht. Heißt das nicht auch ethisch handeln?«