Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen wie vor ihr. Lähmend wirkte ihre Kühle auf mich. Wie eine stumme Geige war ich in ihrer Nähe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.

»Warum denn, Mama?« frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf sie gerichtet, »ich werde sicher gut aufpassen und immer fleißig sein.«

»Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergnügen?!« Ihre Stimme wurde schärfer: »Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!«

Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berührt, trieb mir die Schamröte in die Wangen.

Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich sah die Worte nicht; ich hörte auf den Regen, der eintönig gegen die Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.

Am nächsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama saß richtig mit einer Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel Hoffnung erfüllt hatte, und wir waren schließlich sichtlich enttäuscht voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit altkluger Bitterkeit, daß ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut hätte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Gefälligkeit zu, und schließlich war sie dermaßen ausgedehnt, daß ich meine Eltern fast nur zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Bälle, Wohltätigkeitsvorstellungen folgten einander auf dem Fuß. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die pflichtgemäße Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu begrüßen, wenn er kam. Täglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene: mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hüsteln, das sein gewaltiger Brustkasten Lügen strafte, trat er ein. »Sind Sie zufrieden mit Alix?« frug Mama. »O sehr,« antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch die Stirne küssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefühl der Erleichterung nahmen wir einander gegenüber Platz. Der Diener brachte den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein näheres Bekanntwerden von Lehrer und Schülerin herbeiführen sollte. Aber es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank herunter und zerbröckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern, während er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrückte, desto heller leuchteten seine Augen, desto reicher strömten ihm alle Mittel eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts als eine Anhäufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen, so leblos und reizlos für mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und Tanten meine Schubläden füllten, so strömte jetzt mit ihm das Leben selbst mir zu, dessen Fülle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, — von Leonidas und Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der Neuzeit —, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir, und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen Mädchen die unvergänglichsten ihrer Schätze. Wenn sie auch ihren Wert noch nicht zu würdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrünstigem Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher für sie nur erfüllt mit den Nebelgestalten ihrer eignen Schöpfung, sah sie nun aus tausend lebendigen Augen an.

Mündlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehörtes nicht nur automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrücke und Gedanken daran zu knüpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden, und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln, so bäumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah es, daß mein Verstand ihm recht geben mußte, so trauerte ich verzweifelt vor dem gestürzten Heros, als wäre mir ein Freund gestorben.

Ein hoher hölzerner Fußschemel war meine Rednertribüne. Ich konnte nicht zusammenhängend sprechen, wenn ich am Tische saß oder stand; ich bedurfte eines merkbaren räumlichen Abstands zwischen mir und dem Zuhörer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in Mamas Gegenwart half auch der Fußschemel nichts, seitdem sie einmal zugehört und über mein Pathos Tränen gelacht hatte. Mein Lehrer ver stand mich; kam sie zufällig herein, während ich sprach, so wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer, wenn wir nicht allein blieben.

Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt, als Dr. Meyer Friedrichs des Großen Polenpolitik einer abfälligen Kritik unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller Begeisterung für das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenüber einen scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach meine Mutter plötzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst so vornehm kühlen Frau wie etwas völlig neues erschien: »Herr Doktor,« rief sie, »vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind Preußen!« — »Verzeihen Sie, gnädige Frau,« entgegnete er, während das Blut ihm in Wangen und Schläfen schoß, »die objektive Geschichtsforschung ...« — »Was geht mich die objektive Geschichtsforschung an,« warf sie heftig dazwischen, »wir haben unser angestammtes Fürstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug.« Ich erwartete eine energische Antwort. Doch der große, starke Mann schien in sich zusammen zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht färbte sich noch dunkler. Als wollte er einen bösen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit der Hand, deren Weiße zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast bildete, ein paarmal über die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch ge stattete, und verabschiedete sich noch unbeholfener als gewöhnlich. Mir gab es einen Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich verletzte, es war nur ein erster schüchterner Trieb beginnenden Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so herunterputzen ließ! Der seine Überzeugung nicht zu vertreten vermochte! Daß Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen mußten, den er verdiente, — das freilich wußte ich damals nicht.

Für mich, für die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum erschütternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch immer sah ich Tag für Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er war doch nur der Türhüter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der Führer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er öffnete mir einen Saal nach dem andern, aber ich ging schließlich doch allein. Wenn es auch sein höchstes Verdienst war, daß ich allein gehen lernte, — nicht auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es gilt, über Felsen zu klettern —, so ist doch die Seele des Kindes zu weich, zu schutz- und anlehnungsbedürftig, als daß sie auf einsamer Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden über Wunden davontragen müßte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige in die Hände fielen.